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"Die Favela wird immer ein Teil von mir sein": Antonys Weg aus der kleinen Hölle in den Fußballhimmel

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Antony Ajax Amsterdam FC Groningen Dutch Eredivisie 25092021 Getty Images

In vielen Sprachen sind Verkleinerungsformen in der Regel dafür da, um Dinge, naja, zu verkleinern. Damit sie im Sprachgebrauch niedlicher und harmloser erscheinen. In der deutschen Sprache etwa ist dafür die Endung "chen" zuständig. Im Portugiesischen ist es "inho". Das funktioniert wunderbar bei Dingen, die tatsächlich niedlich und harmlos sind. Schätzchen (amorzinho) oder Häuschen (casinho) zum Beispiel. Auch beim Hündchen (caozinho) bekommt manch einer schon beim Hören feuchte Augen. Und hatte nicht selbst der weltberühmte Ronaldinho immer etwas Federleichtes und Spielerisches, irgendwie Harmloses an sich?

Die Verkleinerungsform kann aber auch irreführend sein - bei Inferninho zum Beispiel. Schon im Wortstamm erkennt der Laie, dass es sich hier weder um einen süßen Welpen noch um einen brasilianischen Superstürmer handelt. Inferno ist das portugiesische Wort für Hölle. Und weil "Höllchen" im Deutschen keinen Sinn ergibt, muss man Inferninho etwas freier übersetzen: die kleine Hölle.

An Inferninho ist absolut gar nichts niedlich oder harmlos. Inferninho beschreibt eine Favela in Osasco, einer großen Marginalsiedlung am östlichen Stadtrand der brasilianischen Millionenmetropole Sao Paulo. An diesem anarchischen Ort regieren Straßenbanden und Drogenhandel. Die Armut ist groß, die Kriminalität allgegenwärtig. Regelmäßig liefern sich Gesetzeshüter Schießereien mit Dealern, Unterweltlern und Banditen. Es ist die Heimat von Antony Matheus Dos Santos, genannt Antony.

"Ich habe Armut erlebt, oft gab es wenig zu essen"

Der Stürmer von Ajax Amsterdam wuchs als mittleres Kind einer fünfköpfigen Familie in der kleinen Hölle auf. Das spärliche Haus der Familie, in dem alle fünf Familienmitglieder in einem Raum schliefen, lag in unmittelbarer Nähe eines Handelsplatzes für Rauschmittel aller Art. Und obwohl der Vater als Schlosser und die Mutter als Verkäuferin regelmäßiger Arbeit nachgingen, fehlten die Mittel für den Ausbruch aus den ärmlichen Verhältnissen.

Die Eltern unternahmen alles, um Antony vom Sog der Kriminalität fernzuhalten. Am besten gelang das mit einem Fußball. Und am Ende sogar so gut, dass es Antony als europäischer Stürmerstar und brasilianischer Nationalspieler geschafft hat, seine gesamte Familie aus dem Slum herauszuholen.

"Ich habe Armut erlebt, oft gab es wenig zu essen", sagt Antony in einem Interview mit der Algemeen Dagblad, "aber dadurch weiß ich zu schätzen, was ich jetzt habe." Auf seinem linken Unterarm hat er einen Spruch auf Portugiesisch tätowiert, der ihn das nicht vergessen lässt: "Wer aus der Favela kommt, weiß, was dort passiert ist." Sein älterer Bruder hat das gleiche Tattoo.

Aus den Erinnerungen Stärke ziehen  

Antonys Leben ist vollgepackt mit Symbolkraft. Das Wort "Favela" ist auf seinen Schuhen eingestickt, genauso am Schienbeinschoner. Nachdem er im Sommer 2021 mit der brasilianischen Nachwuchsmannschaft in Tokio Olympiasieger wurde, hat er sich die Goldmedaille auf den Oberschenkel tätowieren lassen. Die Verewigungen seiner Erlebnisse und Erinnerungen machen den Linksfuß stärker. Und lassen ihn nicht vergessen, wo er herkommt. "Die Favela wird immer ein Teil von mir sein", sagt er.

