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Schöb betont die Schweizer Fehler in der Nachwuchsausbildung

kicker

Schöb, der in seiner Karriere mit Kindern, Junioren und Profis gearbeitet hat, sieht die grösste Aufgabe von Nachwuchstrainern nicht in der Vermittlung von Taktik: "Es geht darum, die Freude am Sport zu wecken und den Kindern das 'Eishockey-Virus' einzupflanzen, damit sie gerne in die Eishalle kommen." Doch in der Schweiz läuft nicht alles rund.

Ergebnisdruck im Kinderbereich

Ein brisantes Thema ist die Bedeutung von Resultaten und Tabellen in den jüngeren Altersklassen. Zwar gibt es Stimmen, die fordern, Resultate komplett abzuschaffen, um den Druck auf Kinder zu minimieren. Schöb sieht das anders: "Kinder wollen sich messen und wissen, wer gewonnen hat - auch im Training." Das Problem entstehe erst, wenn Resultate überbewertet werden. "Was lösen Ranglisten im Umfeld des Kindes aus?" Vor allem bei den Trainern: "Wie coache ich, wenn ich ein U-11-Turnier unbedingt gewinnen will? Welche Spieler forciere ich?"

Zu frühe Selektionen

Schweizer Eishockey wird oft vorgeworfen, Talente zu früh auszusortieren. Anders als in Kanada, wo Eishockey als Nationalsport eine riesige Basis hat und Talente kaum verloren gehen, konkurriert der Sport in der Schweiz mit vielen anderen Disziplinen. Trotzdem wird hierzulande schon auf U-15-Stufe stark selektioniert. Ein Fehler, wie Schöb betont: "Kinder in diesem Alter befinden sich in extrem unterschiedlichen Entwicklungsstadien.

So können beispielsweise in einem Jahrgang Spieler "ein Körpergewicht von 30 bis 90 Kilogramm haben." Es sei deswegen unglaublich schwierig, in diesem Alter das Potenzial eines Kindes korrekt einzuschätzen. Für Schöb ist klar: "Mindestens bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit sollte man so viele Spieler wie möglich mitnehmen." Sonst riskiere man, potenzielle Spätzünder zu verlieren.

Spätzünder: Vom Aussenseiter zum Profi

Schweizer Eishockey hat bereits gezeigt, dass auch Spätzünder den Sprung in die National League schaffen können. Schöb erinnert sich an Spieler wie Alain Graf vom SC Bern oder Jan Schwendeler von den ZSC Lions. Beide galten auf U-15-Niveau nicht als Top-Talente. Graf war weder der schnellste Schlittschuhläufer noch der beste Schütze, "ausgezeichnet haben ihn Charakter, Beharrlichkeit und Lernfähigkeit. Er war auch darum bereits eine Leaderfigur", so Schöb.

Ein weiteres Beispiel ist Niklas Blessing. 2021 wechselte er aus Basel in Biels U 17, obwohl er damals körperlich nicht auf der Höhe seiner Mitspieler war. "Wir gaben ihm eine Chance, weil schnell ersichtlich war, wie gut er das Spiel liest", erzählt Schöb. Heute ist Blessing mit 19 Jahren Stammverteidiger in Biel.

Vorbilder ohne Puck? Fehlanzeige

Ein weiteres Problem im Schweizer Eishockey sieht Schöb in der mangelnden Wertschätzung für das Spiel ohne Puck. So machen die Situationen mit Scheibenbesitz höchstens fünf Prozent eines Spiels aus, erklärt er. Doch die Highlights in den sozialen Medien zeigen meist nur spektakuläre Tore oder Dribblings - das Verhalten ohne Puck gerate ins Abseits.

Schöb sieht hier Handlungsbedarf. "Wir sollten nicht nur Szenen von Stars wie Roman Josi zeigen, sondern auch von Defensivkünstlern wie Anton Lindholm." Der NHL-erprobte Schwede glänzt beim SC Bern vor allem mit seinen defensiven Fähigkeiten. "Andere Länder sind uns da voraus", gibt Schöb zu bedenken. Gerade in Schweden sei das Spiel ohne Puck ein zentraler Bestandteil der Ausbildung.

Clubwechsel: Fluch oder Segen?

Ein weiteres Streitthema im Schweizer Eishockey ist der frühe Wechsel in grössere Clubs. Oft fühlen sich kleine Vereine von den Grossclubs ausgenutzt, wenn junge Talente bereits in frühen Jahren abgeworben werden. Schöb plädiert für Zurückhaltung: "Polysportive Kinder können sich auch in kleinen Clubs hervorragend entwickeln." Ein Wechsel sollte seines Erachtens idealerweise erst nach der obligatorischen Schulzeit stattfinden.

Er sieht in der Praxis der Skandinavier ein Vorbild: "Dort heisst es, dass du 50 Prozent dort spielen solltest, wo du vom Level her hingehörst, 25 Prozent dort, wo du überfordert und 25 dort, wo du unterfordert bist." So lernen sie, in unterschiedlichen Rollen zu bestehen - sei es, sich gegen Stärkere durchzusetzen oder ein Team zu führen.

Profis als Inspirationsquelle

Ein weiterer Ansatz für eine bessere Nachwuchsförderung: Der Einsatz von Profispielern als Trainer. Schöb spricht aus Erfahrung, wenn er sagt: "Ein Idol live zu erleben, kann vieles auslösen." Er erinnert sich, wie er als Kind mit Ivo Rüthemann trainieren durfte, dem einzigen Rheintaler NLA-Profi seiner Zeit. "Danach war jeder von uns Rüthemann- und SCB-Fan."

Auch wenn ehemalige Profis nicht automatisch gute Trainer sind, könnten sie mit ihrem Wissen und ihrer Präsenz viel zur Motivation und Entwicklung junger Spieler beitragen. Allein ihre Anwesenheit auf dem Eis sei Gold wert, betont Schöb.

Schweiz im Rückstand

Im Vergleich zu Ländern wie Schweden oder Finnland sieht Schöb die Schweiz in Sachen Nachwuchsausbildung im Rückstand. Diese Nationen setzen auf eine didaktische Ausbildung und bieten Jugendlichen in Clubs oft mehrere Teams auf derselben Stufe an. Dies ermöglicht eine bessere Anpassung an die individuelle Entwicklung der Spieler. Das Pyramidensystem der ZSC Lions sei ein positives Beispiel für die Schweiz, so Schöb: "Da kannst du die Spieler je nach Entwicklungsstand besser verteilen innerhalb des Clubs."

Patrick Schöb ist überzeugt: Mit der richtigen Förderung können mehr Schweizer Talente den Sprung ins Profigeschäft schaffen. Doch dafür braucht es Geduld, weniger Selektion und mehr Fokus auf die Entwicklung abseits der Puckjagd.