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Michael-Jordan-Marotte, 96-Tore-Saison und ein Spiel, das alles veränderte: Wie Gavi bei Barça landete

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Gavi FC Barcelona Getty Images

Im Moment des größten Sieges wusste Manolo Alba, dass er verloren hatte. Er stand an der Bande der Sportanlage Vila Real de Santo Antonio in Portugal, über ihm strahlte der Himmel in türkis-blau und die Kinder, die er als Koordinator der Nachwuchsakademie von Betis Sevilla betreute, hüpften in ihren mitunter viel zu großen, grün-weißen Trikots ausgelassen auf und ab. "Campeones, Campeones", sangen sie mit kindlichen Stimmen und freuten sich so echt und unverstellt, wie sich nur neun Jahre alte Kinder nach einem gewonnenen Fußballspiel freuen können.

Sie hatten ja auch allen Grund dazu. 5:0 im Finale. Gegen den FC Barcelona. Gut, es war Barcelonas zweite Mannschaft in dieser Altersklasse, aber das trübte die Freude nicht. Ein 5:0 ist ein 5:0. Erst Recht gegen Barça.

Jedes Jahr zur Osterzeit findet im südlichen Grenzgebiet zwischen Portugal und Spanien ein Wettbewerb statt, den Veranstalter und Teilnehmer "Mundialito" nennen, Mini-Weltmeisterschaft. Klubs aus allen Kontinenten treten dort an, über mehrere Tage, in mehreren Altersklassen. Große und kleine, Profivereine und Amateure. Es ist eines der renommiertesten Jugendturniere der iberischen Halbinsel. Und dieses Mal, im Jahr 2014, hatte Betis Sevilla bei den unter Zehnjährigen gewonnen.

"Der hatte vor niemandem Angst, nicht mal vor Barça"

Manolo Alba entfernte sich langsam vom Geschehen, er schlenderte in der Gegend umher und suchte einen Eisstand. Hatte er ja versprochen. Mindestens ein Eis für jeden, wenn sie denn gewinnen. Mit den Gedanken war der erfahrene Jugendtrainer aber ganz woanders. "Ich ahnte, was da kommen würde. Von diesem Spiel an war er für uns nicht mehr zu halten", sagt Alba im exklusiven Gespräch mit DAZN. Gemeint ist Pablo Martín Páez Gavira, genannt Gavi, der vor dem Finale noch frech das Eis gefordert hatte.

Dieser Gavi war nicht nur ein aufgeweckter, lebhafter Junge, er konnte auch Fußballspielen wie kein anderer in seinem Alter. Drei Tore hatte er im Finale gegen Barça geschossen. Eines mehr als von ihm angekündigt. "Fernando, schau hin, ich mache gleich zwei Tore", hatte er seinem Trainer Fernando Caceres vor dem Finale zugerufen. Manolo Alba kann sich daran noch gut erinnern.

"Genau so war Gavi, der hatte vor niemandem Angst, nicht mal vor Barça. Dabei reichte ihm das Trikot weit über die Hüften und die Hose fast bis zum Schienbein", erzählt Alba. Klein von Wuchs, aber flink. Technisch fast schon perfekt und ausgestattet mit einem unbändigen Verlangen nach dem Ball. Das war Gavi. Damit passte er perfekt ins Beuteschema des FC Barcelona. "Mir war klar, dass sie versuchen würden, ihn nach diesem Spiel zu sich zu holen", sagt Alba. Er sollte Recht behalten.

Auf seinem Weg über die Anlage mit ihren vielen Kunstrasenplätzen kamen Bilder vor Albas innerem Auge auf. Er erinnerte sich, wie er Gavi entdeckte.

Joya in einer Kleinstadt westlich von Sevilla

Real Betis Balompie, so der vollständige Name, ist kein reicher Verein. Die letzte und einzige Meisterschaft datiert aus dem Jahr 1935. Pokalsieger waren er zuletzt 2005, immerhin. Im Norden der Stadt thront der erfolgreichere Rivale FC Sevilla, mehrfacher Europa-League-Sieger, der für die meisten Talente erste Wahl ist. "Wir mussten also schneller und fleißiger sein", sagt Alba. Beinahe wöchentlich zog der Koordinator mit seinen Trainern los, raus aufs Land, über die Plätze der Dörfer und Kleinstädte, um das zu finden, was sie in Spanien joya nennen, ein Juwel.

Fündig wurden sie in Los Palacios y Villafranca, einer Kleinstadt westlich von Sevilla, 38.000 Einwohner. Jesus Navas stammt von dort, eine Ikone des FC Sevilla. Andalusiens Provinzen sind fruchtbares Land für junge Talente, aus dem Süden kommen einige der bekanntesten und besten Spanischen Fußballer. Sergio Ramos etwa, langjähriger Kapitän von Real Madrid oder eben Navas. Beides Weltmeister 2010.