Mithilfe des Fußballs konnte Antony die Favela hinter sich lassen. Schon mit sieben Jahren wurde er beim FC Sao Paulo vorstellig, damals gab es aber noch keine Mannschaft für ihn. Mit elf Jahren war es dann so weit und der talentierte Junge durchlief fortan alle Jugendmannschaften. "Er wurde drei Mal fast rausgeworfen, durfte aber jedes Mal bleiben", erinnert sich sein Berater Junior Pedroso im Gespräch mit der niederländischen Nachrichtenseite NOS. Antony trat so in die Fußstapfen namhafter Eigengewächse aus Sao Paulo wie Casemiro, Eder Militao, Lucas Moura oder Kaka.

Rückstufung als wichtiger Entwicklungsschritt

Mit 17 durfte Antony das erste Mal bei den Profis trainieren und spielte mit geliehenen Fußballschuhen, die seine Mutter erst später bezahlen konnte. Im September 2018 erhielt er seinen ersten Profivertrag, konnte sich aber, schmächtig wie er seinerzeit war, noch nicht bei den Erwachsenen durchsetzen. Er wurde ins Youthteam zurückgeschickt.

Was wie ein Rückschlag wirkte, war das Beste, das ihm passieren konnte. Denn in der Nachwuchsmannschaft war er seinen Mit- und Gegenspielern haushoch überlegen. Zwei Jahre in Folge gewann er mit Sao Paulo den Copinha, wieder so eine Verniedlichung, diesmal aber ohne Irreführung: Die Copinha ist sowas wie die Stadtmeisterschaft Sao Paulos für U20-Fußballer und in der brasilianischen Großstadt ein angesehenes und beliebtes wie auch wichtiges Nachwuchsturnier.

Ein spezieller Torjubel 

Antony war 19, als er dauerhaft im Profiteam spielte und unter anderem Seite an Seite von Dani Alves, Alexandre Pato oder Juanfran auflief. Im selben Jahr lernte er Larissa kennen, ein junges Mädchen, das an Leukämie erkrankt war und das er seitdem begleitet. Nach dem zweiten Coup in der Copinha posierte er neben Larissa und dem Pokal und zeigte dabei seinen aus Solidarität blankrasierten Schädel.

"So klein sie auch ist, mit ihrer Stärke, mit der sie die Krankheit bekämpft, ist sie eine große Quelle der Motivation und Inspiration für mich. Ich spüre ihre positive Energie, wenn ich sie in den Armen halte. Sie hat für immer einen Platz in meinem Herzen", sagt Antony über die mittlerweile genesene Larissa.

Noch heute pflegt er jede Woche den Kontakt mit ihr. Und widmet ihr den Torjubel, wenn er mit Daumen und Zeigefinger ein L formt und in die Kameras hält, was genauso für Söhnchen Lorenzo und Frau Lenny (von Rosileny) steht. Noch mehr Symbolik.

Eine ganz spezielle Begrüßung

Nach seinen ersten eineinhalb Profispielzeiten für Sao Paulo begann das Tauziehen um Antony. Sein Berater sprach bei Yahoo Sports unverhohlen von zwölf Vereinen, die sich nach Antony erkundet haben sollen, darunter zwei große englische Klubs, "einer davon der FC Chelsea." Auch der BVB sei "nah dran" gewesen. Über diese rund dreimonatige Phase hat Antony mit erst 19 Jahren ein Buch ("Antony - Da Superação a um Sonho Real") veröffentlicht, eine Art Tagebuch, das seinen Durchbruch und seinen Transfer in den europäischen Fußball dokumentiert.

Er entschied sich für Ajax Amsterdam, das sich schon mit ihm beschäftigt hatte, da spielte er noch in den Jugendteams, und das im Sommer 2020 einen Ersatz für Hakim Ziyech brauchte. Antony vertraute außerdem auf die Erfahrungen, die Ajax mit jungen südamerikanischen Spielern gemacht hatte, unter anderem mit seinem besten Kumpel David Neres, der drei Jahre zuvor denselben Weg gegangen war.

