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Unterschriftsreifer Dreijahresvertrag und Klopp als Fan: Warum Kerem Demirbay den BVB verließ

Lesezeit: 10 Min.
Kerem Demirbay Bayer Leverkusen Borussia Dortmund Getty Images

Der 11. Januar 2013 ist ein Feiertag für alle BVB-Fans. Den Verantwortlichen um Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke scheint ein echter Coupe gelungen zu sein. Nuri Sahin kehrt nach 562 zumeist unglücklichen Tagen in Madrid und Liverpool zurück nach Dortmund. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes der Schwarz-Gelben ist damit perfekt. Die Hochzeit des BVB unter Jürgen Klopp soll und wird nach zwei Meisterschaften weitergehen und schließlich im legendären Champions-League-Finale in Wembley gegen den FC Bayern (1:2) münden.

David Wagner kann sich über den Sahin-Transfer seinerzeit nur bedingt freuen. Der 41-Jährige weilt im Januar 2013 mit der zweiten Mannschaft des BVB im Wintertrainingslager im türkischen Belek, um die junge, hochveranlagte Mannschaft auf die Strapazen des Abstiegskampfs in der Rückrunde der 3. Liga vorzubereiten. Eine seiner Hauptaufgaben in diesen Tagen besteht allerdings auch darin, Kerem Demirbay gut zuzureden. Der 19-jährige Deutsch-Türke ist geknickt ob der Verpflichtung Sahins.

David Wagner: "Klopp wollte Demirbay trotz der Sahin-Verpflichtung halten"

"Als die Rückholaktion Nuri Sahins realisiert wurde, war für Kerem quasi klar, dass er den Verein im Sommer verlässt", erklärt David Wagner rückblickend im exklusiven Gespräch mit DAZN : "Ich habe mit Jürgen Klopp, der ein großer Fan von Kerem war, viel über ihn geredet. Eigentlich sollte er in der kommenden Saison in den Kader der ersten Mannschaft aufrücken."

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Demirbay liegt ein unterschriftsreifer Dreijahresvertrag von Michael Zorc vor. "Wir haben ihn sehr geschätzt beim BVB. Kloppo hat sich lange mit Kerem hingesetzt und ihm die Perspektiven ab dem Sommer 2013 aufgezeigt. Er wollte ihn trotz der Verpflichtung von Nuri Sahin halten", sagt Wagner.

Sahin ist allerdings - und das weiß Demirbay ganz genau - für seine avisierte Position im zentralen Mittelfeld eingeplant, zudem ebenfalls Linksfuß und absoluter Fanliebling. "Da hat er für sich keine Option gesehen, genug Spielzeit zu bekommen und hatte neben anderen Optionen wohl auch ein sehr gutes Angebot vom HSV vorliegen."

Nur drei Tage nach Sahins Rückkehr verkünden Wagner und Demirbay am 14. Januar 2013 in Belek der mitgereisten Lokalpresse den Abgang des Stammspielers der zweiten Mannschaft. HSV-Sportchef Frank Arnesen preist den Teenager derweil auf der Jahreshauptversammlung in Hamburg als großes Talent an. Keiner der Beteiligten dürfte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die Zeit beim Bundesliga-Dino einmal als großes Missverständnis enden würde - und Demirbays Aufstieg zum Bundesliga-Star fast verhindert hätte. Erst ein Anruf aus der Pfalz ändert alles.

"Richtiger Spargel mit nicht selbstverständlicher Grundaggressivität"

2013 kickt Demirbay aber zunächst noch weitere sechs Monate beim BVB, verhindert unter anderem mit den heutigen Nationalspielern Jonas Hofmann (Gladbach) und Lukas Klostermann (Leipzig) knapp den Abstieg. "Es war die absolute Top-Zeit der Borussia auf maximalem Champions-League-Niveau. Klar, war das tough für unsere Drittliga-Talente. Jonas Hofmann oder Marcel Halstenberg über St. Pauli haben herausragende Karrieren hingelegt, obwohl sie nicht in Dortmund geblieben sind, weil auf ihren Positionen wie bei Demirbay ein Überangebot an herausragenden Spielern herrschte."

