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Drogen im Viertel, Scheinentführung, U21-Europameister: Warum Chinedu Ede nie Profi werden wollte und das Fußballbusiness hasste

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Chinedu Ede Underground of Berlin 1920 1080 DAZN

Wenn ein Profifußballer seine Karriere mit 32 Jahren beendet, macht er das in der Regel nicht aus freien Stücken. Oft liegt es an der Gesundheit, teilweise am fehlenden Interesse von Vereinsseite oder dem eigenen Leistungsvermögen. Bei Chinedu Ede gab etwas anderes den Ausschlag.

Für Ede war das Karriereende im Sommer 2019 eine Befreiung. Ein endgültiger Ausbruch, raus aus den Strängen und Pflichten des Profidaseins. Weg von all der Heuchelei, Scheinheiligkeit und Arschkriecherei, die er erlebt hatte. Endlich wieder frei sein. Endlich wieder ohne Konsequenzen nichts darauf geben, was andere von einem halten.

Gut 13 Jahre lang ist Ede der Beruf des Profifußballers auf die Nerven gegangen. Das ging damals schon los, als er noch ein talentierter Nachwuchsspieler bei Hertha BSC war. Damals, in den Nuller Jahren, als er als Teil einer fünfköpfigen Clique den Jugendfußball der Hauptstadt aufmischte.

Wie ein Fuffi den Weg zum Profi ebnete

Entdeckt als rauer Straßenkicker im Käfig von Wedding, fußballerisch geschliffen in der Jugend der Reinickendorfer Füchse, vergoldet im Nachwuchsleistungszentrum der Hertha, gemeinsam mit seinen Freunden Kevin-Prince Boateng, Änis Ben-Hatira, Ashkan Dejagah und Patrick Ebert als Teil der sogenannten goldenen Generation. So zumindest war der Plan.

Schon in der B-Jugend verlor Ede allerdings den Spaß an der Sache. Zu viel Stress, zu viel Training, zu wenig Zeit für Freunde, zu wenig Zeit im Viertel. Ede schmiss hin und ließ sich erst ein dreiviertel Jahr später mit drastisch reduzierter Trainingszeit und einem Obolus überzeugen, weiterzumachen. Zwei Einheiten die Woche nur, mehr nicht, versprochen. Und hier, 'nen Fuffi kriegste' auch. "Eigentlich bin ich nur für den Fuffi zurückgekommen", lacht Ede im DAZN Original Underground of Berlin.

"Die anderen wollten immer Fußballer werden, für mich war es Spaß", sagt er. Der Traum vom Profifußball, Ede träumte ihn nicht.

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"Er hat immer bekloppte Leute kennengelernt"

Doch seine Begabung war zu groß, um sie zu ignorieren. Als Prototyp des Straßenfußballers war er ein kraftvoller, schneller Offensivspieler, der unbekümmert und abseits der Norm spielte. Der Unvorhersehbares auf den Platz brachte, unberechenbar war und mit dem Ball umgehen konnte, weil er jeden Tag mit seinen Kumpels im Käfig kickte.

Was anderes gab der soziale Hotspot Berlin-Wedding nicht her. Zu Hause wartete der strenge Vater, Schule, naja. "Ich war der eine Schüler, der einfach nur mit einem Stift kam. Kein Rucksack, kein gar nichts, nur ein Stift", grinst Ede. Stattdessen Reibereien und Räubereien auf der Straße und dem Bolzplatz, Umgang mit zwielichtigen Typen im Block, Kontakt mit Drogen verschiedener Art.

"Er hat immer bekloppte Leute kennengelernt. Er zieht das irgendwie an", sagt sein Freund Zeid Sassi in Underground of Berlin, mit dem Ede den meisten Unfug trieb. Zum Beispiel damals, als Sassi sich als geistig behindert ausgab und sie seine Entführung vorgaukelten, um zwei Mädchen zu verarschen. "Das war geschmacklos", sagt Ede heute. "Das Problem bei uns ist, dass keiner den anderen stoppt. Wenn der eine 'ne bekloppte Idee hat, ist der andere neugierig. Geht das? Funktioniert das? Was passiert dann?", sagt Sassi.

