Vom besten Auftritt der Saison zur Trainerentlassung
27. September 2025, ein Samstagabend, 13'949 Zuschauerinnen und Zuschauer erleben im Letzigrund mit, wie die Torschützen Steven Zuber, Philippe Keny und Jahnoah Markelo den FC Zürich in der zweiten Halbzeit von einem 0:1-Rückstand zu einem 3:1-Sieg schiessen. Es ist der bis dato beste Auftritt der Zürcher der Saison und damit die perfekte Reaktion auf das vorangegangene Ausscheiden in der zweiten Cuprunde gegen den FC Stade Nyonnais. Der FCZ springt in der Tabelle auf den vierten Rang.
Seither ist ein knapper Monat verstrichen. Eine 0:3-Niederlage im Stadtderby gegen den Grasshopper Club Zürich sorgte vor der Länderspielpause im Oktober für einen Dämpfer. Zwar wäre ein Punktgewinn in Lugano in der neunten Runde durchaus möglich gewesen, erneut ist dem FCZ aber kein Tor gelungen. Mit einer 0:1-Niederlage ist der Stadtclub im kompakten Mittelfeld der Super League auf den achten Rang abgerutscht. In nur zwei Pflichtspielen nach dem besten Auftritt der Saison ist bei den Verantwortlichen in Zürich eine Entscheidung gereift: Am Donnerstagmittag trennt sich der FCZ von seinem Cheftrainer Mitchell van der Gaag.
In knapp fünf Monaten ist aus dem "absoluten Wunschkandidaten" ein Trainer geworden, unter dem "die Entwicklung der ersten Mannschaft stagnierte". Zum zweiten Mal in diesem Kalenderjahr gehen die Zürcher auf Trainersuche. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass die Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr tatsächlich nicht positiv ist. Nach neun Runden sind die Zürcher im Herbst 2024 mit 18 Punkten an zweiter Position zu finden gewesen, aktuell fehlen fünf Punkte auf jene Marke. Bekanntlich verpassten die Zürcher 2024/25 im weiteren Saisonverlauf den Einzug in die Championship Group. Dasselbe Szenario fürchtet man rund um den Letzigrund wohl erneut.
Die Entwicklung seit 2023 - ein Hamsterrad
Um die aktuelle Situation besser zu umschreiben, ist eine Rückblende in die Saison 2023/24 notwendig. Im Oktober jener Spielzeit übernimmt Milos Malenovic den vakanten Posten des Sportdirektors. Er tritt damit mit etwas Verzögerung die Nachfolge von Marinko Jurendic an. Der Baumeister jener Mannschaft, die 2021/22 unter Trainer André Breitenreiter den 13. Meistertitel der Clubgeschichte gewonnen hatte, wechselte im Sommer 2023 nach Augsburg in die Bundesliga. Mit Rang acht hatte sich in der vorangegangenen Spielzeit der "Meisterblues" beim FCZ bemerkbar gemacht. Jurendic hinterliess dennoch eine funktionierende Mannschaft, die unter dem Dänen Bo Henriksen gefällig aufspielte.
Der Abgang von Bo Henriksen
Die erste grosse Aufgabe für Malenovic stellt sich im Februar 2024. Auch Bo Henriksen folgt dem Lockruf aus der Bundesliga. Der Däne wandert in Richtung Mainz ab, zu diesem Zeitpunkt steht der FC Zürich an dritter Stelle. Murat Ural und Umberto Romano übernehmen beim FCZ ad interim. In der ersten Saison mit dem neuen Modus schaffen es die Zürcher als Sechster gerade noch in die Championship Group. Für diese finale Phase der Saison müssen Ural und Romano aber ihren Posten räumen, Ricardo Moniz übernimmt an der Seitenlinie. Den Niederländer hat Malenovic kurz nach seinem Antritt im Oktober 2023 bereits als Entwicklungscoach ins Boot geholt.
Die Saison 2024/25 unter Moniz
Moniz führt den FCZ auf Rang vier und damit auf einen Europacup-Rang, als Lohn dafür wird er zum neuen Cheftrainer befördert. Im Sommertransferfenster wirkt Sportchef Malenovic erstmals massiv bei der Kaderplanung. Elf Spieler verlassen den FCZ definitiv, im Winter sollten dann weitere fünf Abgänge folgen, darunter jener von Vereinslegende Antonio Marchesano. Europäisch scheitert die neu zusammengestellte Mannschaft bereits in der dritten Qualifikationsrunde der Conference League an Vitoria Guimaraes. Im Cup war der BSC Young Boys im Viertelfinale zu stark. Obschon die Zürcher die Championship Group verpassen, hält man an Trainer Moniz fest. Nach Schlussrang sieben muss der Coach unmittelbar nach Saisonende dann doch gehen.
Keine Zeit für Mitchell van der Gaag
In diesem Sommer hat der FCZ mit Mitchell van der Gaag nicht nur seinen gemäss Präsident Ancillo Canepa "absoluten Wunschkandidaten" gefunden, der Sportchef hat auch in der Mannschaft für frischen Wind gesorgt. 18 Abgänge sind es geworden. Aus jenem Team, das 2022 den Meisterpokal hat in die Höhe stemmen dürfen, sind mittlerweile nur noch Yanick Brecher, Lindrit Kamberi und Bledian Krasniqi geblieben. Acht Neuzugänge und ansonsten Spieler aus dem eigenen Nachwuchs sollten von van der Gaag zu einem neuen Team geformt werden.
Nach elf Pflichtspielen ist der Kredit für den Trainer in der neuen Konstellation aufgebraucht. Eine ausgeglichene Bilanz von fünf Siegen, einem Remis und fünf Niederlagen war offenbar zu wenig. Tatsächlich hatten die Zürcher immer wieder schwache Auftritte drin, man ist verlockt zu sagen, wie es sich für eine neu zusammengestellte Mannschaft gehört: Ein Team benötigt Zeit, um zusammenzuwachsen, noch viel mehr, wenn es sich um einen so jungen Kader wie jenem des FCZ handelt. 23.8 Jahre alt ist der durchschnittliche FCZ-Spieler, es ist damit die drittjüngste Mannschaft der Liga.
Sportdirektor Milos Malenovic geht in etwas mehr als zwei Jahren im Amt bereits zum dritten Mal auf Trainersuche, zweimal wurde der Trainerwechsel per Entlassung herbeigeführt. Assistenztrainer Denis Hediger wird die Mannschaft derweil durch die bevorstehende englische Woche führen. Für den 39-Jährigen ist es das erste Mal, dass er die Hauptverantwortung für ein Profiteam erhält. Gleich zum Einstieg warten die Duelle gegen den BSC Young Boys und den FC Basel - die zwei wohl grössten Meisteranwärter der Super League.
Der FCZ sucht einen neuen Trainer, der eine junge Mannschaft weiterentwickeln kann. Gleichzeitig steht das neu zusammengestellte Team aber auch vor dem nächsten Umbruch, denn im Winter oder spätestens im neuen Sommer dürfte der bis dahin gefundene Trainer wohl seine Wünsche beim Sportdirektor deponiert haben. Trainerwechsel und Kaderumbrüche jagen sich bislang in der Ära von Sportchef Malenovic beim FCZ. Vom Meistertitel 2022 ist nachhaltig nichts übrig geblieben. Es ist ein Hamsterrad, aus dem die Zürcher nur mit Geduld und Kontinuität herausfinden könnten - Geduld, die sich Trainer van der Gaag in Zürich wohl auch erhofft hätte.