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Sensationsmeisterschaft in Norwegen, mit dem Kindheits-Idol in Mailand und ein großes Plus: Wie Jens Petter Hauge das Märchenland hinter sich ließ

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Jens Petter Hauge Eintracht Frankfurt 1. FC Köln Bundesliga 25092021 Getty Images

In Bodø schlagen die Uhren anders. Es ist hell, wenn es dunkel sein sollte. Und dunkel, wenn die Sonne eigentlich ihr wärmendes Licht spendet. Landeinwärts ragen schneebedeckte Bergzipfel hervor, am Hafen schaut man in die Weite des Meeres. Naturereignisse wie die Polarlichter, Fjorde oder die Schneelandschaft im Winter machen den pittoresken, idyllischen kleinen Ort nördlich von Oslo zu einer himmlischen Attraktion Norwegens. Also, 1.200 Kilometer nördlich von Oslo. Das sind rund 200 Kilometer mehr, als zwischen München und Flensburg liegen.

Soll heißen: Wenn man nicht gerade auf Kreuzfahrt durch die Nordsee schippert, ist Bodø sehr weit weg. Die 50.000 Einwohner sind meist unter sich, sie genießen mit ihrer positiven Lebenseinstellung gemeinsam ihre tiefe Ruhe und hohe Lebensqualität. Das Einkommen ist gut, komplizierte Angelegenheiten wie Gesundheitssystem, Verkehrswende oder Klimapolitik funktionieren hervorragend in der Kleinstadt, es ist sauber, Infrastruktur und Schulen sind hoch entwickelt. Im Jahr 2024 wird der Ort jenseits des Polarkreises die Kulturhauptstadt der Europäischen Union sein. 2016 wurde Bodø zur attraktivsten Stadt Norwegens gekürt.

Von den Vätern zu den Trainern 

Wer jetzt noch das Talent mitbringt, für den ist es ein wunderbarer Ort, um Fußballprofi zu werden. Und Talent hatte der Einheimische Jens Petter Hauge, Neuzugang von Eintracht Frankfurt, zuhauf, als er sich mit fünf Jahren seinem ersten Fußballverein anschloss. FK Vinkelen und IK Junkeren hießen die Stationen und dürften nur ortsansässigen Insidern oder höchstens Hardcore-Groundhoppern ein Begriff sein. "Er wurde von Vätern trainiert, nicht von Coaches", erzählte sein Vater Jan Ingvald mal dem Nachrichtenportal Sempremilan. Fußball aus Leidenschaft und Spaß, eine Profikarriere war nicht angedacht. "Vielleicht hat er deshalb ein eigenes Verständnis vom Fußball entwickelt, weil er nicht an feste Richtlinien und Strukturen gebunden war", mutmaßt Jan Ingvald Hauge, ein zugezogener Polizist, der auch zu den trainierenden Vätern gehörte.

Im Alter von zwölf Jahren ragte Hauge so sehr heraus, da wurde Kicken aus Spaß an der Freude der Sache nicht mehr gerecht. Der Anschluss an die Fußball-Akademie des Erstligisten FK Bodø/Glimt war naheliegend, der nächste größere Verein ist mehrere Autostunden entfernt. Bei Glimt, norwegisch für Blitz, trainierte Hauge das erste Mal unter professionellen Bedingungen. Und ging in den nächsten Jahren durch die Decke.

Seine Coaches lehrten ihm das Spiel und die technischen Fertigkeiten, ließen ihm auf dem Feld aber seine Freiheiten. So konnte Hauge seiner Kreativität und seinem Spielwitz freien Lauf lassen. Der Vater beschreibt das älteste von drei Kindern stellenweise als dickköpfig, was vermutlich negativ behafteter ist, als es gemeint war. Denn durch den Mut und die gewährte Freiheit, eigene Entscheidungen zu fällen, weniger an festen Vorgaben gebunden zu sein, entwickelte Hauge eine Spielintelligenz und Wahrnehmung, von der er heute profitiert.

Der Traum-Einstand als Profi

Der Weg ins Profiteam ist in dem kleinen Verein kurz. FK Bodø/Glimt darf erst seit Anfang der 70er Jahre an der ersten Liga Norwegens teilnehmen, davor galten die langen Entfernungen als No-Go und Ausschlusskriterium. Seitdem haben es drei Vereine aus Nordnorwegen in die Eliteserien geschafft. Und obwohl Glimt immerhin ein paar Mal Vizemeister wurde und zwei Mal den Pokal gewann, ist es ein blinder Fleck auf der Fußballkarte Europas. Kaum ein ausländischer Spieler findet den Weg hierher. 

