Aus Zürich berichtet Gunnar Meggers
Vor einem Jahr, als die Nominierungen für die Olympischen Spiele in Paris bekanntgegeben wurden, stand Janina Minge nur auf der Abrufliste von Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch. Nachdem sich dann Lena Oberdorf im letzten Testspiel vor Olympia gegen Österreich in Hannover das Kreuzband gerissen hatte, durfte Minge doch noch nach Frankreich mitfahren. Nach dem Bronzemedaillengewinn, bei dem sie alle sechs Spiele im defensiven Mittelfeld absolvierte, ist sie aus der Nationalmannschaft nicht mehr wegzudenken. Gleiches gilt im Verein. Im Sommer 2024 wechselte Minge vom SC Freiburg zum VfL Wolfsburg.
Beim letzt- und diesjährigen Vizemeister brauchte der Neuzugang keine Eingewöhnungszeit, wurde sofort mit einem Stammplatz ausgestattet. Minge zeichnet sich durch ihre hohe Flexibilität aus, hat in ihrer Profikarriere schon im offensiven und defensiven Mittelfeld gespielt, auch als Stürmerin. "Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich immer offensiver spielen", sagte sie im Oktober vergangenen Jahres.
Mittlerweile agiert sie als Innenverteidigerin - sowohl im Verein als auch in der Nationalelf. In Wolfsburg war sie eigentlich auf der Sechs eingeplant. Aber im Fußball werden Pläne auch schnell wieder verworfen, wenn andere Optionen mehr Erfolg versprechen oder personelle Engpässe entstehen.
Die ausgebildete Polizistin ist kein Lautsprecher - und muss keiner sein
Minge übertraf die in sie gesetzten Erwartungen in Wolfsburg bei weitem. Bereits in der Winterpause verlängerte sie ihren bis 2027 gültigen Vertrag vorzeitig bis 2028. Unter Hrubeschs Nachfolger Christian Wück kam sie in allen Länderspielen von Beginn an zum Einsatz. Der Bundestrainer beförderte die Wolfsburgerin zur Vize-Kapitänin.
Die 26-Jährige, die erst 22 Länderspiele absolviert hat, agiert auf dem Platz ruhig, abgeklärt und mit guter Übersicht. Ein Lautsprecher ist die ausgebildete Polizistin weder auf noch neben dem Rasen. Aber das muss sie auch aus ihrem eigenen Verständnis heraus nicht sein. Hoch anerkannt sind in der Nationalmannschaft auch diejenigen, die ihr durchaus vorhandenes Temperament dosiert einsetzen. Das kann bisweilen zielführender sein. "Janni ist eine sehr Ruhige", erzählt Linksverteidigerin Sarai Linder, die mit Minge sowohl im Verein als auch im DFB-Team zusammenspielt. "Wenn aber irgendwas ist, steht sie vor der Mannschaft und kommuniziert mit dem Trainerteam und allen anderen, die das Team erreichen müssen."
Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Giulia Gwinn wird Minge das deutsche Team am Dienstagabend (18 Uhr, LIVE! bei kicker) in Basel gegen Dänemark als Kapitänin auf den Platz führen. "Sie gibt immer alles und ist ein Typ, der über die Grenzen hinausgeht, als Sportlerin und als Mensch", schwärmt Mittelfeldspielerin Linda Dallmann, "deshalb mache ich mir auch keine Sorgen. Sie wird die Mannschaft gut anführen."