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Uneinigkeit und "überbewertete Leistungen": Wie der Sanches-Transfer zum FC Bayern wirklich lief und wer ihn durchdrückte

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Renato Sanches Bayern München Getty Images

Die Nummer 85 hat es ihm angetan. Das muss sich Michael Reschke nach unzähligen Videostudien der portugiesischen Liga längst eingestehen. Nach diversen Diskussionen mit seinen engsten Scouting-Mitarbeitern beim FC Bayern ist Reschke an diesem Abend im Februar 2016 deshalb nach Lissabon gereist, um sich im Estadio da Luz von Benfica vor Ort einen Eindruck von Renato Sanches zu verschaffen.

Der erst 18-Jährige hat den Übergang aus Benficas renommierter Nachwuchsakademie in den Profikader bereits gepackt, sich in der Liga im erweiterten Kreis der Stammspieler etabliert. Aber an diesem Abend, das weiß Reschke, geht es um mehr. An diesem Abend ist der Druck deutlich höher. Zenit St. Petersburg ist zum Achtelfinal-Hinspiel der Champions League angereist.

Sanches spielt in verantwortungsvoller Rolle im defensiven Mittelfeld über die kompletten 90 Minuten. Er zeigt eine ordentliche Leistung, aber keine überragende. Die portugiesischen Fans und Medien feiern Sanches anschließend trotzdem überschwänglich. Wenige Wochen später schafft es Benfica ins Viertelfinale, trifft dort ausgerechnet auf Bayern München. Reschke und seine Mitarbeiter erhalten noch mehr Anschauungsunterricht.

Ist das Gesamtpaket noch tragbar?

"Renato war vor der Europameisterschaft 2016 Stammspieler bei Benfica und hatte bereits in der Champions League überzeugt. Der EM-Erfolg der Portugiesen und die Auszeichnung zum besten Nachwuchsspieler des Turniers haben für einen extremen Hype gesorgt", sagt Reschke heute im exklusiven Gespräch mit DAZN.

Reschke, von 2014 bis 2017 Technischer Direktor beim FC Bayern und unter anderem für die Transfers von Joshua Kimmich und Kingsley Coman mitverantwortlich, hat mit seinem Team die Hausaufgaben bereits vor dem Medienereignis Europameisterschaft erledigt. Am 10. Mai 2016 geben die Münchner die Verpflichtung bekannt. Sanches kommt für einen Sockelbetrag in Höhe von 35 Millionen Euro, der durch Erfolgsprämien auf bis zu 80 Millionen Euro ansteigen kann – zumindest theoretisch. Etwa dann, wenn Sanches in die Weltelf berufen oder zum Weltfußballer gewählt wird.

Vereinsintern gibt es vor und nach der EM dennoch unterschiedliche Auffassungen über den portugiesischen Teenager; kontroverse Diskussionen werden schon im Vorfeld seiner Verpflichtung geführt. Sanches‘ Talent, das ist allen Entscheidungsträgern bewusst, ist unbestritten. Doch ist das Gesamtpaket tragbar und vernünftig? Diese Frage lässt den FC Bayern München nicht los.

"Seine Leistungen wurden überbewertet"

Renato Sanches ist im Fußballballjahr 2016 die Story schlechthin: Ein großes Talent, das es aus ärmlichen Verhältnissen zum Stammspieler bei Benfica gebracht hat und portugiesischer Meister wird. Die Verantwortlichen bei Benfica und Sanches' Berater forcieren diese märchenhafte Geschichte in den Medien. Benficas Geschäftsmodell ist weltweit bekannt: junge Spieler aus den eigenen Reihen mit hohem Gewinn zu verkaufen.

Renato Sanches EURO 2016

Die Verhandlungen mit Benfica über einen Transfer beginnen im Frühjahr, verkomplizieren sich aufgrund des gestiegenen Interesses von anderen Top-Klubs aber zusehends. Noch während der Verhandlungen wird bei Bayern weiter diskutiert: Ist der Spieler wirklich schon so weit? Ist er den aufgerufenen Preis wert?

Reschke bewertet das damalige Transferziel im Rückblick wie folgt: "Seine beeindruckende Athletik, seine Dynamik und sein außergewöhnlich raumgreifendes Tempodribbling zeichneten Renato aus. Allerdings wurden seine Leistungen, auch bei der EM, etwas überbewertet, seinem Spiel fehlten damals definitiv noch Reife und Konstanz."

"Es war zu früh": Uneinigkeit unter Bayerns Verantwortlichen

Zweifel wie diese führen unter Bayerns Verantwortlichen zu Uneinigkeit. "Ich habe Renato positiv beurteilt und natürlich die Verpflichtungsentscheidung mitverantwortet", erklärt Reschke: "Aus heutiger Sicht kann man sagen: Es war zu früh. Der Zeitpunkt hat nicht gepasst."

Zwischen den Zeilen lässt der ehemalige Bayern-Mitarbeiter allerdings durchblicken, dass er gegenüber den Entscheidungsträgern durchaus auf die Euphoriebremse getreten ist. Denn: Außergewöhnliche Szenen hätten sich zu dieser Zeit noch zu oft mit einfachen Fehlpässen und Defiziten im Zweikampf abgewechselt. Letztlich setzt Karl-Heinz Rummenigge den Transfer durch.

