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Schweinsteiger-Phänomen, Tennis-Hassliebe, kein neuer De Bruyne: Warum Charles De Ketelaere trotzdem Belgiens Thronfolger ist

Lesezeit: 6 Min.
Charles De Ketelaere FC Brügge Getty Images

Charles De Ketelaere kann einem leid tun. Gerade einmal 20 Jahre ist er alt. Der erste belgische Fußballer, der mehr als ein Champions-League-Tor erzielt hat, ehe er dieses Alter erreichte. Erstliga-Spieler mit 18, Nationalspieler mit 19, Belgiens Nachwuchssportler des Jahres 2020. Und trotzdem kann er einem also unbedingt leid tun. Denn Charles De Ketelaere ist zwar stolze 1,92 Meter groß, dennoch versucht die Fußballwelt ihn in Schubladen zu stecken.

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Das Spiel bekommt schließlich nie genug. Immer wieder entdeckt es den nächsten Pelé, den nächsten Maradona, den nächsten Messi. Es bringt Balkan-Ballacks hervor und wer weiß, vielleicht raunte es in irgendeiner illustren Ecke dieser Welt auch schon vom walisischen Wörns. Charles De Ketelaere, in Brügge geboren, 500 Meter vom Stadion des FC Brügge aufgewachsen und seit dem siebten Lebensjahr Spieler des Klubs, ist wahlweise der nächste Kevin De Bruyne, Kai Havertz oder Roberto Firmino. Das liegt an der Hilflosigkeit jener, die ihn und sein Spiel beschreiben sollen. Und an De Ketelaere selbst.

Seine Profi-Karriere beginnt im September 2019. Der FC Brügge tritt im belgischen Pokal beim Drittligisten Royal Francs Borains an. 5.000 Zuschauer im Stade Robert Urbain. Ein Ort für Fußball-Romantiker und Freunde des Zugwinds. Der haushohe Favorit und amtierende Vizemeister aus Brügge siegt mit 3:0 und Charles De Ketelaere? Verschwindet erstmal wieder aus dem Kader. Spielt in der U19 Belgiens, im Youth-League-Team Brügges und taucht erst einen Monat später wieder in der ersten Mannschaft auf. In der Champions League. Startformation. Gegen Paris Saint-Germain unter Thomas Tuchel. Der deutsche Schiedsrichter der Partie, Daniel Siebert, wird später im 11Freunde -Podcast Wilde Liga sagen, es sei schwer vorstellbar, wie schnell Kylian Mbappé tatsächlich ist, ehe man es selbst erlebe. Brügges Spieler können ein Lied davon singen. Das Starensemble aus Frankreichs Hauptstadt siegt mit 5:0. De Ketelaere spielt 57 Minuten in einem 3-5-2 im zentralen Mittelfeld. Als er das Feld verlässt, steht es 0:1. Dann kommt der fünf Minuten zuvor eingewechselte Mbappé zum Zug. Drei Treffer und eine Torvorlage in 22 Minuten. Brügge zerfällt und hinterher bleibt aus belgischer Sicht wenig Positives über. Außer De Ketelaere.

"Er hat alles für eine großartige Karriere"

Eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften - De Ketelaere spielt nie richtig schlecht. Egal wie mies es für seine Mannschaft auch mal laufen mag. Egal auf welcher Position er ran darf, ran muss. Und der Linksfuß wird ordentlich hin und her geschoben auf dem Spielfeld. Es ist das Schicksal vieler Jung-Profis, vor allem jener, die sich eigentlich im zentralen Mittelfeld beheimatet sehen. Man könnte es das Bastian-Schweinsteiger-Phänomen nennen. Auch der Mittelfeldstratege der deutschen Weltmeister-Elf von 2014 begann seine Karriere jenseits des Zentrums. Er spielte viel auf den offensiven Flügeln, in der Saison 2005/06 gar fünf Partien als Linksverteidiger. Ein Schicksal, das auch Charles De Ketelaere ereilt, unter anderem bei einer Champions-League-Partie in Dortmund. Der BVB siegt mit 3:0, De Ketelaere bekommt es mit einem formstarken Jadon Sancho zu tun und ist trotzdem noch Brügges bester Feldspieler. Weil er physisch und technisch stark zugleich ist und trotz aller kreativen Fähigkeiten auch ein veritabler Balldieb. Inzwischen begeistert er als falsche Neun in der Sturmzentrale.

