Über die U-21-EM in der Slowakei berichten Tim Lüddecke und Michael Pfeifer
Wie groß die Anspannung war, ließ sich an Antonio Di Salvos Gestik nach dem Abpfiff und an seinen Worten danach gut ablesen. "Ich weiß nicht, wie viele Steine mir am Ende vom Herzen und von überall runtergefallen sind", versicherte der deutsche U-21-Trainer.
Seine Eltern waren einst aus Italien eingewandert und verliehen dem Duell mit seiner zweiten Heimat eine zusätzlich prickelnde Note: "Wir haben es unnötig spannend und uns das Leben schwer gemacht. Da man gemerkt, dass die Mannschaft auch noch jung ist und hektisch und nervös wurde.“
Und das trotz zweifacher Überzahl. Tückisch, wie Di Salvo findet: "Das ist eine brutale Situation für die Spieler. Jeder erwartet noch ein Tor bei doppelter Überzahl“, so der DFB-Coach, "aber der Gegner macht es gut, verteidigt, spielt ein bisschen auf Zeit, wirft sich rein in jeden Schuss, deswegen war es total schwierig."
DFB-Auswahl erstmals in Rückstand
Aber auch diese knifflige Phase überwand die deutsche Mannschaft ebenso wie die brisante Episode nach dem ersten Rückstand in diesem EM-Turnier. "Wir waren noch nie hinten. Ich hatte schon Angst, dass Italien das so gut verteidigt, dass es bis zum Ende an diesem Tor liegen kann. Aber jetzt haben wir das erlebt. Wir sind zurückgekommen, haben dann sogar 2:1 geführt", so Di Salvo: "Deshalb sind das wertvolle Erkenntnisse, die ich als Trainer bekomme, dass wir auch solche schwierigen Situationen überwinden können."
Auch das langwierige gegenseitige Abtasten und das viel zu statische deutsche Aufbauspiel hatte der 46-Jährige korrigiert. "Ich fand, dass beide Mannschaften nervös begonnen haben. Wir haben zunächst keine Räume gefunden, um schnell zu spielen, haben dann in der zweiten Halbzeit eine Umstellung vorgenommen und dann zu viert hinten aufgebaut", erläuterte Di Salvo, "das war dann schon einen Tick besser, wir haben sie besser zum Laufen gebracht. Aber auf diesem Niveau versucht man, sich auch zu neutralisieren."
Mentale und taktische Stressresistenz
Trotz des unnötigen Ausgleichs unmittelbar vor dem Abpfiff bewies die DFB-Auswahl also mentale wie taktische Stressresistenz. Auch körperlich hielt die Truppe leidenschaftlich dagegen, einige Spieler mussten über die Toleranzgrenze des Körpers hinaus. Deswegen sind derzeit die Einsätze von Max Rosenfelder und Eric Martel am Mittwoch im Halbfinale gegen die Franzosen zumindest ungewiss. Während Rosenfelder wegen Problemen an der Rückseite des Oberschenkels raus musste, hatten beim Kapitän nach dem hohen Pensum die Adduktoren zugemacht.
Deutschland musste im Vergleich zu Frankreich (3:2 gegen Dänemark) später und länger ran, zudem steht nun auch noch die Anreise ins weit über 400 Kilometer entfernte Kosice an. "Jetzt geht es nur darum zu regenerieren, gut zu essen, zu schlafen“, versichert Di Salvo, dessen Team als einziger Gruppensieger den Sprung unter die besten Vier schaffte: "Wir sind jetzt im Halbfinale, und wenn wir jetzt nicht daran denken würden ins Finale kommen zu wollen und dort auch nach dem Titel zu greifen, dann wäre das schon komisch."