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Hertha-Geschäftsführer Fredi Bobic exklusiv: "Wir leben in dunklen Zeiten"

Lesezeit: 6 Min.
Fredi Bobic Hertha BSC Bundesliga 08082021 Getty Images

Bei Hertha BSC musste Trainer Pal Dardai seinen Platz an der Seitenlinie räumen und mit Tayfun Korkut heuert der sechste Trainer innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren in der Hauptstadt an. Jetzt erklärt Hertha-Geschäftsführer Fredi Bobic exklusiv im Matchday Feature von DAZN, warum er sich zum Schritt entschieden hat, eine sportliche Veränderung herbeizuführen.

Außerdem erläutert er, wie die Entscheidung gereift ist, was er vom neuen Trainer Korkut erwartet und wie er die Mannschaft in die Pflicht genommen hat. Und welchen Rat er für alle Fans und Befürworter der in den letzten Jahren gebeutelten Hertha hat.  

Fredi Bobic über …

... den Trainerwechsel

"Der Anlass ist ziemlich einfach: Wir sind nicht zufrieden mit der sportlichen Entwicklung und wollen da eine Veränderung sehen. Aber wir sind weit weg davon, dass wir irgendwo abgeschlagen sind. Wir haben eine intakte Mannschaft, die Orientierung und Struktur sucht. Dafür sind Ergebnisse verantwortlich, aber auch die Art und Weise, wie man Fußball spielt. Das hat mich zu dem Schluss kommen lassen: Wir müssen was verändern."

... die ersten Aufgaben von Tayfun Korkut

"Ich erwarte das, wofür er auch steht: Dass er sich gut anpassen kann und in kurzer Zeit das Optimale holt. Wir haben noch vier Spiele bis zur kurzen Winterpause, dann kann er die Mannschaft noch besser kennenlernen. Er kennt sie schon sehr gut, weil er sie beobachtet hat in den letzten Wochen. Ich bin überzeugt, dass er mit den Live-Eindrücken, die er jetzt sammelt, den Schlüssel zu vielen Spielern findet, die noch nicht so performen, wie wir uns das vorstellen. Und den dafür, dass die Mannschaft geschlossener und konstanter auftritt. Die Leistungen in den Spielen waren extrem unterschiedlich."

... Dinge, die er zuletzt vermisst hat

"Die Konstanz. Und die Entwicklung, die ich im Team spüren muss. Ich bin keiner, der in der Öffentlichkeit Baustellen aufmachen möchte. Man beobachtet die Entwicklung und das Verhältnis der Spieler zum Trainer und Umfeld. Ich habe auch den Spielern heute mit auf den Weg gegeben, dass ich mit ihnen nicht zufrieden bin und was ich von ihnen erwarte. Weil ich aber auch weiß, dass sie es können und Qualität haben. Das ist eine sehr ordentliche Mannschaft, die nicht da stehen muss, wo sie jetzt steht. Aber man muss es gemeinsam tun."

... den Prozess zur Trainerentlassung

"Dieses Gefühl bestärkt sich mit den Wochen, bis es eben zu so einer Entscheidung kommt. Es gibt nicht nur den einen oder anderen Punkt, das wäre Aktionismus. Ich wurde oft gefragt, warum wir nicht nach dem 0:6 in Leipzig reagiert haben. Das ist das Einfachste. Wir haben danach wieder reagiert und Ergebnisse erzielt. Ich habe vor zwei Wochen nach dem Spiel gegen Union Berlin gesagt, dass ich verdammt viele Erkenntnisse nochmal gewonnen habe und sich das Bild komplettiert."

... seine Erkenntnisse aus dem Derby

"Die Spieler der Mannschaft geben alles, aber sie geben alles allein. Und sie investieren es nicht in die Gruppe. Das zeigt sich im Zusammenspiel."

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... die anhaltende Unruhe bei der Hertha

"Als ich hierhergekommen bin, habe ich gesagt, wir brauchen Stabilität, auch auf der Trainerposition. Das hat jetzt nicht funktioniert. Das ist so und hat mehrere Gründe, viele liegen vielleicht auch in der Vergangenheit. Aber da suche ich nicht. Ich arbeite als Realist immer nach vorne. Jetzt ergötzt sich jeder über Hertha BSC, jeder kann negativ reden, von Chaos. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir ein Chaos haben. Der oberflächliche Beobachter kann jetzt ein bisschen draufspucken, das müssen wir aushalten. Das sage ich allen, die es gut mit Hertha meinen: Haltet es aus. Wir leben in dunklen Zeiten und die Hertha hat gerade nicht das beste Image. Die Prozesse, die wir brauchen, um das zu drehen, haben begonnen. Ich habe schon viele positiven Dinge gesehen, die sieht man von außen aber nur, wenn du gewinnst. Dann ist alles plötzlich wieder sexy. Aber dieser Prozess dauert Zeit."

... die Erwartungen von außen

"Ich hatte auch keine Lust, den Trainer zu wechseln. Aber es war notwendig und wir haben es getan. Niemand sollte erwarten, dass wir in Zeiten von Corona den Kader in einer Saison umdrehen. Beziehungsweise in einem Sommer. Ich habe keine 300 Millionen investiert, sondern Geld reingeholt. Nicht weil ich als Schwabe sparen will, sondern weil es notwendig war. Wir stehen schon wieder vor einem Lockdown und Geisterspielen."

... die letzten vier Spiele bis Weihnachten 

"Das Wichtigste ist, dass der Trainer seine Kenntnisse von außen mit neuen von innen erweitert. Und darum, so viele Punkte wie möglich zu holen, damit wir in Schlagdistanz und in einer guten Position für die Rückrunde sind. Diese Luft wird Tayfun Korkut mit seinem Team bekommen. Aber natürlich wollen wir Punkte und die damit verbundene Ruhe haben. Damit wir in der Rückrunde gefühlt einfacher und mit voller Hoffnung starten können, um uns einige Punkte zurückzuholen, die wir in der Vorrunde leider verschenkt haben."

... die Auftritte der Mannschaft

"Ich habe eine Mannschaft gesehen, die wie gegen Frankfurt taktisch hervorragend und geschlossen spielen kann und kaum Chancen zulässt, ein top Spiel macht und gewinnt. Dann habe ich gegen Gladbach eine Mannschaft gesehen, die zwar nicht schön gespielt hat, aber den Gegner in puncto Mentalität und Kampfkraft gemeinsam komplett niedergezwungen hat. Ich habe aber auch andere Spiele gesehen, in denen jeder nur für sich gekämpft hat. Und davon zu viele. Deswegen müssen wir auf Strecke bekommen, was wir in den anderen Spielen besser gemacht haben - plus eine spielerische Entwicklung, die attraktiver aussieht."

... die Mittel des neuen Trainers

"Jeden Tag arbeiten, die Spieler mitnehmen, begeistern, individuell besser machen, Gespräche führen. Und natürlich Ergebnisse holen, damit die Spieler dem neuen Trainer folgen. Es geht um die Basics, die einfachsten Dinge. Wie Tayfun Korkut gesagt hat: 'Wenn du die einfachen Dinge außergewöhnlich gut machst, dann hast du Erfolg.'"

... die Reaktion der Mannschaft

"Ich hatte nicht das Gefühl, dass alle mit den Köpfen am Boden waren. Alle waren neugierig. Natürlich hat der eine oder andere auch ein Verhältnis zum ehemaligen Trainer, aber das ist das Business. Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft und da muss Leistung abgerufen werden. Das zählt nicht nur für einen Trainer oder Zeugwart, sondern auch für die Spieler."

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