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Fabrikarbeit, erst mit 20 Profi und Foden-Vergleich: Der unglaubliche Aufstieg von Lyndon Dykes

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Lyndon Dykes Getty Images

Gold Coast ist ein australisches Paradies. 26 Grad Durchschnittstemperatur, fast sechzig Kilometer Strand und mit 570 000 Einwohnern kaum größer als Bremen, ist die Stadt an der Ostküste ein Eldorado für flanierende Rentnerpaare und surfende Sonnyboys. Hier freut sich ein eingewandertes Paar aus Schottland am 7. Oktober 1995 über ihr zweites Kind: Lyndon Dykes.

Lyndon Dykes wächst in einer sportbegeisterten Familie auf, seine fünf Jahre ältere Schwester Hollie turnt leidenschaftlich, später wird sie einmal die Goldmedaille der Commonwealth Games gewinnen. Auch für Lyndon ist die Liebe zu einer bestimmten Sportart schnell geklärt – Rugby ist sein Ding, da gibt es keine Zweifel. Das verwundert nicht in einem Land, in dem Cricket und Rugby mit Abstand die populärsten Sportarten sind. Fußball ist für australische Kids zu diesem Zeitpunkt wahrlich kein Magnet, von Idolen oder Stars kann keine Rede sein. Bei ihrer bislang einzigen WM-Teilnahme 1974 hatte die australische Nationalmannschaft gerade eingecheckt, ehe sie nach null erzielten Toren in der Vorrunde wieder im Flieger zurück nach Down Under saß.

Es ist also nicht verwunderlich, dass es für den jungen Dykes keine kickenden Vorbilder gab, die ihn für Fußball hätten begeistern können. Australische Fußballer waren zu diesem Zeitpunkt keine Exportschlager und mischten in europäischen Ligen kaum mit. Zur Einordnung: Als Dykes auf die Welt kommt, wechselt Australiens spätere Torwart-Legende Mark Schwarzer gerade von Dynamo Dresden zum 1. FC Kaiserlautern und kommt bei beiden Clubs nicht über die Ersatzbank hinaus. Kein Wunder also, dass Dykes während seiner Kindheit keinem Fußball, sondern einem Rugby hinterherjagt. Sein Vorbild ist nicht Ronaldinho, sondern Ruben Wiki, neuseeländischer Rugby-Spieler der Canberra Raiders.

In die Grasnarbe gedrückt

Als es die Familie nach Canberra zieht, kann sich Dykes im Rugby entwickeln. Auf der Position eines Wings fühlt er sich auf Außen wohl. Kicken und sprinten oder Bodenroller (grubbers) im vollen Lauf aufnehmen, gehören zu seinen Stärken. Doch die Sache hat einen Haken. Wunderkinder, wie sie der Fußball regelmäßig hervorbringt, gibt es im Rugby nicht. Die körperliche Entwicklung spielt eine zu zentrale Rolle, entweder du wächst mit den Zweikämpfen oder du lässt es. Bei einem Sprint über Außen wird Dykes bei einem Spiel von einem "Big Boy" unter die Grasnarbe gedrückt, in der Nacht wacht er vor Schmerzen auf und kann sich kaum bewegen. Die Angst vor einer schlimmen Verletzung ist bei Dykes real.

In diesem Zeitraum ändert sich Vieles sehr schnell. Nach der Rückkehr mit der Familie nach Gold Coast, tritt Dykes das erst Mal für den Fußball-Amateurclub Mudgeeraba SC gegen das runde Leder. Kurz darauf nimmt Dykes an einer Schulreise nach England teil und biegt für einen Abstecher ins schottische Dumfries ab, der Heimat seiner Eltern und Verwandten. Sein Onkel, der selbst Fußballer in Südafrika und Schottland war, kann den Jungen für Fußball begeistern. Hier kommt es zum großen Switch zwischen Rugby und Fußball, als er beim benachbarten Zweitliga-Club Queen of the South reinschnuppert und kurz bei deren U20 mitkickt.  