Reschke lobt in diesem Zuge dennoch das damalige Miteinander. "Karl-Heinz Rummenigge hat mir bei den Verpflichtungen von Joshua Kimmich und Kingsley Coman sehr vertraut. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis." Kimmichs Wechsel wurde fixiert, als dieser erst eine Drittligasaison und eine Hand voll Zweitligaspiele absolviert hatte. Coman unterschrieb, als er noch keine 200 Pflichtspielminuten bei Juventus auf dem Konto hatte.

Wunschspieler von Ancelotti

In Coman, Kimmich und Sanches spielen drei der weltweit größten Talente im Sommer 2016 beim FC Bayern. Aber ausgerechnet der als bester Nachwuchsspieler der EM und Golden Boy ausgezeichnete und in den Augen vieler Experten talentierteste Youngster verliert rasch den Anschluss.

Renato Sanches Bayern München

Die von Reschke benannten Defizite, in diesem Alter eher Regel als Ausnahme, werden im Alltag fernab der EM-Euphorie deutlich sichtbar. Das Klima bei den Bayern ist zu dieser Zeit zudem rauer, die Platzhirsche beäugen und testen den Portugiesen in dessen Anfangszeit – vor allem in den Zweikämpfen. Und dort waren Sanches‘ Werte vorerst nicht gut. Schon bei der EM hatte er nur 37 Prozent seiner Duelle für sich entschieden, bei Benfica waren es noch 43.

Dennoch sei Sanches auch der Wunschspieler von Ancelotti gewesen, sagt Reschke. "Er hat zu Recht viel in ihm gesehen. Aber im ersten Jahr in München fehlte Renato einfach noch die Reife. Seine Fehlerquote war noch zu hoch, um Stammspieler bei den Bayern zu werden."

"Er konnte seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden"

Reschke beobachtet die Eingewöhnungszeit und versucht zu helfen: "Wir hatten einen sehr guten Kontakt, und in schwierigen Phasen habe ich oft versucht, ihn aufzubauen. Aber es war sehr schwer für Renato, weil er seinem eigenen Anspruch damals noch nicht gerecht werden konnte. Es ist vieles suboptimal gelaufen."

Auch bekannte Gesichter helfen nur bedingt. "Natürlich war er in München zumeist von Familienmitgliedern und Freunden umgeben. Wir haben zudem immer versucht, ihm eine Wohlfühlatmosphäre zu verschaffen", erklärt Reschke, der sich aus heutiger Sicht sicher ist: "Der Wechsel nach München kam einfach zu früh für ihn. Vermutlich wäre es für ihn sportlich und persönlich besser gewesen, noch ein oder zwei Jahre in seiner Heimat Lissabon zu bleiben."

Doch im Spitzensport werden Entscheidungen stets im Moment getroffen. Sanches wird den Erwartungen mit 19 Jahren nicht gerecht, spielt in seiner Debütsaison nur sechsmal von Anfang an. Die hohen Erwartungen kann er 2016/2017 zu keiner Zeit erfüllen. "Carlo Ancelotti hat ihn immer positiv begleitet. Aber bei Bayern herrscht eben eine absolute Leistungsgesellschaft, und die Konkurrenz war damals einfach stärker als der sehr junge Renato."

Thiago, Xabi Alonso, Arturo Vidal und Javi Martinez blockieren die Plätze im Mittelfeld. Das Selbstvertrauen weicht alsbald der Erkenntnis, dass noch etwas fehlt. Mental sei es eine schwierige Situation in einem fremden Land gewesen, glaubt Reschke und konstatiert: "Renato war und ist ein Klassetyp und charakterlich top. Er ist sehr professionell und immer bestrebt, sich zu verbessern."

"Sein Talent und seine Klasse sieht man ja jetzt"

2016 aber ist das nicht genug. Am Ende der für ihn enttäuschenden ersten Saison wird er nach Swansea verliehen, weil die Leihgebühr mit rund acht Millionen Euro ordentlich ist und Bayerns Ex-Co-Trainer Paul Clement dort in verantwortungsvoller Position ist. Aber der Deal ist kontraproduktiv für die Entwicklung des Portugiesen. Reschke, der den FC Bayern nach drei Jahren und zum Zeitpunkt dieses Deals bereits verlassen hat, hätte den Portugiesen lieber in einem für den Spieler bekannteren Umfeld gesehen, möglichst in Portugal oder Spanien.

Stattdessen stagniert Sanches und schafft auch unter Niko Kovac nicht den Sprung zum Leistungsträger. Im Sommer 2019 wird das Missverständnis beendet. Lille überweist immerhin noch 20 Millionen für den Portugiesen, dessen Talent weiterhin unbestritten ist.

"Sein Talent und seine Klasse sieht man ja jetzt. Renato musste seinen persönlichen Reifeprozess durchlaufen, um seine Qualität voll abzurufen", sagt Reschke. In der abgelaufenen Spielzeit steht er in der Ligue 1 23-mal auf dem Feld und wird mit Lille überraschend Meister. Nach einer Knieverletzung hat er in dieser Saison wieder Anschluss gefunden, steht überraschend im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Chelsea, wo die Chancen vor dem Rückspiel (am Mittwoch um 21.00 Uhr live auf DAZN) nach dem 0:2 im Hinspiel an der Stamford Bridge aber gering sind.

Wenn der 24-Jährige seinen Entwicklungsprozess fortführt, wird Lille im Sommer mit seinem Wert die Schuldenlast verringern. Dieses Mal wird Sanches aber aufsteigen zu einem Top-Klub.

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