"Wir waren so begeistert, dass wir rumgeschrien haben wie die Bekloppten. Anschließend sind wir in den Garten und haben gebolzt", so erinnert sich Bärbel Wohlleben, heute 81, an den Tag, an dem die deutsche Nationalmannschaft 1954 Weltmeister wurde. Wohlleben ist 10 Jahre alt, als sie am 4. Juli 1954 in Ingelheim am Rhein vor dem Fernseher sitzt. Ein Freund ihres Vaters hat die Nachbarschaft eingeladen.
Das, was die Männer im Fernsehen machten, das will sie auch. "Alleine mit meinen Brüdern im Hof Fußball zu spielen, das war okay. Aber jetzt wollte ich einfach mehr". Ihre Erzählungen sind mehr als nur Anekdoten. Sie stehen exemplarisch für Tausende Frauen in Deutschland, die spätestens nach diesem Triumph der Männer 1954 mit dem Fußballfieber angesteckt wurden.
Wohlleben darf mit ihren Brüdern zum Fußballtraining - und muss sich erst einmal gegen die Jungs behaupten. "Als ich zum ersten Mal da war, musste ich mit den Jungs Ringkämpfe austragen. Das ging ungefähr 50:50 aus", erzählt Wohlleben und lacht. "Ich war wirklich die Einzige, von der ich weiß, die in Rheinland-Pfalz zu der Zeit bei den Jungs Fußball gespielt hat", erzählt sie.
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Wohllebens Geschichte zeigt, mit welchen Herausforderungen Frauen konfrontiert waren, die einfach Fußball spielen wollten. Denn nur ein Jahr nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft, 1955, bereitet der DFB der aufkeimenden Aufbruchstimmung ein jähes Ende. Der Verband verbietet den Vereinen, Frauenmannschaften zu gründen - nicht einmal die Plätze durften sie fortan nutzen.
„Ich war die Einzige, die in Rheinland-Pfalz bei den Jungs Fußball gespielt hat.“ (Bärbel Wohlleben)
15 Jahre lang wird das Verbot des Frauenfußballs Bestand haben - bis 1970. Da ist Wohlleben bereits 26 Jahre alt. Es ist der Zeitpunkt, an dem ihre Karriere so richtig ins Rollen gerät.
Wohlleben schließt sich der Damenmannschaft des TuS Wörrstadt an. Der DFB kann sich den Entwicklungen im Frauenfußball nicht weiter entziehen und richtet 1974 die erste offizielle Meisterschaft der Frauen aus. Wohlleben und ihre Mitspielerinnen schaffen es bis ins Finale. Dort wartet Eintracht Erle aus Gelsenkirchen.
Es steht bereits 2:0 für Wörrstadt. Die Stürmerin Wohlleben, die den ehrenvollen Beinamen "die weibliche Beckenbauer" trägt, will mehr. Aus 16 Meter trifft Wohlleben halbrechts, halbhoch ins Tor. 3:0 Endstand. Der TuS Wörrstadt gewinnt die Meisterschaft.
Historische Auszeichnung
Wohlleben schreibt nicht nur als erste deutsche Meisterin Geschichte. Ihr Tor wird für das "Tor des Monats" der ARD-Sportschau nominiert. Bis dato standen nur Tore von Männern zur Wahl - natürlich. Ein paar Monate zuvor bekam Franz Beckenbauer die Auszeichnung. Mit ihrem Tor zum 3:0 im Meisterschaftsfinale ist Wohlleben 1974 die erste Frau, die nominiert wird.
"Ich hab das gar nicht ernst genommen. Und dann kam doch ein Anruf aus Köln", erinnert sich Wohlleben. Sie gewinnt die Abstimmung! Ein weiterer historischer Schritt.
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