Neres war es auch, der Antony auf ganz besondere Art und Weise in Amsterdam in Empfang nahm. Als rappender Sidekick für Sängerin Sarita Lorena und gemeinsam mit Teamkollege Danilo widmete das Trio ihm einen eigenen Song, der Antonys Vorfreude auf seine neue Heimat steigern sollte. Das Larissa-L durfte natürlich nicht fehlen. Der Song "Bem-Vindo Antony" wurde Kult, hat heute über vier Millionen Streams bei Spotify und vergrößerte die Vorschusslorbeeren.

Die hohen Erwartungen werden erfüllt

Die waren angesichts einer Ablösesumme von bis zu 21 Millionen Euro samt Boni ohnehin schon hoch. Zur Einordnung: Ajax‘ Rekordtransfer heißt Sebastien Haller und kostete rund 22,5 Millionen Euro. Von Druck war angesichts der Erwartungshaltung bei Antony aber nichts zu spüren. In einem brasilianischen Podcast erzählte er mal: "Druck habe ich nur als Kind gespürt, als ich morgens um 9 Uhr aus der Favela in die Schule gegangen bin und erst abends um 21 Uhr etwas gegessen habe."

Der Neuzugang trotzte dem ungewohnten neuen Umfeld, den Sprachbarrieren und dem westeuropäischen Klima. Antony spürte das Vertrauen und den Zuspruch von Ajax und hatte mit Neres seinen besten Freund an seiner Seite, der ihm bei allen Dingen außerhalb des Platzes unterstützte. In seinen ersten 15 Meisterschaftsspielen für Ajax war Antony an 15 Toren beteiligt.

Und auch wenn er diese Quote nicht über die ganze Saison halten konnte, waren zehn Tore und zehn Vorlagen am Ende beachtlich. Bei den Olympischen Spielen machte er jedes Spiel, im Finale gegen Spanien bereitete er in der Verlängerung den Siegtreffer vor. Auf die Frage, was ausschlaggebend sei, dass ihm die Umgewöhnung so leicht fiel, antwortete er kürzlich: "Selbstbewusstsein. Ich fühle mich mehr und mehr zu Hause in Amsterdam. Auch wenn ich das Wetter im Herbst und Winter nicht mag. Die Kälte ist etwas, an das ich mich nicht gewöhnen kann."

Zwischen robbenhaft und neymaresk

Auch in seinem zweiten Jahr begeistert der 21-Jährige mit Unbekümmertheit, ebenjenem Selbstvertrauen und Finesse. Wie er robbenhaft vom rechten Flügel nach innen zieht und Tore selber erzielt oder in die Wege leitet, begeistert die Zuschauer genauso wie seine aufreizende Trickserei und die neymareske Verspieltheit und Attitüde, die manch einen Trainer oder Gegner auch mal zur Weißglut bringen kann.

Das musste in der Gruppenphase der Champions League auch Borussia Dortmund spüren, als sich die Schwarz-Gelben beim derben 0:4 in Amsterdam von Antony und seinen entfesselt auftretenden Kollegen herspielen ließen und bedient die Heimreise antreten mussten. Im Rückspiel fiel Antony dann auf, weil er ein Drama aus einer branchenüblichen Grätsche von Mats Hummels machte, der daraufhin ungerechtfertigt vom Platz flog. 

Schon jetzt scheint klar, dass Antony in den kommenden Jahren der nächste Verkaufsschlager aus dem Talentpool Ajax Amsterdam sein wird. Medienberichten zufolge soll er bei Bayern München ein Kandidat sein.

Zurück in die Heimat geht Anthony Matheus Dos Santos heute nur noch, wenn die Selecao ruft. Seit Herbst 2021 ist er brasilianischer A-Nationalspieler, bei seinem Debüt traf er prompt. Die Aussichten auf ein Ticket für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar sind gut. Einen Grund, in die kleine Hölle zurückzukehren, gibt es nicht. Antony lebt jetzt im Fußballhimmel.

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