Tetris auf der Tanzfläche

"Wenn wir in den Club gegangen sind, hat er sich einen Stuhl genommen, sich auf die Tanzfläche gesetzt und Tetris gespielt. Er hat nichts getrunken oder so, er saß da und hat Tetris gespielt", erinnert sich Andreas "Zecke" Neuendorf in Underground of Berlin an die ungewöhnlichen Marotten seines ehemaligen Mitspielers. "Er war besonders. Ich mag Leute, die anders sind."  

Ede passte von Beginn an nicht in die Fußballer-Schublade. "Ich weiß nicht warum, aber ich mag dieses Asi-Ding", erzählt er, "deswegen bin ich halt auch immer in diesen Kreisen geblieben. Deswegen war ich auch immer in Clubs, die andere Profis gemieden haben. Ich fühle mich da wohler, als in einem fancy Café zu sitzen."

"Straßenjunge" wider Willen 

Dabei kommt der gebürtige Berliner aus einem guten Haus, das nicht in das Klischee des Straßenjungen mit Scheiß-egal-Attitüde passt. Überhaupt, diese Medien mit ihrem Straßenjungen-Ding. Ede rollt mit den Augen. Noch nie in seinem Leben hat er auf der Straße gelebt. Niemals würden er und seine Freunde von früher - manche sind es bis heute geblieben, manche haben sich auseinandergelebt - sich so bezeichnen. 

Edes Vater flüchtete als zwölfjähriges Kind aus dem kriegsgebeutelten Nigeria nach Deutschland und wurde Diplomingenieur, seine Mutter war Lehrerin, verstarb jedoch 2006, als Ede 19 war und seine erste Bundesligasaison mit der Hertha spielte. Der große Bruder gab Halt, der kleine blickte zu den beiden größeren auf.

Die Familienverhältnisse waren intakt, trotz eines dominanten Oberhaupts mit harter Hand. "Ich habe erst später verstanden, warum er härter war als andere Väter", sagt Ede. Der Respekt vor seinem Vater ist prägend: "Für die Scheiße, die er gesehen hat - Leute, die vor seinen Augen erschossen wurden -, dafür ist er absolut gesund und normal im Kopf. Hätte ich die ganze Scheiße gesehen, ich weiß nicht, da ziehe ich meinen Hut vor ihm."

Ein Bürostuhl statt einer Playstation

Ede erzählt die "traurige Geschichte" von Weihnachten, als er sich als Kind eine Playstation wünschte, und vom Vater einen Bürostuhl bekam. Aus dem elterlichen Wunsch des Akademikerlebens wurde trotzdem nichts. Berlin-Wedding hatte etwas dagegen, wie er sagt: "Ich bin von Intellektuellen erzogen worden - in einer asozialen Gegend. Und das in Kombination macht dich eine ganze Weile lang aus." Ede passte sich seinem Umfeld an: "Wenn du in Zehlendorf oder so groß geworden bist, hast du Angst, alles zu verlieren. Hier hat jeder mal verteilt oder kassiert und war trotzdem glücklich. Irgendwann hat es sogar Spaß gemacht, wenn du eine gefangen hast."

Vor allem der Tod der Mutter zog ihn immer weiter in den Sumpf. "Ich war danach skrupelloser unterwegs", so Ede, "eine Zeit lang dachte ich, ich müsste Drogen verkaufen. Zu der Zeit war ich schon Profi. Ich bin mit drei, vier Kilo durch die Gegend gefahren." Erst als der große Bruder ihm die Leviten las, stieg er aus dem schmutzigen Geschäft wieder aus. 

Der Einfluss der Straße wurde immer größer und Ede entwickelte eine Bindung zu seiner Heimat, die ihn auch in seinem Profileben durchgehend prägen und verfolgen sollte. Nirgends fühlte er sich so wohl wie in der Hauptstadt. Bei Hertha BSC verstärkte sich unter den Verantwortlichen aber bei der Arbeit mit der "goldenen Generation" irgendwann das Gefühl, dass sie zwar hervorragende Fußballer ausgebildet hatten, aber keine Profis.

