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Warum die Stars von Underground of Berlin heute aus der Talentförderung fallen würden

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Kevin-Prince Boateng Ashkan Dejagah Hertha BSC Underground of Berlin 25112006 Getty Images

Die Revolution platzte Ende Oktober 2020 durch die Hintertür hinein in den deutschen Nachwuchsfußball. Damals verschickte der Deutsche Fußball-Bund per Mail eine Vorabinformation zum sagenumwobenen "Projekt Zukunft" an die Leiter der Nachwuchsleistungszentren in Deutschland. Teilweise explosive Inhalte, gepackt in ein 19-seitiges PDF-Dokument. Wenige Wochen zuvor hatte es schon eine Art Soft-Launch gegeben, als die geplante Umstrukturierung des Spielbetriebs unter anderem in den Bundesligen der U17- und U19-Junioren versandt wurde.

Die tiefgreifendste Reform der Kinder- und Jugendausbildung seit 20 Jahren steht seitdem in den Startlöchern. Das Problem: Niemand will den Startschuss geben. Interne Streitereien, lächerliche Provinzpossen und jede Menge Politik verhindern nun seit mehr als einem Jahr eine längst überfällige Reform einer krumm und schief zusammengebastelten Nachwuchsförderung in Deutschland.

Die Förderstrukturen und Inhalte der letzten Dekade sind schon lange überholt. Der DFB und seine Nachwuchsleistungszentren setzten zu viel auf Kollektivismus, Gleichschaltung, Anpassung. Auf der Strecke blieben dagegen Individualismus, Kreativität, auch ein gewisses Maß an Extravaganz und Rebellion. Die Protagonisten des DAZN-Originals Underground of Berlin hätten von der Ausbildung an einem deutschen Leistungszentrum in den letzten Jahren gelinde formuliert schnell genug gehabt.

Trainer von der Straße für die Kids von der Straße

Die wilden Kerle aus Berlin genossen etwas überspitzt formuliert eine Art duales Studium: Den Jahren auf der Straße und in den Käfigen im Wedding folgte über die Reinickendorfer Füchse der Sprung zu Hertha BSC - und Frank Friedrichs hatte daran entscheidenden Anteil. Der heute 42-Jährige machte sich damals bei den Füchsen einen Namen als Nachwuchstrainer und hatte das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Nach dem blamablen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1998 mussten tiefgreifende Veränderungen her, der deutsche Fußball hatte nur wenige Jahre nach dem Gewinn des Welt- und Europameistertitels komplett den internationalen Anschluss verloren.

Deutschland hatte - plötzlich und wie von Geisterhand, so schien es - keine Talente mehr. Also bewegte sich der größte Sportfachverband der Welt und legte erste Pläne für eine neue Art der Nachwuchsförderung vor. Und Friedrichs und seine Jungs aus dem Wedding waren als eine der ersten Generationen so etwas wie kleine Versuchskaninchen. Das hört sich schlimmer an, als es letztlich war, für die Jahrgänge 1986 bis 1988 aber war die Aufnahme in einen der Vorläufer der deutschen Nachwuchsleistungszentren wie eine Reise in eine unbekannte Welt. Darauf vorbereitet wurden sie von Dennis Hoy-Ettisch und Friedrichs.

Änis Ben-Hatira Chinedu Ede Käfig Underground of Berlin

Heute ist ein deutsches NLZ ein durchgeplantes Konstrukt. Damals war es noch ein bisschen Wilder Westen. "Es gab wenige Richtlinien und schon gar keinen Trainer-'Staff', wie das heute heißt. Es gab den Trainer und vielleicht den Co-Trainer und irgendwann einen, der sich ein bisschen um die Torhüter gekümmert hat", erinnert sich Friedrichs im Gespräch mit DAZN an die Anfänge im Nachwuchsbereich der Hertha. Friedrichs hat sich die Trainer nach und nach "von der Straße geholt", wie er sagt. Und das passte dann ganz vorzüglich zu den Jungs von der Straße.

Ganz wichtig waren dabei einige seiner Trainerkollegen, wie Friedrichs mit Nachdruck betont. "Das ging nur im Paket und war keine One-Man-Show. Alleine wäre das gar nicht möglich gewesen. Dennis Hoy-Ettisch etwa war wie Michael Wolf ein unglaublich wichtiges Puzzle-Teil. Wir waren mit ihm auf einer Wellenlänge, er war mit den Spielern auf einer Wellenlänge", sagt Friedrichs.