Wagner sieht in Demirbay einen Spieler, der sich trotz des harten Drittligaalltags nie versteckt, der auf positive Art und Weise frech aufspielt. "Kerem wollte immer den Ball haben, hat aber in diesem Alter Fehler in Liga drei gemacht, die bestraft wurden und aus denen er lernen musste. Er hat auch spielerische Dinge ausprobiert, die kaum Aussicht auf Erfolg hatten. Das Gefühl dafür, wann was Sinn macht, das musste er in diesem Jahr bekommen. Teilweise hat er das auch auf eine harte, aber sehr ehrliche Art und Weise von mir gelernt", resümiert Wagner, der sich auch an die ein oder andere Flause im Kopf von Demirbay erinnert.

Kerem Demirbay Bayer Leverkusen Borussia Dortmund

"Ich habe ihn quasi bei seinem ersten Tattoo begleitet. Natürlich nicht als Tätowierer – aber ich weiß noch genau, wie er eines Morgens mit seinem ersten Tattoo in der Kabine saß - mitten in der Saison." Das sei alles andere als clever gewesen als Leistungssportler. Insgesamt habe sich Demirbay aber in einem vernünftigen Rahmen bewegt. "Er hat selbstbewusst vermittelt, dass er talentiert ist, hat aber immer gearbeitet und sich nicht darauf ausgeruht", erklärt sein ehemaliger Coach, der in diesem Zuge betont, wie schwierig der Sprung aus der A-Jugend in die 3. Liga ist: "Obwohl er körperlich ein richtiger Spargel war, hatte er eine gewisse, in diesem Alter nicht selbstverständliche Grundaggressivität, die ihm geholfen hat."

"Wäre er nicht so gut gewesen, hätte Klopp ihm kein Angebot gemacht"

Nach ein paar Monaten reift Demirbay zum Stammspieler, absolviert 28 Spiele und überzeugt dabei weniger mit seinen drei Scorerpunken als mit vielen Zweikämpfen, toller Technik und klarem Passspiel. "Wäre er nicht so gut gewesen, hätte Klopp ihm ja kein Angebot gemacht", sagt Wagner, der zweieinhalb Jahre später auf die Insel nach Huddersfield wechselt und den Premier-League-Aufstieg schafft. Nach der Achterbahnfahrt auf Schalke tritt der 49-Jährige diese Saison das Erbe von Gerardo Seoane bei den Young Boys Bern an. Der Schweizer steht heute – genau wie Demirbay - bei Bayer Leverkusen unter Vertrag. Demirbay sagt über seine BVB-Zeit und das Profiangebot von Klopp rückblickend: "Mit meiner heutigen mentalen Stärke wäre ich damals in Dortmund geblieben und hätte versucht zu kämpfen. Aber damals war ich damit überfordert."

Stattdessen beginnt für Demirbay im Sommer 2013 seine Zeit beim Hamburger SV. "Es war die Zeit, in der man sich beim HSV noch groß wähnte, aber es nicht mehr war", resümiert der erfahrene HSV-Journalist Marcus Scholz, der für Moin Volkspark  täglich über den HSV berichtet. Kein optimales Umfeld also, um sich als Talent in der Bundesliga durchzusetzen. Demirbay sei direkt in eine Clique mit jungen, großspurigen Spielern geraten, die allesamt in jungen Jahren dicke Autos gefahren seien und Statussymbole gepflegt hätten.

"Demirbay war schon sehr selbstbewusst. Im ersten Mediengespräch hat er vor allen Journalisten erzählt, dass er sich als Zehner sieht." Jene Position also, die seinerzeit ganz klar für Rückkehrer Rafael van der Vaart vorgesehen ist. Zwar habe Trainer Torsten Fink diese Art selbstbewusster Spieler gemocht und Demirbay auch überwiegend gut trainiert. "Sein Auftreten kam aber vereinsintern nicht bei jedem gut an. Es ist ein schmaler Grat zwischen selbstbewusst und arrogant. Und den hatte er intern wohl überschritten", so Scholz. Ein Muskelfaserriss recht früh in der Saison sowie ein Bänderriss direkt vor dem Start der Rückrunde werfen den 20-Jährigen zudem körperlich zurück. Erst an den Spieltagen 30 bis 33 sammelt er inmitten des undankbaren HSV-Abstiegskampfs seine ersten 55 Bundesliga-Minuten. Die Hamburger bleiben am Ende der Saison zwar in der Liga; Demirbays persönliche Situation stellt sich aber äußerst schwierig dar.