"Es war komisch und ungewohnt für mich, dass ich im Profibereich von den Leuten angeschrien wurde. Ich kannte das von der Straße nur so, dass jemand, der schreit, auch bereit ist, bis zum Ende zu gehen. Im Profibereich schreien dich Leute an, dann klatschst du denen eine, und die bleiben liegen. Dann heißt es: Warum übertreibst du so? Warum beleidigst du jetzt so? Und das, obwohl die dich vorher komplett zur Sau gemacht haben. Das musste ich neu lernen", erinnert sich Ede. Es war die Zeit, in der er gemeinsam mit Boateng, Ebert und Dejagah als echter Berliner die Hertha als Identifikationsstandort etablieren sollte.

Rapper-Gang am falschen Ort 

Stattdessen ergötzten sich Medien und missgünstige Beobachter an Exzessen, Protz und Randale der angeblich schwer Erziehbaren. Auch Obmann Dieter Hoeneß schimpfte: "Wir sind keine Rapper-Gang, sondern ein Elite-Sportklub." Nicht wenige sind allerdings der Meinung, dass die Rapper-Gang bis heute das Aufregendste und Spannendste seit der Samba-Zeit um die beiden Brasilianer Marcelinho und Alex Alves war, das die Alte Dame hervorgebracht hat.

Seitdem wurde bei der Hertha, aber auch beim DFB und zahlreichen anderen Bundesligavereinen, nicht nur auf die fußballerische Erziehung Wert gelegt, sondern auch auf die persönliche. Das Akademieleben wurde allumfassend, für Talente gab es nur noch Schule und Fußball, der Rest eisern abgeriegelt. Ede und Co. sind mit dafür verantwortlich, dass der deutsche Fußball heute nach ihrem Auffassen gespickt ist mit Akteuren, die ihnen am meisten zuwider sind: Gescheitelte Schwiegersöhne und brave Jasager, die getrimmt sind auf Fußball, nur ihren Verein und nichts anderes kennen und dafür ihre Werte über Bord werfen.

"Im Endeffekt rufen sie jetzt wieder nach Leuten, die Verantwortung übernehmen, sie wollen Vorbilder, aber eigentlich werden die jungen Spieler in ihrer Persönlichkeit schon von klein auf erstickt. Wenn du dir die ganzen Nachwuchsleistungszentren anschaust und da jemand probiert, Spaß zu haben oder einen unnötigen Trick macht, bekommt er direkt auf den Deckel. Wenn da mal einer manchmal ausrastet, wird er direkt rasiert und ersetzt, weil es genügend andere Spieler gibt, die ähnlich ausgebildet sind. Wenn du von den ganzen Internet-Spastis beleidigt wirst, sollst du die Fresse halten. Du sollst Vorbild sein, die Fresse halten und funktionieren - wie ein Soldat", sagt Ede. 

Vom Fuffi bis zum Schmerzensgeld

Mittlerweile hat sich Ede seiner eigentlichen Leidenschaft verschrieben: der Musik. 2020 veröffentlichte er den Song "Reflexion". In dem fast fünfminütigen Track zeichnet er seinen Werdegang von Kindheit auf nach und holt auch zur schonungslosen Generalkritik am Fußball aus. "Ich hätte wahrscheinlich auch früher schon mein Maul aufgemacht, aber ich hab' mich auch abhängig von dem Geld gemacht", sagt er. 

Medial wird vor allem eine Zeile aufgegriffen: "60.000 Bundesliga, spielte manchmal zugeballert." Und es wurde spekuliert und verwundert aufgehorcht: Ein Ex-Bundesligaspieler und U21-Europameister, der unter Drogeneinfluss spielte? Kann das sein?

Dabei ist der Song ein Seelenstriptease, in dem so viel mehr steckt. Die Gewalteinflüsse des Blocks. Die Trauer um die verstorbene Mutter. Die Schuldgefühle gegenüber seinem besten Freund Sassi, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Ede rappt von fehlender Zugehörigkeit, von Armut, Raub, Drogenhandel. Davon, dass er im Fußball nur zwei Freunde fand, von der Scheinheiligkeit des Fußballgeschäfts, seinem Hass gegenüber dessen und dass er, teils benebelt von Drogen und Schmerzmitteln, nur wegen der Kohle spielte. Aber was nutzt dir die Kohle, wenn du allein bist?