Umso höher ist der Stellenwert des eigenen Nachwuchses. Erst recht, wenn ein so hochklassiger Jahrgang wie der rund um Hauge bereitsteht. Der kommt in der Saison 2015/2016 zum Zuge, mit Hauge als Speerspitze schickt Glimt eine extrem junge Mannschaft in die Saison. Hauges Start ist raketenhaft: Der Stürmer schießt in seinem ersten Profispiel im Pokal als Einwechselspieler drei Tore in 14 Minuten. Ein lupenreiner Hattrick als Appetizer.

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Das Spiel ist nicht alles 

Im August ist in Norwegen die halbe Meisterschaft gespielt, die junge, unerfahrene Mannschaft aus Bodø steckt im Abstiegskampf und braucht einen neuen Innenverteidiger. Mit Sascha Mockenhaupt, beim 1. FC Kaiserslautern plötzlich nicht mehr gefragt, kommt zufällig und spontan einer der seltenen Legionäre. Mockenhaupt, heute Kapitän in der 3. Liga beim SV Wehen Wiesbaden, pflegt noch heute den Kontakt mit Hauge und erinnert sich gegenüber DAZN: "Nach dem ersten Training mit ihm habe ich meinem Berater gesagt: Wenn der nicht irgendwann groß rauskommt und in Europa spielt, fresse ich einen Besen."

Als Ergänzungsspieler und Joker hatte Hauge, gerade mal 16 Jahre jung, naturgemäß noch nicht den größten Einfluss auf das Spiel des Teams, sein Potenzial war trotzdem nicht von der Hand zu weisen. "Er hatte vom Fleck weg eine unfassbar gute Wahrnehmung und Spielintelligenz, spielte technisch sauber und einwandfrei", schildert Mockenhaupt. Dazu kamen eine hohe Geschwindigkeit und die Unbekümmertheit, die ein junger, dribbelstarker Offensivspieler braucht, um befreit aufzuspielen.

Das Wichtigste in Hauges Entwicklung zu einem begehrten norwegischen Fußballer war aber sein Umfeld. Bodø ließ ihn in Ruhe. "Dort ist es nicht so verbissen. Die Leute sind genügsam", beschreibt es Mockenhaupt. Es ist nicht so, als wären die Einwohner dem Verein nicht verbunden, "doch es gibt eben auch Schlimmeres als ein verlorenes Fußballspiel." Stars oder Großverdiener sind die Protagonisten ohnehin nicht. Erst recht nicht die ganzen Teenager, die da gerade um den Abstieg spielten.

Dankbarkeit trotz Abstieg

Und so hat Hauge in seiner ersten Zeit als Fußballprofi nichts anderes gemacht als in seiner gesamten Kindheit: Kicken mit den Freunden. "Nur die Bühne war etwas größer", sagt Mockenhaupt. Aber was machte das schon für einen Unterschied an einem Ort, an dem die Menschen ihre Glückseligkeit nicht aus dem Erfolg ihres Fußballvereins ziehen? Hauge erlebte trotz seines Potenzials und der Hoffnungen, die früh in ihn gelegt wurden, eine normale, bodenständige Jugend. Abhängen mit Freunden im Einkaufscenter, zur Schule gehen, fischen und anschließend grillen, sich frei im Ort bewegen. Verlockungen gab es keine, den teuren Alkohol konnte sich kaum jemand leisten. 

Das war für den Nachwuchsspieler und seine Freunde zwar ein angenehmes, unbeschwertes Leben, in der höchsten Liga hielt es Glimt mit dieser Mentalität und der fehlenden Abstiegsleidenschaft aber nicht. Es ging also runter, das konnte auch Mockenhaupt nicht mehr verhindern. Trotzdem hat der erfahrene Verteidiger nur positive Erinnerungen, wenn er an das halbjährige Abenteuer zurückdenkt: "Die Leute begegneten dir mit einer großen Dankbarkeit. Hauptsache Fußball. Der Abstieg wurde dem Verein nicht übelgenommen."

Sensationsmeisterschaft in Norwegen

Manchmal braucht es im Fußball einen Absturz, ehe durchgestartet werden kann. Und so ging Glimt es auch an. Die talentierte Mannschaft blieb zusammen, ging geschlossen in die 2. Liga und stieg direkt wieder auf. Es war der Startschuss für eines der größten Fußballwunder im norwegischen Fußball. Glimt wurde als Aufsteiger Elfter, dann war die Vizemeisterschaft 2019 eigentlich schon Sensation genug. Doch 2020 war Bodøs Team so gefestigt, eingespielt und etabliert, dass die gesamte Konkurrenz Norwegens chancenlos war.