Runjaic: "Demirbay war viel zu gut für die 3. Liga"

Demirbays Glück: 600 Kilometer weiter südwestlich in Kaiserslautern stellt ein im Sommer 2014 weitestgehend unbekannter Zweitligatrainer die jüngste Mannschaft der Liga zusammen. Zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Stefan Kuntz und Sportdirektor Markus Schupp löst Kosta Runjaic eine überteuerte und überalterte Mannschaft am Betzenberg auf, die ein Jahr zuvor den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga leichtsinnig verspielt hatte und dann in der Relegation an Hoffenheim gescheitert war. Der strikte Sparkurs hat positive Konsequenzen. So bringt der Zweitligist in der Saison 2014/15 sechs U-21-Nationalspieler hervor, unter anderem Willi Orban und Dominique Heintz. Dass sich Demirbay zur Nummer sieben entwickelt, liegt vor allem an Runjaic.

"Ich kannte ihn aus der Dortmunder U19 und hatte auch unter David Wagner einige Spiele gesehen. Kerem war damals schon sehr präsent und technisch viel zu gut für die 3. Liga. Nachdem er beim HSV nur ein paar Minuten Spielzeit erhalten hatte, haben wir ihn angesprochen", berichtet Runjaic im exklusiven Gespräch mit DAZN.

Kerem Demirbay Bayer Leverkusen Borussia Dortmund

Kurz vor Transferschluss wechselt Demirbay schließlich auf Leihbasis zum FCK. Beim knappen 1:0-Sieg gegen den FSV Frankfurt am fünften Spieltag Anfang September 2014 debütiert er und zeigt gleich als bester Spieler auf dem Platz sein ganzes Repertoire. "Kerem hat sich sofort integriert in diese jüngste Mannschaft der Liga. Wir wollten viel kurz von hinten herausspielen. Da hat er mit seinen Fähigkeiten natürlich gut gepasst."

"Dann war er schon beleidigt"

Auch Runjaic, der seit vier Jahren erfolgreich in der polnischen Extraklasa bei Pogon Stettin arbeitet, berichtet von einem ausgeprägten Selbstvertrauen Demirbays. "So konnte er aber auch auftreten, weil er ein sehr guter Fußballer war und damals schon wusste, wie man sich positioniert und mit dem Ball umgeht. Auf mich hat er aber vor allem sehr ernst und konzentriert gewirkt. Fußball und seine Karriere waren ihm extrem wichtig." Dass Demirbay letztlich nur auf 22 Einsätze kommt, ist vor allem auf kleineren Verletzungen zurückzuführen.

Für den Klub wird es eine erfolgreiche Saison ohne Happy End. Der FCK holt aus den letzten vier Spielen lediglich zwei Punkte und verspielt damit den bereits sicher geglaubten Aufstieg. Viele der großen Talente verhandeln in der finalen Phase der Saison bereits mit anderen Klubs über ihre Zukunft.

Demirbay indes muss zunächst zum HSV zurückkehren. "Für Kerem kam vieles auf einmal. Der Aufstiegskampf, die Berufung in die U21, Verletzungen, aber er hat das gut gemacht für das erste Zweitligajahr", resümiert Runjaic.

Leicht gewesen sei es mit Demirbay aber nicht immer. "Wenn er nicht von Anfang an gespielt hat, war er schon beleidigt. Ich war selbst noch ein junger Trainer und der FCK und sein Umfeld fordernd, da ist Reibung normal. Ich konnte ihm immer ansehen, wenn er unzufrieden war. Unter dem Strich war das trotzdem alles ok. Es war schon damals erkennbar, dass er mal ein Großer wird“, sagt Runjaic, der Demirbay gerne halten möchte im Sommer 2015.

Viel zu selbstbewusst für Labbadia

Der HSV pocht allerdings auf eine Rückkehr – doch im Norden eskaliert die Situation mit Neutrainer Bruno Labbadia schnell. "Demirbay war Labbadia viel zu selbstbewusst", erinnert sich Scholz. Und so wird er erneut in Liga zwei verliehen und entwickelt sich bei Fortuna Düsseldorf mit zehn Toren in 25 Spielen endgültig zum Shootingstar. Doch auch im zweiten Versuch im Sommer 2016 finden Demirbay und Labbadia nicht zueinander.

Dietmar Beiersdorfer, eigentlich ein Fan von Demirbay, verkauft das Talent schließlich gegen seinen Willen an die TSG Hoffenheim, um den Haussegen in Hamburg zu wahren. Und noch ehe Demirbay im Kraichgau unter Julian Nagelsmann zum Bundesliga-Stammspieler avanciert, wird Labbadia in Hamburg entlassen.

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