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Thomas Müller bei #DAZNmoments: "Dann fragt man sich: Bring ich's noch?"

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Thomas Müller FC Bayern München Champions League 23082020

Die Ränge mitten in der Corona-Pandemie leer, doch der Triumph hätte größer nicht sein können: Im August 2020 gewann der FC Bayern München das Finalturnier der UEFA Champions League im Estadio da Luz in Lissabon. Der deutsche Rekordmeister krönte sich mit Siegen gegen Barcelona, Lyon und PSG zum Triple-Sieger und der Gewinn des Henkelpotts war der Höhepunkt der unglaublichen Entwicklung des Teams unter Trainer Hansi Flick, der erst in der Hinrunde derselben Saison das Traineramt von Niko Kovac übernommen hatte.

Mittendrin: Leistungsträger und Bayern-Legende Thomas Müller, der sich in der vierten Episode des Formats #DAZNmoments an diese ganz besondere Saison erinnert. Er erklärt, was der Schlüssel im Halbfinale gegen Lyon war und worauf es im Finale gegen PSG ankam. Außerdem denkt er an die Party danach zurück und an Golf im Morgengrauen, spricht aber auch offen über Zweifel und die Krise unter Kovac.  

Thomas Müller bei #DAZNmoments über …

… Bayerns turbulenten Saisonverlauf 2020: "Für den ganzen Verein war das eine irre Reise, mit dieser großen Krise im Oktober, in der es in allen Belangen nicht gelaufen ist. Am Ende entscheiden die Ergebnisse darüber, wie man sich als Bayern-Spieler fühlt. Probleme und Schwierigkeiten gibt es immer, mannschaftlich und bei Einzelspielern - wenn am Ende aber die Ergebnisse oder die Spielweise nicht überzeugen, gibt es Probleme. Mit Hansi Flick wussten weder die Mannschaft noch der Verein, was auf uns zukommt." 

… die Corona-Pause 2020: "Wir sind nach der Corona-Pause, als der Spielbetrieb wieder aufgenommen wurde, durch die Liga gepflügt. Wir haben diese Phase super genutzt, um uns mental und vor allem körperlich frisch und fit zu machen. Und die Spielweise, die uns Hansi Flick an die Hand gegeben hat, haben wir gierig und hungrig umgesetzt."

… das FCB-Selbstbewusstsein der Triple-Saison und das 8:2 gegen Barca: "Der erste Prüfstein war vor Corona in London gegen Chelsea, da wussten wir noch nicht, wo wir international stehen. Das war ein Gradmesser, wir haben aber super überzeugt. Dann haben wir die Meisterschaft und den Pokal gewonnen, da hat man natürlich eine breite Brust. Wir waren überzeugt, dass die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, Ergebnisse bringen wird. Man muss auch dazu sagen: Barcelona war in diesem Moment in einer Phase, in der sie verwundbar waren." 

… die Favoritenrolle in großen Spielen: "Egal, in was für einer Phase du bist oder ob du dich als Favorit fühlst - du bist immer nervös, weil es auf diesem Niveau immer schiefgehen kann. […] Man ist von Spielverläufen und vom Spielglück abhängig, egal wie gut man die eigene Strategie umsetzt. Du brauchst den Moment auf deiner Seite."

… Mitleid beim 8:2 gegen Barca: "Den Gedanken 'jetzt ist auch gut' hat man nie. Unser ehemaliger Mitspieler Arturo Vidal hatte es immer wieder versucht, seine Mitspieler zum Weitermachen zu bringen, aber eigentlich wollte man ihm sagen: 'Junge, alle wissen, dass nichts mehr anbrennt, es steht 6:2, 7:2.' Danach spricht man noch kurz, aber im Moment der Niederlage nimmst du das gar nicht so wahr. Die Hände nach dem Spiel zu schütteln ist eine schöne Geste, aber du bist gefangen in deiner eigenen Trauer und deinem eigenen Drama." 

Thomas Müller DAZN Moments

… das Halbfinale gegen Olympique Lyon: "Lyon war vom Namen her der 'Underdog', aber sie hatten davor City rausgeworfen, da war natürlich Alarmbereitschaft. Es war ein Spiel, das wir in der Anfangsphase nicht zu hundert Prozent im Griff hatten. Die Aktion von Serge Gnabry beim 1:0 hat uns enorm geholfen. Unsere Spielweise ist auf Dominanz und enormen Druck ausgelegt, aber jedes System hat seine Schwachstellen. Und diese hat Lyon gut angespielt, konnten es aber nicht ausnutzen."

… den Vergleich zum jüngsten CL-Aus gegen Außenseiter Villarreal: "Gegen Villarreal hatten wir mehr Probleme, Torchancen herauszuspielen, weil sie defensiv anders agiert haben als Lyon. Aber von der Grundcharakteristik ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden. Gnabrys Tor gegen Lyon war der Dosenöffner, wobei wir den im Rückspiel gegen Villarreal durch das 1:0 auch hatten. Deswegen war das schon brutal. Dass wir in der zweiten Halbzeit ein Gegentor bekommen, war eigentlich nicht mehr möglich. Für uns war es auch so: Okay, dann gehen wir in die Verlängerung, wir sind am Drücker. Nach dem Gegentor war nur Stille, alle waren geschockt."