*NO TEASER* Charles De Ketelaere Kylian Mbappe

Philippe Clement (47), der Brügge zuletzt zu zwei Meisterschaften in Folge führte, der De Ketelaere vor Spielen in der Königsklasse immer mal wieder auf die Bank setzt in der heimischen Liga, um seinen Schützling nur ja nicht zu verheizen, sagt: "Top-Spieler haben nicht nur außergewöhnliches Talent, sie müssen auch intelligent sein. De Ketelaere hat beides." Brügges Torhüter Simon Mignolet, einst Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, sagt: "Er hat alles für eine großartige Karriere. Von seinem ersten Trainingstag an haben wir gesehen, dass er ein großes Talent ist. Er ist ein Segen für Brügge, aber auch für den gesamten belgischen Fußball."

Dass De Ketelaere bereits mit 19 Jahren für die Nationalmannschaft debütiert, ist wenige Jahre zuvor noch undenkbar. In der U15 macht er einen Wachstumsschub durch, wächst innerhalb eines Jahres um 13 Zentimeter. Der Körper reagiert mit Muskelverletzungen, De Ketelaere sitzt fast ausschließlich auf der Bank. Sein Jugendtrainer, so erzählt er es später der belgischen Zeitung Het Nieuwsblad , habe zu ihm gesagt: "Ich höre von allen, dass du viel Talent haben sollst, aber das habe ich noch nicht gesehen." De Ketelaere bleibt hartnäckig, so hartnäckig wie er sich auch heute noch auf dem Platz zeigt. Und so zielstrebig, wie er schon immer gewesen zu sein schien.

Flämischer Tennis-Champion und De-Bruyne-Best-Of

Im Alter von zehn Jahren wird er flämischer Tennis-Champion. Doch die Beziehung zwischen Tennis und De Ketelaere ist kompliziert. Er erträgt keine Gegenspieler, die Bälle aus geben, obwohl sie klar im Spielfeld aufgekommen sind. Auch Niederlagen kann er kaum ertragen. "Im Fußball ist es einfacher, Erklärungen zu finden, wenn Du verlierst. Im Tennis bist da nur Du", sagt er Het Nieuwsblad . Seine Mutter besorgt ihm einen Mental-Trainer. Trotzdem sagt der junge De Ketelaere nach einem Lehrgang von Flanderns besten Junioren-Tennisspielern und gefragt nach den Lebenszielen als einziger: Fußballprofi.

Inzwischen dürften die Ziele weitaus größere sein. Und nicht ausgehen. "Ich bin sehr selbstkritisch, mache mir selbst Druck. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals der Moment kommt, an dem ich sage: Ich kann nicht mehr besser werden." Immer wieder schaut er seine Spiele an, sucht nach Ansatzpunkten, sich zu verbessern. Seine Mutter wolle manchmal dabei sein, so De Ketelaere, aber "für sie sieht alles gut aus, ich mag es etwas kritischer".

Am ersten Spieltag der diesjährigen Champions-League-Saison traf der FC Brügge erneut auf Paris Saint-Germain, auf NMM - Neymar, Messi, Mbappé. Das Spiel endete 1:1, Brügge dominierte, allen voran diese 20-jährige, 1,92-Meter große Sturmspitze der Belgier. An diesem Abend, an dem sie für Messi kamen und über De Ketelaere staunten. Ehe sie ihn wieder in Schubladen stecken wollten. Immerhin jene, auf der Kevin De Bruyne geschrieben steht, passt wohl definitiv nicht so recht. Zumindest nicht nach dem Geschmack von De Ketelaere selbst, der zwar ein großer Bewunderer seines Nationalmannschaftskollegen ist, der sich immer wieder Videos von ihm anschaue, "vor allem sein Best-Of-Video der besten Vorlagen", über das De Ketelaere nur zu sagen weiß: "Paf, paf, paf." Der sich danach selbst bestärkt und denkt: Das kann ich auch! Nur um am nächsten Tag im Training festzustellen: "Nein, kann ich nicht. Wenn man das im Fernsehen sieht, denkt man, das ist einfach. Aber das ist es überhaupt nicht." Dabei kann man dasselbe auch längst über sein Spiel sagen. Und sicher sein, dass bald eine neue Schublade aufgemacht werden wird. Auf der steht: Charles De Ketelaere.

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