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Fredi Bobic exklusiv: "Mit Boateng war innerhalb einer Minute alles geklärt"

Lesezeit: 12 Min.
Fredi Bobic Hertha BSC Bundesliga 08082021 Getty Images

Seit Sommer ist Fredi Bobic als Geschäftsführer Sport für Hertha BSC tätig. Nachdem der Hauptstadt-Klub in der vergangenen Saison trotz millionenschwerer Investitionen und hoher Ambitionen lange um den Klassenerhalt bangen musste, soll Bobic den Verein nun dorthin führen, wo er dem eigenen Verständnis nach hingehört. 

Vor dem Heimspiel der Hertha am Sonntag gegen Bayer Leverkusen erklärt Bobic im Gespräch mit DAZN, warum das nicht von jetzt auf gleich funktioniert und was es braucht, um diesen Prozess voranzutreiben. Dazu gehöre auch, entgegen der Erwartungen an Trainer Pal Dardai festzuhalten. Außerdem äußert sich Bobic zur Zusammenarbeit mit Arne Friedrich und erklärt, warum Ex-Fußballer die besseren Sportdirektoren sind. 

Fredi Bobic über ...

 

... seine Arbeit als Geschäftsführer

"Hier heißt es Geschäftsführer, woanders Vorstand Sport, aber das ist eigentlich egal. Die Arbeit ist vielfältig und macht mir deshalb so viel Spaß. Deswegen wollte ich nach meiner Karriere auch nie Trainer werden. Fußball ist für mich mehr als nur die 90 Minuten auf dem Platz. Du bist bei jedem Prozess, der rund um den Verein wichtig ist, dabei. Es werden verschiedene Strategien besprochen und am Ende des Tages ist das Wichtigste immer der Fußball. Den am Laufen zu halten kostet viel Zeit und Kraft, da sind viele Gespräche notwendig. Die Netzwerke mit den Beratern müssen weitergebaut werden, mit Kollegen in verschiedenen Kommissionen muss gesprochen werden, mit Medien, Fans, und alle Gremien, die es rund um einen Traditionsverein noch gibt. Die Woche wird auf jeden Fall nie langweilig."

... sein Führungsstil als Funktionär

"Ich bin kein Medienmonster, ich habe selten Lust, lange um den heißen Brei herumzureden. Mir geht es darum, schnelle und kluge Entscheidungen zu treffen. Wenn sie über längere Zeit reflektiert werden müssen, dann nehmen wir uns die Zeit. Aber wenn wir in der Diskussion sind, dann sollten wir auf den Punkt kommen. Das ist auch bei Spielertransfers so: Wenn ich von etwas überzeugt bin, möchte ich es durchziehen. Gleichzeitig geht es darum, Vertrauen und Verantwortung weiterzugeben an die Abteilungsleiter und die einzelnen Mitarbeiter. Da sollen eigene Entscheidungen getroffen werden. Da wird nicht bei jedem Fehler auf die Finger gekloppt, manchmal aber gesagt: Beim nächsten Mal ein bisschen aufpassen. Ich mag es, in einem guten Team zu arbeiten, in dem jeder Lust hat und eigeninitiativ ist, in dem nicht alles überprüft werden muss. In dem ich sagen kann: Wir haben gute Leute, auf die kann ich mich verlassen. Mit der Strategie bin ich bislang immer gut gefahren."

... die Balance zwischen Kopf- und Bauchentscheidungen

"Wenn es um sportliches Personal geht, spielt Bauchgefühl in Kombination mit Erfahrung eine große Rolle. Das Bauchgefühl hat mir schon von Entscheidungen abgeraten, von denen ich zunächst vollkommen überzeugt war. Da habe ich im Gespräch dann gemerkt: Das geht in der Form nicht. Und dann macht man es nicht. Auch wenn es vielleicht zunächst lukrativ und interessant wirkte. Im normalen Geschäftsbetrieb gibt es dagegen viele Sachen, die messbar sind. Da sollte man sich nicht nur aufs Bauchgefühl verlassen, sondern auch die Zahlen berücksichtigen, Nachhaltigkeit sehen, Potenziale erkennen. Und den Kopf mehr einschalten als den Bauch."

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... die Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng

"Bei der Personalie hatte ich ein gutes Bauchgefühl, im Kopf war ich von der Entscheidung aber genauso überzeugt. Als wir mit Kevin-Prince Kontakt aufgenommen haben, war innerhalb einer Minute alles geklärt. Wir tauschten uns aus und waren beide glücklich. Der Verein braucht ihn als Persönlichkeit, die nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben die Hertha vertritt. Und das ist keine PR-Geschichte, denn er kann auch noch richtig gut Fußball spielen, wenn vielleicht auch nicht mehr wie ein 18-Jähriger. Aber er spielt eine Rolle, und die spielt er perfekt."