Die Bedingungen könnten kaum besser sein. An mindestens 320 Tagen im Jahr leuchtet der Himmel in hellem blau, die Sonne strahlt auf sich vom Levante wiegende Palmen und überall auf den Plätzen, vor Kirchen und Markthallen, in Zentren und Parkanlagen, spielen Kinder bis spät in die Abendstunden Fußball. "Talente gibt es viele, man muss nur genau hinsehen", sagt Alba.

"Das hatte ich in dem Alter noch nie gesehen"

Beim Verein Liara Balompie fanden sie aber einen Jungen, der war selbst für andalusische Verhältnisse ungewöhnlich. Nicht nur, weil er die ganze Zeit mit ausgestreckter Zunge über den Platz lief, so wie es einst Michael Jordan getan hatte. Eine Marotte, die er sich mit den Jahren abgewöhnte. "Gavi war außergewöhnlich, weil er mit fünf oder sechs Jahren immer das Richtige tat, immer", sagt Alba. Wenn sich alle Spieler auf der linken Seite tummelten, spielte oder lief Gavi mit dem Ball nach rechts. War rechts alles voll, passte er nach links.

Normalerweise folgen Kinder in diesem Alter ihrem Spieltrieb, alle auf einen Ball. "Was ich so mochte war, dass er das intuitiv tat. Kinder machen oft Sachen, weil es ihnen jemand gesagt hat, aber das war bei Gavi nicht der Fall. Er handelte so, weil er es für richtig hielt. Das hatte ich in dem Alter noch nie gesehen. Außerdem imponierte mir, wie er trotz seiner geringen Größe um den Ball kämpfte", sagt Alba.

Noch vor Ort machte er die Eltern des Jungen ausfindig. Die freuten sich zwar über das Angebot, aber Los Palacios y Villafranca liegt über 30 Kilometer vom Trainingszentrum von Betis entfernt. Für die Eltern, beides Angestellte mit Vollzeitjobs, klang eine Stunde Fahrzeit pro Tag zunächst wenig verlockend. Letztlich willigten sie aber ein.

Bei Betis hatte Gavi keinerlei Anpassungsprobleme. Warum auch? Sein bester Freund war ja vor Ort, der Ball. "Wenn die anderen Jungs ankamen, war er schon auf dem Platz und kickte Bälle durch die Gegend. War das Training zu Ende, mussten wir zwei oder drei Mal rufen, bis er endlich kam. Er hätte am liebsten immer weiter gemacht, aber das ging ja nicht, weil der Platz dann den älteren Jahrgängen gehörte", sagt Alba.

*NO TEASER* Gavi FC BarcelonaQuelle: Getty Images

"Mit ihm haben wir kein Derby verloren"

Zu der Zeit dominierte der FC Sevilla den Jugendfußball in der Stadt, die Rot-Weißen hielten ein sagenhaftes Talent in ihren Reihen. Ansu Fati spielte allen Knoten in die Beine. Ein Junge, 2002 geboren, Sohn afrikanischer Einwanderer. Eine Altersklasse darunter war der Weg frei für Gavi, Jahrgang 2004. "Er war auch vor den Derbys nie aufgeregt, das unterschied ihn von vielen seiner Mitspieler. Nervosität kannte er nicht. Mit ihm haben wir kein Derby verloren, Sieger war immer Betis", erzählt Alba. Schnell redeten die szenekundigen Kiebitze an den Plätzen mindestens so euphorisch über Gavi wie über Fati. Den zog es bald fort, der FC Barcelona hatte ihn abgeworben und bei Betis ahnte nicht nur Alba, dass ihm Gavi folgen könnte.

Nach dem Finale beim Mundialito traten Verantwortliche der Katalanen an Gavis Eltern und Betis heran, man entschied aber, den Jungen noch ein Jahr in seinem alten Klub zu lassen. Gavi nutzte seine letzte Saison, um 96 Tore zu schießen. Nur in der Liga, Freundschafts- und Pokalspiele nicht mitgerechnet. Dann packte er seine Sachen, zog nach Barcelona, seine Familie kam für ein Jahr lang mit.

Inzwischen spielt Gavi in der Primera Division, obwohl er noch für die A-Jugend auflaufen könnte. Manolo Alba verfolgt seinen einstigen Spieler oft, er hat dessen erstes Profispiel gesehen und sein sagenhaftes Debüt in der Nationalmannschaft, das Gavi zum jüngsten spanischen Nationalspieler der Geschichte machte.

Er hat all die Vergleiche gehört, mit Xavi und Iniesta und die Vorhersagungen von der großen Karriere. Ob er überrascht sei, wie schnell alles bei Gavi ging, ist Alba zuletzt oft gefragt worden. "Nein. Dafür war sein Talent einfach zu außergewöhnlich. So etwas sieht man nur ganz selten", sagt Alba. Im Hintergrund sind Kinderstimmen zu hören. Mittlerweile ist er wieder nur als Trainer tätig, beim Amateurklub San Roque Balompie. "Ich suche den nächsten Gavi", sagt er und lacht. In dem Wissen, dass das kaum möglich ist. 

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