Das Baseballcap ist ebenso ein Markenzeichen von Alexander Blessin wie seine Aussage, dass er eigentlich nie zufrieden sei.
Im gemeinsamen Kreis nach dem Abpfiff am Samstagabend zog St. Paulis Trainer seine Kappe symbolisch und bestätigte, dass er genau das ausdrücken wollte, was die Geste vermuten ließ: "Mentalität ist unsere Basis - und die zeigen wir eigentlich immer. Aber nachdem die Jungs gegen so einen Top-Gegner nach einem 1:3-Rückstand zurückgekommen sind, ziehe ich ganz einfach meinen Hut."
Wahls kritische Analyse belegt die gestiegenen Ansprüche
Dem 52-Jährigen ist wichtig, dass sein Chapeau nicht ausschließlich für die wilde Aufholjagd gilt, sondern für den gesamten Vortrag - obwohl seine Mannschaft ungewohnt viele Chancen zugelassen hat. Genau das missfällt auch Verteidiger Hauke Wahl. Uund die Klarheit, mit der der Routinier die Missstände analysiert und anspricht, ist ein weiteres Zeichen für den sichtbaren Fortschritt: St. Pauli reicht die Rolle des reinen Underdogs nicht mehr, die eigenen Ansprüche sind gestiegen.
Diese Ansprüche wurden an einem mitreißenden Samstagabend eindrucksvoll untermauert. "Wir können Details noch besser machen", sagt Wahl, "wir können besser gegen den Ball arbeiten. Wir haben viele Fehler gemacht, die wir in vielen Spielen der vergangenen Saison nicht gemacht haben."
Doch St. Pauli hat mit dem Ball eben auch Dinge gemacht, die der Mannschaft im Vorjahr oft abgegangen sind. Die Doppelsechs, bestehend aus Joel Chima Fujita und James Sands, ist enorm spielstark, mit Andreas Hountondji hat der Angriff viel Tempo und Tiefgang. Wahl sagt: "Drei Tore sind uns in der Vorsaison in einem Spiel nicht so häufig gelungen. Und nach Rückständen sind wir gerade in der Hinrunde auch nicht mehr zurückgekommen." Gegen den BVB kamen die Kiez-Kicker nach dem zwischenzeitlichen 1:3 nicht nur zurück, sie kesselten die Borussen, begünstigt durch die Überzahl, in der Nachspielzeit regelrecht ein, waren dem Sieg nahe und verwandelten das Stadion in ein Tollhaus.
Für Wahl ist der Aspekt Atmosphäre ein ganz Entscheidender. Mit Arkadiusz Pyrka, Louis Oppie, Mathias Pereira Lage sowie Fujita und Hountondji standen fünf Neulinge auf Anhieb in der Startelf . "Das", sagt Blessin, "ist eine halbe Mannschaft und dafür kriegen wir es schon gut hin". Der emotionale Samstagabend soll und kann ein Prozessbeschleuniger sein.
„Jetzt wollen wir auch das Derby gewinnen.“ (St. Paulis Trainer Alexander Blessin)
"Unsere Neuen", so der gebürtige Hamburger Wahl, "wissen jetzt, wie das Millerntor bebt. Es ist ganz wichtig, dass sie das direkt mitbekommen." Und es gibt Anzeichen, dass das Stadion noch häufiger beben könnte. Auch für Wahl: "Es überwiegt nach diesem Spiel das Gefühl, dass wir zusammen Erfolge feiern können."
Der nächste Erfolg wird bereits am kommenden Freitag (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) angestrebt. Dann geht es zum Stadtderby in den Volkspark, und Blessin gibt die Marschroute für das erste Bundesliga-Duell mit dem HSV seit 2011 aus: "Wir haben in der Vorbereitung gut gearbeitet, haben gegen Dortmund verdient einen Punkt geholt - jetzt wollen wir auch das Derby gewinnen."