... seine Vision von Hertha BSC

"Als Erstes musst du dir anschauen, wie sich die Ist-Situation darstellt. Der Anspruch war es, von heute auf morgen nach den Sternen zu greifen. Auch bedingt durch die vielen Gelder, die geflossen sind. Ich bin da aber sehr realistisch und habe gesehen, dass das nicht möglich ist. Das habe ich in der Art und Weise, wie man es gemacht hat, auch schon von außen gespürt. Dazu kam jetzt noch Corona, das hat es noch schwieriger gemacht, Dinge in einer Transferperiode zu verändern. Wir haben viel verändert, werden aber in den nächsten Transferperioden noch viel mehr verändern. Das ist ein Prozess. Da stehen wir am Beginn und das heißt, eine stabile Saison zu spielen. Bei der Hertha waren keine Basics, sondern ständige Wechsel auf allen Positionen. Bewegung tut einem Traditionsverein immer gut, aber die Bewegung, die hier in den vergangenen zwei Jahren stattfand, nicht. Deswegen müssen wir jetzt alle den Computer runter- und wieder hochfahren. Ich will bei der Hertha sehen, dass wir sukzessiv etwas Nachhaltiges aufbauen, das auf einem festen Fundament steht."

... seine Vorstellungen von einer Mannschaft

"Es geht um die Balance zwischen Jung und Alt. Zuletzt ist im Fußball etwas verloren gegangen, es wurde oft ausschließlich auf junge Leute gesetzt, dabei spielen auch die älteren eine ganz wichtige Rolle. Für mich ist das Prinzip gut oder schlecht viel interessanter. Es wird immer auch erfahrene Leute brauchen, die die jungen führen müssen. Diese Balance ist für ein erfolgreiches Klima und eine gute Tabellenposition wichtig. Und dann wird die Mentalität heutzutage im Fußball immer wichtiger. Das begeistert die Menschen und die Fans. Bei Eintracht Frankfurt habe ich gemerkt, dass sich die Leute mit dem Verein identifizieren, weil die Jungs alles auf dem Platz gelassen haben. Dann kannst du auch mal verlieren. Deswegen haben wir im Sommer die launischen Spieler aussortiert und Jungs geholt, die wissen, was ihre Aufgabe ist, und die für Qualität und Mentalität stehen."

... seinen Austausch mit dem Trainer

"Man muss sich erstmal kennenlernen. Pal Dardai und ich haben zwar zwei Jahre zusammengespielt, aber das ist gefühlt 100 Jahre her, dazwischen haben wir uns kaum gesehen. Pal hat gemerkt: Er hätte nach drei Niederlagen und seinem emotionalen Fehler eigentlich fliegen müssen. Das habe ich aber nicht gemacht, weil ich ihm und dem Verein zeigen wollte: Wir brauchen Ruhe und Stabilität. Fakt ist aber eins: Solche Dinge dürfen in Zukunft nicht zu oft passieren."

... seinen Austausch bezüglich der Personalplanung mit dem Trainer

"Da ist jeder Trainer anders. Es gibt Trainer, die in der Transferperiode jede Stunde nervös anrufen und nachfragen. Pal ist da entspannter und arbeitet mit dem, was er kriegt. Er möchte bei den Prozessen dabei sein, aber auch nicht so tief, weil er sagt, das sei die Aufgabe des Vereins."

... sein Netzwerk bei der Personalplanung

"Das Netzwerk ist unheimlich wichtig. Das habe ich in den vergangenen Jahren zu schätzen gelernt. Es ist wichtig, weiche Informationen zu bekommen, die man nicht bekommt, wenn man nur im Büro sitzt und wartet, bis dich jemand anruft. Du musst auch selber aktiv sein, in Kontakt mit den Beratern sein. Das ist eine Branche, die in meinen Augen oft zu schnell verteufelt wird, weil dann nur die Summen gesehen werden. Dabei gibt es richtig viele gute Agenturen heutzutage, die sehr seriös von richtig guten Köpfen geführt werden. Da gehört bei meiner Arbeit ein gutes Miteinander genauso dazu wie auf dem Spielfeld zwischen Spieler und Schiedsrichter."

... die Zusammenarbeit mit Arne Friedrich

"Der Sportdirektor spielt im Tagesgeschäft eine etwas andere Rolle als der Geschäftsführer, weil er extrem eng an der Mannschaft ist. In der Geschäftsführer-Position ist man da etwas weiter weg. Deswegen ist es wichtig, ein gutes Vertrauensverhältnis zu haben. Wenn es um Spielertransfers geht oder den medizinischen oder athletischen Bereich, ist er mein erster Ansprechpartner. Arne will immer alles aufsaugen und dazulernen, gibt aber ab und zu auch guten Input, an den ich selbst gar nicht gedacht habe, weil er näher an der Mannschaft ist. Die Rolle des Sportdirektors sollte man nicht unterschätzen."