Abgesprochene Schlägereien mit der anderen Schule

Im neuen "Qualitätsmanagement der Leistungszentren" führt der DFB insgesamt acht Kriterien auf, nach denen eine fortlaufende Qualitätssicherung gewährleistet sein soll. Einer der Unterpunkte umfasst den Bereich "Bildung, Prävention und Unterbringung". Die Klubs arbeiten in der Regel mit einer oder mehreren der Eliteschulen des Fußballs zusammen, um eine enge Verzahnung der Inhalte und auch die Kontrolle über die schulischen Leistungen der Spieler zu erlangen.

Vor rund 20 Jahren gab es dazu nicht mehr als ein paar vage Ideen. Dass die Kids aus dem Wedding die Anforderungen an die Spielergeneration heute würden bewerkstelligen können? Eher unwahrscheinlich. Alleine das Verhalten an der jeweiligen Schule oder generell außerhalb des Platzes würde zu schnell zu viel Angriffsfläche bieten. "Ich war der eine Schüler, der einfach nur mit einem Stift kam. Kein Rucksack, kein gar nichts. Nur ein Stift", erinnert sich Chinedu Ede in Underground of Berlin an seine etwas eigenwillige Interpretation eines gewissenhaften Schülers.

Sein Kumpel Zeid Sassi erzählt eine andere Geschichte, die damals kein Einzelfall, sondern eher Routine war. "Es gab zwei Schulen: Goethepark und Rehberge. Und der Käfig wurde auch für Massenschlägereien genutzt. Wir haben uns dann halt alle geprügelt, die eine Schule gegen die andere. Das war regelmäßig so und auch voll okay." Damals vielleicht schon. Heute könnte eine dieser Geschichten schon reichen, und der Traum von der Ausbildung an einem NLZ wäre womöglich schon vorbei.

Underground of Berlin Trailer Titelbild 06122021

Frank Friedrichs: "Es macht mich aggressiv, dass das keiner hinterfragt"

An vielen NLZ-Standorten in Deutschland erfahren die Spieler mehr oder weniger eine Rundum-Betreuung. Selbst die Schlaf- und Essgewohnheiten werden schon an jene der Profis angepasst. Und selbstverständlich so gut es eben geht überwacht. Weil es die infrastrukturellen und technischen Möglichkeiten dafür gibt. Kevin-Prince Boateng ist damals mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen, er wollte sein eigenes Ding machen. Oft genug ist er dann mit knurrendem Magen bei Frank Friedrichs aufgelaufen.

"Für mich war das normal: Ich bin morgens aufgestanden und hab den Kühlschrank aufgemacht. Da war nichts drin, also habe ich Geld zusammengekratzt und mir auf dem Weg zur Schule irgendwas gekauft: Brot mit Sauce oder so, der Döner war zu teuer", sagt Boateng. "Wir haben immer irgendwie was zusammengekratzt. Wie man es halt macht: Magen vollgehauen mit irgendeinem Müll. Und wenn du es nicht anders gewohnt bist, kannst du auch nicht sagen: 'Oh mein Gott, was ist das?'"

Aber auch auf dem Platz, in den täglichen Einheiten wäre die Diskrepanz zwischen den Jugendlichen von damals und der aktuellen Generation an NLZ-Spielern enorm. "Früher waren die Mannschaften deutlich heterogener. Da gab es vier Spieler, die sehr gut waren, es gab vier gute Spieler und zehn oder zwölf, die eigentlich austauschbar waren. Aber die konnten von den anderen lernen", sagt Friedrichs. "Heute sind die Spieler im Prinzip alle gleich. Und wenn alle gleich sind, wird alles vergleichbar. Dann ducken sie sich weg, keiner geht mehr ins Risiko auf dem Platz. Das ist aus meiner Sicht ein großes Problem. Und ehrlich gesagt macht es mich aggressiv, dass das keiner hinterfragt."

Adeyemis Ex-Trainer und die spezielle Herausforderung

Dabei gibt es auch heute Beispiele von Standorten, wo das sehr wohl noch hinterfragt wird. "Es ist richtig, dass diese - nennen wir es: etwas schwierigeren - Charaktere heute mehr Probleme in einem NLZ haben als das vielleicht früher der Fall war. Das heißt aber noch lange nicht, dass es diese Spieler heute nicht mehr gibt oder sie nicht irgendwo willkommen wären", sagt Marc Unterberger im Gespräch mit DAZN.