Erst untere Ligen, dann Raketenschuss

Zurück in Down Under, treibt es Dykes querbeet durch Australiens untere Ligen. "Aller Anfang ist schwer" ist bei ihm fortan Programm, es wird offensichtlich, dass Dykes nie die nötige Grundausbildung auf höherem Niveau erfuhr, die Talente normalerweise in den Akademien von Brisbane Roar oder Syndey FC absolvieren - Vereinen, die Dykes damals ablehnten. Der Zweitliga-Club Gold Coast City FC zum Beispiel, wo Dykes kurzzeitig unterkommt, gehört zur Premier League Queensland. In Deutschland entspricht das etwa dem Niveau zwischen Regional- und Oberliga. Dykes absolviert dort als inzwischen 20-Jähriger ein einziges Pflichtspiel.

Er entscheidet sich für einen Bruch mit Australien und wird 2016 von Queen of the South unter Vertrag genommen. Der Wechsel nach Schottland entpuppt sich sofort als Raketenschuss, im Umfeld seiner Verwandten kann Dykes aufblühen. Dem 1,88 Meter großen Mittelstürmer liegt der robuste schottische Fußball, die Rugby-Erfahrungen spielen ihm dabei in die Karten, wie er BBC erklärte: "Rugby half mir auf der physischen Seite. Manche Verteidiger sind größer als ich. Doch ich denke, dass sie nicht mit meiner Entschlossenheit rechnen, an den Ball zu kommen. Das hilft mir sehr." Wirklicher Vollprofi ist er aber auch hier nicht, spielt er doch schlielich nur in der schottischen 2. Liga.

Lyndon Dykes

Hoffnung der Tartan Army

Dykes ist kein typischer Knipser, doch in der Box unberechenbar und vielseitig unterwegs. In 136 Spielen für Queen of the South traf er als Mittelstürmer zwar nur 23 Mal, doch legte auch 34 Tore auf. Fähigkeiten, die zunächst den schottischen Erstligisten FC Livingston und schließlich die Queens Park Rangers von einem Kauf überzeugten. Nachdem er sich für die doppelte Staatsbürgerschaft entschied, netzte Dykes im September 2020 das erste Mal für die Tartan Army in einem Länderspiel.

Vielleicht ist es Glück für Dykes, dass schottische Mittelstürmer seit jeher rar gesät sind und die Spielweise der Bravehearts nicht an Tiki-Taka, sondern eher an Caber Toss erinnert. Und gibt es doch einmal vielversprechende Mittelstürmer, heißen sie Oliver McBurnie, haben Scarface-Tattoos, werden prügelnd gefilmt und erscheinen nicht zur Gerichtsverhandlung. Dem Weg zur EM-Teilnahme stand also nichts mehr im Weg, im EM-Auftaktspiel gegen Tschechien lief Dykes als Neuner in der Startelf auf.

Dykes versus Foden

Bei der 1:2-Niederlage blieb Dykes blass und agierte bei seinen wenigen Torchancen unglücklich. In den sozialen Medien machten sich im Anschluss einige nicht nur darüber, sondern auch über seine blondgefärbten Haare lustig, die zwar an Paul Gascoigne bei der EM 1996 erinnern würden, aber nur das Ergebnis seien, wenn man Phil Foden auf Wish bestelle. Das alles gehört natürlich zum Warmup vor dem Battle of Britain gegen England dazu.

Und wenn Lyndon Dykes auf Phil Foden trifft, könnten die Unterschiede zwischen schottischem und englischem Fußball kaum sinnbildlicher sein. Hier der australische Schotte mit semi-professioneller Ausbildung, dort das englische Juwel, das seit seinem achten Lebensjahr in der Academy von Manchester City hochgezogen wird. Und vielleicht erklärt genau dieser Gegensatz, warum Dykes in Schottland beliebt ist. Der personifizierte Underdog, der vor ein paar Jahren noch acht Stunden in einer Fabrik arbeiten und Nummern auf Sportkleidung drucken musste, die Phil Foden da schon längst umsonst bekam.

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