... Ex-Fußballer als Sportdirektoren

"Es ist nicht zwingend, dass Sportdirektoren mal Fußballprofis waren, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es hilft. Du weißt, wie du arbeiten musst, wie sich der Spieler fühlt, wie die Branche funktioniert. Wir reden ja von erfahrenen Spielern, die ein bisschen was erlebt haben. Es sind nur 18 Bundesligisten, da hat nicht jeder die Chance, in diese Position zu kommen. Also müssen die schon was drauf haben. Entscheidend ist es, ob man nach der Karriere bereit ist, dazuzulernen. Wirtschaftlich, in der Arbeit mit den Medien, mit dem Verband und den Ligen. Bei mir hat dieser Prozess dreieinhalb Jahre gedauert, in denen ich mich weitergebildet habe, bis ich mich getraut habe, diesen Posten zu übernehmen. Das unvorbereitet zu machen, stelle ich mir schwierig und undankbar vor. Da machst du Fehler, und die darfst du in der Bundesliga nicht machen. Dann läufst du schnell mal gegen die Wand. Außerdem kennen Ex-Fußballer die Krisensituationen, die jeder Profi während seiner Karriere durchmachen muss, am besten."

... seinen Start und seine Entwicklung als Geschäftsführer

"Als Stuttgart damals angefragt hat, habe ich mich natürlich gefreut. Vielleicht war es aber ein oder zwei Jahre zu früh, um dorthin zu gehen, denn ich war in einer CEO-Position in einem bulgarischen Klub mit 160 Angestellten (Chernomorets Burgas, Anm.). Bei dem Anruf war aber die alte Liebe sofort wieder da. Es war eine dankbare Zeit in Stuttgart in einer schwierigen Situation für diesen Klub, der ständig nur sparen musste, das war eine große Herausforderung. Wir sind gut durch diese stürmische See gekommen, das vergessen viele. Nach den vier Jahren beim VfB konnte ich knapp zwei Jahre reflektieren, wie ich den nächsten Job umsetzen will, bevor ich nach Frankfurt gegangen bin. Dafür muss man zwangsläufig irgendwann mal entlassen werden oder aufhören, sonst gibt es die Chance dafür gar nicht. Die habe ich für mich genutzt. Das hat mit Erfahrung zu tun. Die Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Man wird ruhiger, strukturierter, reflektierter. Das ist ein Prozess. Man wird älter und lernt, auch mal Dinge an sich ranzulassen, auch persönlich. Manchmal muss man mit sich selbst hart ins Gericht gehen."

... seinen Umgang mit Fehlern

"Das ist wie auf dem Fußballplatz. Wenn du den Ball am leeren Tor vorbeischießt, ärgerst du dich saumäßig, schaust aber, dass du das Ding beim nächsten Mal reinhaust."

... die Belastung, die die wirtschaftliche Verantwortung mit sich bringt

"Da mache ich mir gar keinen Kopf drüber. Ich gucke, dass wir sauber mit unseren finanziellen Mitteln umgehen, deswegen habe ich in diesem Sommer auch nicht diesen Wahnsinn weiter mitgemacht, sondern die Bilanzen gelesen und gesagt: Wir müssen gucken, dass wir einen Überschuss erzielen und gesund aus der Coronapandemie rauskommen und nicht größenwahnsinnig werden. Irgendwann wird der Schneeball sonst immer größer und überrollt dich, sobald es sportlich nicht mehr funktioniert. Und dass man bei einem Spielertransfer manchmal daneben liegt, ist ganz normal. Das ist so. Du darfst keine Angst haben."

"Wenn du nur oberflächlich oder an den kurzfristigen Erfolg denkst, landest du dort, wo Schalke und der HSV jetzt stehen."

... voreilige und übermütige Transfers

"Wenn du nur oberflächlich oder an den kurzfristigen Erfolg denkst, landest du dort, wo Schalke und der HSV jetzt stehen. Und das meine ich nicht böse. Ich liebe diese Vereine, die fehlen uns in der Bundesliga, aber: Sie stehen da unten und haben es schwer, wieder zurückzukommen. Das passiert, wenn man sich von Medien und Fans treiben lässt. Wenn man denkt: Wir müssen jetzt unbedingt was tun, dann im Geldbeutel sieht, da ist gar nicht so viel drin, und es trotzdem macht, vielleicht auf Pump. Und wenn es dann nicht funktioniert, hast du eine Entwicklung, die du manchmal nicht aufhalten kannst. Davon war auch die Hertha nicht weit weg."

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