Glimt wurde mit nur einer Niederlage in 30 Spielen, einem Torrekord (103), den meisten Siegen (26) und dem größten Abstand aller Zeiten (19 Punkte) Meister. Mittendrin Hauge, dessen Entwicklung stetig war. Abgesehen von einem Durchhänger 2018, als er auch als Leihspieler in der 2. Liga für Aalesunds FK kaum zu Einsätzen kam, ist der Dauerläufer auf der Außenstürmer-Position stets gefragt. Wenn auch nicht immer über die volle Distanz, macht Hauge trotz seines jungen Alters unheimlich viele Spiele. Zur Sensationsmeisterschaft steuert er bis Ende September 14 Tore und zehn Vorlagen in 18 Partien bei.

Der Stolz der Heimat

Das musste reichen, um Bodø/Glimt den Weg zu ebnen. Der Rest war Formsache. Bei der Meisterfeier, die wegen Corona ohnehin so gut wie ausfiel, war Hauge schon gar nicht mehr zugegen. Im Qualifikationsspiel zur Europa League gegen AC Mailand stieß er für sich das Tor zu Europa auf. Bei der knappen 2:3-Niederlage spielte Hauge fantastisch, legte ein Tor auf und erzielte das andere selbst. Zehn Tage danach gab er im Milan-Dress gegen Spezia Calcio sein Debüt in der Serie A. Die Rossoneri verpflichteten ihn für fünf Millionen Euro, Hauge ist jetzt der teuerste Bodø-Spieler der Geschichte.

Vom behüteten Fischerort in die dekadente Mode-Metropole, vom Kunstrasen des Aspmyra Stadion auf den Rasen des San Siro. Weg von Freunden, der Familie und jahrelangen Weggefährten, hin zum Kindheits-Idol Zlatan Ibrahimovic. Hauge fühlte sich nach vier Profijahren in Norwegen bereit für den gewaltigen Tapetenwechsel und ist nun der ganze Stolz seiner Heimat. In Mailand schlug er sich tapfer, war fit und fleißig, der Durchbruch blieb ihm aber verwehrt, auch wenn 24 Einsätze aller Ehren wert sind. Doch gerade gegen Ende der Saison setzte Trainer Stefano Pioli gar nicht mehr auf ihn.

Also orientierte sich Hauge nach nur einem Jahr wieder um. Und spielt jetzt in Frankfurt. Dort arbeitet seit Sommer Markus Krösche, der Hauge schon zu RB Leipzig holen wollte, ihn jetzt als Sportvorstand der SGE bekam. In Frankfurt erhofften sich Fans und Verein nach ordentlichen ersten Auftritten zum Start der Saison eine Art Ante Rebic light. Rebic, der Hauge in Mailand den Wechsel nach Frankfurt ans Herz gelegt hatte. Einer, der einfach mal losstiefelt. Der initialisiert, auch wenn gerade wenig zusammengeht, nicht aufhört zu laufen und ungestüm zu pressen.

Unbekümmert in die Herzen der Fans?

Das passt bestens zur Spielidee des neuen Trainers Oliver Glasner, der immer so viele Spieler wie möglich in unmittelbarer Nähe des gegnerischen Sechzehners sehen will, die bei hohen Ballgewinnen ausstreuen können. Hauge bringt zwar nicht die Wucht seines prominenten Ex-Kollegen mit, ist aber ein Tempospieler, der sich genau dort am liebsten aufhält. Ein Zocker, der keine Scheu vor direkten Duellen hat. Er fordert den Ball, will ihn nach vorne tragen, seine Mitspieler einsetzen. Bislang gelang ihm das aber nur in Ansätzen. 

In einer bis jetzt wechselhaften, zum Teil chaotischen Saison der Eintracht, mit schwachen Leistungen und ungenügenden Ergebnissen in der Bundesliga auf der einen und dem Achtelfinal-Einzug in der Europa League auf der anderen Seite, fällt es Hauge, aber auch den anderen Neuzugängen wie Jesper Lindström oder Sam Lammers schwer, sich im neuen Umfeld zu etablieren. Zuletzt waren die Einsatzzeiten des Nationalspielers gering, die Kritik und der Druck groß. 

"Ich hoffe, dass er seine Unbekümmertheit beibehält, auch wenn es für ihn oder seinen Verein mal nicht so läuft. Das war immer sein größtes Plus", sagt Mockenhaupt. Wenn diese Hoffnung aufgeht und Hauge nach der Eingewöhnungszeit spätestens in der zweiten Saisonhälfte durchstartet, kann sich die Kaufoption, die bei sieben Millionen Euro liegen soll, noch als wahrer Schatz erweisen.

Seine attraktive Spielweise und sein ruhiges, überlegtes Auftreten lassen hoffen, dass die Fans der Eintracht noch Gefallen an ihrem Neuzugang finden werden. Und wer weiß, was noch alles in Hauge steckt, wenn er erstmal regelmäßig die Wucht des ausverkauften Waldstadions erleben darf. Das kennt er in dieser Form aus der malerischen Naturoase Bodø nämlich nicht.

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