Seit dieser Woche ist Victor Boniface überraschend zurück in Bremen, am Mittwoch hat er gar bereits teilintegriert seine erste Werder-Trainingseinheit mit der Mannschaft absolviert - und doch präsentiert sich der Angreifer nach seiner Knie-OP aktuell in einem für Profiverhältnisse fragwürdigen körperlichen Zustand.
Auch Daniel Thioune redete am Donnerstag nicht großartig drumherum, als er davon sprach, dass Boniface "jetzt vielleicht das eine oder andere Kilo zu viel rumschleppt", so der Cheftrainer: "Das weiß er selber, das wissen wir alle. Wir sind nicht blind. Er ist nicht blind."
Und trotzdem erörterte der 51-Jährige ausführlich, warum und wie er in dieser Saison noch mit dem von Bayer Leverkusen bis zum 30. Juni ausgeliehenen Profi plant: "Wenn man im Kampf um den Klassenerhalt die Chance auf einen Victor Boniface hat", sagte Thioune, "dann ist es vielleicht ganz charmant, einen zusätzlichen Spieler von seinem Format dazunehmen zu können."
Thioune: "Gewünscht, dass er in besserer Verfassung ist"
Nur war dieses Format ja schon im Sommer überhaupt der Grund für seine Verpflichtung - auch da bestanden Zweifel, die sich erst sportlich (11 Einsätze, null Tore) und dann auch körperlich (nie fit) bestätigten. Sind sie nun also wie weggewischt? Mitnichten, zumal sich auch Thioune natürlich "gewünscht hätte, dass er körperlich in einer besseren Verfassung ist".
Doch der Coach rechnet es Boniface erst einmal hoch an, dass er überhaupt noch mal einen erneuten Anlauf in Bremen nimmt: "Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, zu sagen: 'Ich bin noch nicht so weit, ich brauche noch etwas.' Er hat die Bereitschaft signalisiert, uns in diesem Kampf um den Klassenerhalt einfach nochmal zu unterstützen."
Bei diesem Vorhaben sieht Thioune den 13-maligen nigerianischen Nationalspieler nun jedoch erst einmal "in der Bringschuld, wenn er einen Platz haben möchte". Zumal die Entscheidung der Rückkehr aus der Reha direkt auf den Platz nicht nur von ihm ausging, sondern von Verantwortlichen sowie der Mannschaft. Ein Vertrauensvorschuss, den Boniface jetzt nutzen muss, wenn das Kapitel nicht so enden soll, wie es das bereits vorzeitig schien.
In Köln und im Nordderby: Bedrohung Boniface?
Der Plan, um ihn in einen adäquaten Fitnesszustand zu bekommen, sieht indes weniger Individual- und mehr Training mit dem gesamten Team vor - zusätzlich erhofft sich Thioune dabei auch jene wichtigen Erkenntnisse, inwiefern der Stürmer den Bremern wirklich noch helfen kann in dieser Saison.
Aktuell ist das noch nicht der Fall, insbesondere in der kommenden Partie am Samstag (15.30 Uhr, LIVE! bei kicker) gegen RB Leipzig: "Wir wissen, wie intensiv und wie aktiv so ein Spiel gegen RB sein kann. Da müssen wir uns nichts vormachen: Dann wäre Victor der falsche Spieler."
Doch in den Wochen darauf, in den Duellen mit direkten Konkurrenten in Köln oder im Nordderby gegen den Hamburger SV, sinnierte Thioune, "kann es eher ein Gewinn für uns sein als ein Nachteil, einen Victor Boniface in die Box bringen zu können - um den Gegner ein paar Minuten damit zu bedrohen". Zumal Keke Topp mit einem Kreuzbandriss als weitere Alternative für diesen Job in dieser Saison ja nicht mehr infrage kommt.
Thioune: "Dann spielen 300 Gramm oder 3 Kilo keine Rolle"
In einer solch situativen Jokerrolle für Boniface sei das Übergewicht laut Thioune dann auch nicht immer entscheidend: "Wenn eine Flanke von außen reingeflogen kommt, dann spielen 300 Gramm oder 3 Kilo keine Rolle", so der Coach: "Sondern es geht sehr darum, welche Haltung habe ich dazu? Wie gehe ich in den Ball rein? Und welche Qualität habe ich im Abschluss?"
Bei all diesen Fragen denkt man in Bremen noch immer auch an jenen Boniface aus der Leverkusener Meistersaison zurück. "Er ist Doublesieger geworden, er hatte einen Marktwert von über 40 Millionen Euro - wenn dieses Knie nicht dazwischengekommen wäre, dann hätten wir ihn wahrscheinlich niemals kennengelernt", sagte Thioune.
Der große Name Boniface impliziere zwar "kein Versprechen für Spielzeit", so der Trainer weiter: "Er muss ins Qualifying gehen mit allen anderen." Und doch glaubt er: "Wenn Sie alle Mannschaften um uns herum in der Tabelle noch mal fragen würden, mit Victor zu arbeiten, dass er am letzten Spieltag vielleicht nochmal ein Faktor sein kann, würde es jeder machen." Zumindest auf Werder trifft das nun zu.