Der 32-Jährige kennt sich aus mit Jungs, die nicht zwingend von der Stange sind. Unterberger hat unter anderem Karim Adeyemi bei der Spielvereinigung Unterhaching angeleitet, den Jungen mehrere Jahre trainiert und eine enge Verbindung hergestellt zum heutigen Nationalspieler. Aktuell trainiert Unterberger Hachings U 17, die etwas überraschend die Tabelle der Bundesliga Süd/Südwest anführt.

"Wir bei Haching haben gerne auch Spieler im Kader, die vielleicht nicht ganz pflegeleicht sind. Nur muss man dabei zwei Dinge beachten: Zum einen erfordert das einen klaren Mehraufwand. Diese Spieler benötigen mehr Zeit, mehr Hingabe, mehr Liebe. Man muss sich um sie kümmern. Und zum zweiten ist auch klar, dass eine Mannschaft nicht nur aus solchen Spielern bestehen kann", sagt Unterberger. "Und im besten Fall profitiert man davon auch als Trainer: Nicht wegen der Ergebnisse - sondern weil man sich immer wieder neu orientieren muss und herausgefordert fühlt."

NLZ? "Das sind reine Schlangengruben geworden"

Frank Friedrichs Jungs damals waren fast alle Draufgänger, manchmal sogar echte Rotzlöffel, die sich nichts gefallen ließen und diese Straßenkötermentalität mitbrachten, nach der heute immer lauter gerufen wird. "Heute ist das Konstrukt eines NLZ so geschickt aufgebaut, dass es automatisch den Nährboden für Ineffizienz legt", behauptet Friedrich.

Und dann erzählt er, dass einige der Spieler von damals heute wohl keine Chance mehr hätten in einem Nachwuchsleistungszentrum. Chinedu Ede? "Der wäre schon damals nie bei Hertha gelandet, war wie eine Dampfwalze. Durch das Training wurde er immer filigraner. Das ist ein 'gemachter Spieler'". Kevin-Prince Boateng? "Er müsste sich ganz schnell anpassen, sonst würden sie ihn sofort aussortieren. Er wäre unter den heutigen Umständen wohl im Nirvana gelandet." Patrick Ebert? "Der würde mit seiner Art Fußball zu spielen heute nie bei Hertha landen." Ashkan Dejagah? "Zu langsam, würde heute hochkant durch den Athletiktest fliegen." Änis Ben-Hatira? "Zu klein, zu ballverliebt. Er hat seine Fußball-Sozialisation etwas später angeschlossen. Die NLZ-Trainer heute hätten wohl nicht die Geduld, das abzuwarten." Weil aber alle die "Ball-Skills" hatten, wie Friedrichs es nennt, wurden sie beim größten Klub der Stadt doch aufgenommen.

Und diese besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten hatten sie, da ist sich Hermann Gerland ganz sicher, nur wegen der speziellen Infrastruktur in Berlin. "Die haben jeden Tag in den Kästen Fußball gespielt. Jeden Tag! Heute sagen wir: 'Die Bolzplätze sind weg.' Aber die Berliner, die hatten diese Plätze immer. Die Kinder sind nach Hause gekommen, haben den Schulranzen in die Ecke geworfen und Fußball gespielt", sagt Gerland in Underground of Berlin über die Käfige der Hauptstadt.

Die Chancen für Spieler dieser Art, die aus dem rauen Käfig-Umfeld kommen und nicht besonders stromlinienförmig sind, seien auch heute grundsätzlich zwar immer noch gegeben, sagt Friedrichs: "Aber sie würden garantiert früher aussortiert - oder müssten sich schnell anpassen. Ein Spieler wie Kevin-Prince könnte sich so niemals für den ganz großen internationalen Markt interessant machen, so wie ihm das gelungen ist." Die Nachwuchsleistungszentren der Neuzeit haben ihre Berechtigung, gerne wird mit ihnen auch kokettiert. Es gebe aber ein übergreifendes Problem, das unter den aktuellen Umständen nicht zu lösen sei.

"Mein Eindruck ist, dass da kaum noch ein Spieler gerne hingeht. Für die meisten ist das ein Job - und das ist doch traurig, oder?", sagt Friedrichs und schiebt dann noch ein ernüchterndes Urteil für die Ausbildungsstätten von Kindern und Jugendlichen hinterher, das aufhorchen lassen sollte. "Das sind reine Schlangengruben geworden - für die Spieler und ihre Trainer."

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