Chinedu Ede Underground of Berlin 1920 1080

"Es war mir scheiß egal, wie der Song öffentlich wahrgenommen wurde. Das ist meine Geschichte. Ich glaube, viele haben mich damit jetzt ein bisschen verstanden", sagt Ede, der zwischen 2006 und 2008 25 Spiele (ein Tor) für die Hertha absolvierte und sich danach irgendwie durchschlug. In Duisburg lief es anschließend mit einem Tor in 28 Spielen nicht wirklich rund. Ede liefert die Erklärung selbst: "Ich war das erste Mal weg von zu Hause, hatte einen scheiß Lifestyle, war dauernd besoffen. Ich hab wirklich nur Scheiße gebaut."

Trotzdem war er während dieser Zeit im Juni 2009 Teil der legendären U21-Nationalmannschaft war, die die Europameisterschaft gewann. Ede kam beim Turnier in Schweden zwar nicht zum Einsatz. Und doch gehörte er einer der wohl talentiertesten Juniorennationalmannschaften an, die Deutschland je hatte. Einer Mannschaft mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes und Mats Hummels. Mit Sami Khedira, Mesut Özil und Sandro Wagner. Und natürlich mit seinen Kumpeln Ben-Hatira und Ebert. 

Seine sportlich erfolgreichste Zeit erlebte Ede allerdings zwischen 2010 und 2012 bei Union Berlin. Natürlich in Berlin, dort, wo er hingehört. "Union war der einzige Verein, bei dem ich ein Stück weit mein Herz gelassen habe. Und es ist schon hart für einen West-Berliner, das über einen Ost-Berliner Verein zu sagen", sagt er.

Kicken am Strand von Zypern

Thomas Tuchel überzeugte ihn im Sommer 2012, nach Mainz zu kommen, Ede war vom talentierten Ausnahmetrainer beeindruckt, absolvierte aufgrund von Verletzungen in anderthalb Jahren aber nur elf Spiele für die 05er. Persönlich in Erinnerung blieb vor allem eine Geschichte: "Ich hatte ein Perspektivgespräch morgens um halb acht oder neun Uhr mit Tuchel. Ich war aber bis sechs Uhr saufen, aus dem Club geflogen und bin dann direkt zu dem Termin. Ich habe ihm einen Motivationsvortrag gehalten, den ich in dem Moment sogar selbst geglaubt hatte. Ich habe ihn Thomas genannt, obwohl ich immer nur Trainer gesagt hatte ...“

Nach einer kurzen wie unbedeutenden Leihe nach Kaiserslautern verschwand er aus der öffentlichen Wahrnehmung. Er spielte noch ein paar Jahre auf Zypern ("Ich habe die Stadt eingegeben (Famagusta, Anm.), hab Strand gesehen und dachte: Jo, machste mal"), in den Niederlanden und erlebte ein halbjähriges Abenteuer in Bangkok, ehe er nach einem Jahr Regionalliga mit Altglienicke genug verdient hatte, um Schluss machen zu können und sich um seinen Sohn zu kümmern.

Dem Mainstream ferngeblieben

Für Ede war das Leben als Fußballprofi wie ein Fluch, den er seinem Talent zu verdanken hatte. Angepasst, wie all die anderen, hat sich der Anti-Profi aber nie. "Chinedu ist, wer er ist, weil er sich nicht verändert. Deswegen ist er eine interessante Person, ein Charakter. Er ist nicht abhängig von irgendwem anders", sagt sein Freund und Schauspieler Frederick Lau in Underground of Berlin. "Mein Vater dachte eh immer, ich hätte einen an der Waffel. Am Ende hat er sich aber wirklich gefreut, dass ich Fußballer wurde. Ich war immer ein bisschen das schwarze Schaf der Familie", sagt Ede selbst.

Heute lebt er wieder in Berlin, kickt mit anderen Ex-Profis und alten Wegbegleitern in einer Ü32-Mannschaft, ist Familienvater und macht Musik, die für das steht, was er ist: hart, aber immer ehrlich. Eine Berliner Schnauze, abseits des Mainstreams.

Ede rappt und singt über die Trauer und die Wut nach dem Verlust eines Freundes. Vom "dicksten Panzer über weichen Herzen". Und über die Geschichte seines Vaters, dem er trotz allem dankbar ist: "Hätte ich nicht diese harte Hand zu Hause gehabt, wär ich 'ne Vollkatastrophe. Ich bin so schon eine... so ein bisschen."

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