Die SSC hat einen Punkt Vorsprung auf Inter
Pedro Rodriguez Ledesma hat mit 37 Jahren ja wirklich alles erlebt und abgeräumt. "Pedro" ruft man ihn, weil das freilich schneller über die Zunge geht - ob in seiner Heimat Teneriffa oder an den Wirkungsstätten Barcelona, London und Rom. 23 Klub-Titel heimste der dribbelnde Irrwisch dort ein und wurde nebenher noch mal eben Welt- und Europameister. Die komplette Wunschliste abgehakt, dachte er womöglich, bis besagter Pedro vergangenen Sonntag mit zwei Treffern für Lazio Inter Mailand ein Remis abtrotzte. Seither pflastert sein Bild etliche Mauern in Neapel, akkurat per leuchtendem Glorienschein zum "Heiligen Pedro" erhoben.
Auch die berühmte Gasse der Krippenkünstler, San Gregorio Armeno, werkelte blitzschnell. Prompt wurde Pedros Konterfei, versehen mit einem fetten "Grazie!", zur Krippenfigur getont, was einer der Handwerker sehr plausibel erläuterte: "Ohne es zu wollen, hat sich Pedro in den Herzen der Neapolitaner verewigt. Neapel vergisst niemanden, der uns eine Hand reicht, egal welche Trikotfarbe er trägt."
Eine rührende Geschichte, der natürlich kein Tifoso widerstehen mochte. "Die stelle ich mir bis Freitag auf die Kommode", enthüllte einer, ohne auszusprechen, was an diesem Freitag so alles passieren könnte. Das Wort Scudetto nimmt niemand in den Mund, denn, so flüstert man in der Stadt, in Neapel hat auch Terracotta Respekt vor dem Aberglauben. Insgeheim würde es natürlich jeder gerne durch die Altstadt grölen, denn das Schicksal scheint auf Napolis Seite. Zweimal in Folge mühte sich die SSC zu einem Remis und der wunderbare Vorsprung schien verloren. Im virtuellen Klassement war Inter schließlich vorbeigezogen, bis Lazios Heiliger in der Schlussminute traf und in der Nachspielzeit auf der Gegenseite Inters Marko Arnautovic vier Meter vor dem Kasten freistehend am Ball vorbeitrat. Aberglaube hin oder her, hier müssen doch höhere Mächte zum vierten Titel der SSC-Geschichte am Werk sein.
Trainer Antonio Conte kommt aus Apulien und kennt sich in südlichen Unheilbringer-Gepflogenheiten aus. Er bat die Fans: "Fahnen, Schals, Plakate ja, aber bitte, bitte ohne Zahlen!" Bislang gehorchten die Tifosi und vermieden eine plakative "4" auf den Bannern, die soll Freitagabend nach dem Fernduell im letzten Akt aufgepinselt werden. Inter tritt in Como an, Napoli empfängt mit einem Zähler Vorsprung im Klassement zeitgleich Cagliari. Die Sarden sind bereits gesichert, eine gütlichere Konstellation für drei Punkte hin zum Meister-Taumel ist kaum vorstellbar. Aus Cagliari kamen ganze 60 Kartenanfragen, derweil implodierte in Neapel das Netz bei 800.000 Wünschen für die nach Abzug der Dauerkarten 28.000 verbliebenen Tickets.
„Fahnen, Schals, Plakate ja, aber bitte, bitte ohne Zahlen!“ (Neapels Coach Antonio Conte mag die "4" nicht sehen)
Klubeigner Aurelio de Laurentiis versucht sich an einer sozialen Aktion, die 2482 Plätze im Gästeblock an Familien zu vergeben, die sich den Besuch im Stadio Maradona eigentlich nicht leisten können. Die 60 Sarden sollen indes auf die Tribüne umgesiedelt werden. Mit dem Bezahlfernsehen ringt die SSC derweil an einer Vereinbarung, zumindest die zweite Hälfte unverschlüsselt zu übertragen. Wer es auf der Couch nicht aushält, kann vor gleich drei Großbild-Leinwänden in der Stadt hyperventilieren.
In Mailand indes hat man sich mit der Eventualität einer Feier gar nicht beschäftigt. Der Klub verordnete aus Protest gegen diverse Referee- und VAR-Entscheidungen mediales Schweigen, obschon er sich das Remis gegen Lazio selbst zuzuschreiben hatte. Womöglich ist es aber von Vorteil, dass die Spannung hochgehalten wird, schließlich ist bei Inter das Champions-League-Finale gegen PSG am 31. Mai in München im Fokus. Im Falle einer Niederlage Napolis und einem Punkt für Inter käme es übrigens am Montag zum Entscheidungsspiel.
Klingt unwahrscheinlich, doch vielleicht hält diese abenteuerliche Saison ja eine weitere Pointe parat. Azurblau wird der Scudetto in jedem Fall, fragt sich bloß, ob sich auf der Ziellinie noch etwas Schwarz hineinstiehlt.