… das CL-Finale 2020 vor leeren Tribünen: "Es ist schon traurig, wenn man das so sieht. Ich weiß ja Gott sei Dank, wie ein Champions-League-Finale abläuft, wenn Zuschauer da sind und kenne diese Tragweite. Das hatten die anderen Jungs, für die es das erste und bisher einzige Finale war, noch nicht. Den Erfolg kann dir keiner mehr nehmen, aber es geht um die Erlebnisse, und die hast du mit Menschen."

… Paris Saint-Germains Aufstellung im Finale: "Da wo's interessant wird, war's klar: dass Mbappe, Neymar und Di Maria spielen werden. Am Ende sind das auch die Spieler, die dir an so einem Tag wehtun oder eben nicht. Die anderen Spieler sind alle gut, sie können überragend spielen - aber auch besiegbar sein. Wenn du gegen so einen Gegner spielst, steht und fällt es am Ende mit den - ich nenne sie mal - Zauberern."

… taktische Anpassungen gegen PSG: "Wenn dann minimal beim individuellen Mindset in Sachen Risiko oder Durchdecken. Dass man sich als Defensivspieler gegen Neymar oder Mbappe einen Meter mehr zum Ablaufen nimmt als gegen andere Spieler. Aber von der Ausrichtung her waren wir straight und wollten das machen, was wir vorher auch gemacht haben." 

… seine eigene Aussage nach dem Triple, er fühle sich noch nicht reif für den Altglas-Container : "Du fühlst dich ja auch kacke, wenn du das Potenzial, das in dir oder der Mannschaft steckt, nicht auf den Platz bekommst - aus welchen Gründen auch immer. Wir hatten mit Corona auch das Quäntchen Glück, weil wir zuvor Verletzungsprobleme hatten: Lewy hatte sich im Hinspiel gegen Chelsea wehgetan, Kingsley war auch mit Problemen beschäftigt, Philipe Coutinho hatte im Mai, Juni mit einer Verletzung zu kämpfen. Wir hatten durch diese Verschiebung auch die Zeit, wieder komplett zu werden. Das ist uns in den Jahren davor oft zum Verhängnis geworden. Gerade unter Pep und die zwei, drei Jahre danach haben uns in Viertel- und Halbfinals oft wichtige Spieler gefehlt, Franck Ribery und Arjen Robben waren in der heißen Phase immer wieder verletzt." 

FC Bayern München Champions League Lissabon Finale 23022020

… die Feierlichkeiten nach dem CL-Triumph 2020: "Hotel, Party - natürlich alles im sehr kleinen Kreis. Die Location war schön, aber gut, wobei die Location bei so einer Feierlichkeit eigentlich völlig egal ist. Auch, ob die Kaltgetränke 15 Jahre gelagert oder frisch gezapft wurden. (lacht) David Alaba hatte vor lauter Euphorie irgendwo mit der Hand so dagegen geschlagen, dass er eine Verletzung hatte und blutete. Im Morgengrauen haben wir sogar noch eine Runde Golf gespielt. Wir waren alle überdreht und wollten das unbedingt machen - damit wir erzählen können, dass wir's gemacht haben. Wenn man feiert und vielleicht sogar ein bisschen zu viel getrunken hat, macht man ja oft Dinge nur, damit man davon erzählen kann." 

… die Stimmung in der Mannschaft: "Ich trenne eigentlich sehr stark zwischen den Dingen, die auf dem Platz passieren, und den Dingen, die nebenher passieren. Ich habe es immer erlebt, dass die Mannschaft sich auch neben dem Platz gut verstanden hat. Es ist nie so, dass du auf dem Platz mehr für den anderen machst, weil du mit ihm Bier trinken, feiern und Spaß haben kannst - die Meinung habe ich nicht. Es ist eher andersrum: Wenn das Symptom da ist, dass du ungern einen gemeinsamen Abend verbringst, dann stimmt etwas nicht. Da spielt das Trainerteam eine ganz wichtige Rolle: Dass die Dinge, die gemeinsam auf dem Platz passieren sollen, trainiert, gefordert und einstudiert werden. Es muss ein Geist geschaffen werden, durch den jeder die Fehler der anderen ausputzen muss und will - und das nicht, weil es mein Freund ist oder man sich schon die Nächte um die Ohren geschlagen hat, sondern weil es Sinn macht und es nötig ist, wenn du gewinnen willst."

… Zweifel in der schwierigen Phase unter Niko Kovac : "Dieses Zweifeln und Nicht-Zweifeln passiert ständig. Ich habe einerseits von Natur aus ein gesundes Selbstvertrauen, auch aufgrund meiner Entwicklung als Kind und Jugendspieler, weil ich viele Erfolgserlebnisse hatte. Die habe ich zwar nicht geschenkt bekommen, aber trotzdem gibt jedes Erfolgserlebnis einen Schub. Das andere ist aber, dass die Zweifel ständig kommen. Wenn du ein gutes Spiel machst, denkst du dir: 'Was soll mich stoppen? Ich habe alles im Griff, kann mein Spiel auf höchstem Niveau durchziehen und alles ist wunderbar.' Dann macht man ein schlechtes Spiel, in dem nichts gelingt, und fragt sich: 'Bring ich's noch? Kann ich's noch?' Natürlich nicht sofort von ganz oben nach ganz unten und umgekehrt, da ist schon ein Filter drauf. Aber das Zweifeln, wenn etwas nicht klappt, ist menschlich."

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