Überraschungen hat Julian Nagelsmann für die Nominierung seines WM-Kaders angekündigt, eine Überraschung im Tor aber praktisch ausgeschlossen. "Ich habe mich klar geäußert zu der Thematik, Manu hat ebenfalls klar gesagt, wie seine Meinung dazu ist. Er war es auch, der zurückgetreten ist. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er es sehr gut macht, dass er ein sehr guter Torwart ist, aber wir mit Oli Baumann auch einen herausragenden Torwart haben", sagte der Bundestrainer, als er den kicker in München zum Interview empfing.
Und mit Blick auf die anstehende XXL-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA fügte er hinzu: "Wenn Oli so stabil und gesund bleibt, wie er es jetzt macht, wird er eine tolle WM spielen. Auf der Torhüterposition haben wir gar keine Bauchschmerzen."
Das war am 24. Februar, und seitdem hat Nagelsmann bei jeder Gelegenheit diese Grundsatzhaltung untermauert, sei es im März rund um die Länderspiele in der Schweiz (4:3) und gegen Ghana (2:1) oder in der MagentaTV-Talkreihe im Gespräch mit Johannes B. Kerner vor vier Wochen. "Noch mal: Manu ist zurückgetreten, aus freien Stücken, das hat er mehrfach wiederholt und deswegen ist es gar nicht so sinnvoll, darüber stetig zu diskutieren", wiegelte der 38-Jährige da ab.
Im Hintergrund mehren sich allerdings die Zeichen, dass das Thema intern weit intensiver und kontroverser diskutiert wurde und wird, als es der Bundestrainer nach außen hin darstellen mag. Auch beim FC Bayern ist man sich dessen bewusst. Und damit stellt sich einen Monat vor dem Auftaktspiel am 14. Juni in Houston gegen Curacao die Frage: Ist Nagelsmann gerade dabei, in der Torwartfrage seine ursprüngliche Entscheidung doch noch zu überdenken? Oder hat er sich etwa bereits umentschieden für den 40-jährigen Weltmeister und gegen den fünf Jahre jüngeren Hoffenheimer Oliver Baumann?
Klarheit schon am Samstag? - DFB musste Liste an die FIFA schicken
Die Antwort darauf gibt es spätestens am 21. Mai um 13 Uhr, wenn Nagelsmann auf dem DFB-Campus seinen 26 Spieler umfassenden WM-Kader benennt. Möglicherweise löst der Bundestrainer aber auch schon am Samstag das Rätsel, wenn er sich zuerst das Saisonfinale von Eintracht Frankfurt gegen den VfB Stuttgart live anschaut und anschließend im Aktuellen Sportstudio des ZDF zu Gast ist.
Bereits am Montag musste der DFB der FIFA eine vorläufige Liste von 55 Spielern vorlegen, darunter mindestens fünf Torhüter. Die Liste ist für die Öffentlichkeit nicht einsehbar, doch darf man davon ausgehen, dass Neuers Name ebenso darauf steht wie der von Baumann, Alexander Nübel, Finn Dahmen und Jonas Urbig, Neuers Kronprinz beim FC Bayern. Denn nur wer auf dieser Liste steht, darf im Notfall nachnominiert werden, bei Torhütern sogar noch während des Turniers.
Matthäus, Magath, Höwedes: Viele befürworten Neuer
Natürlich hat Nagelsmann registriert, dass sich Neuer in den vergangenen Wochen wieder in eine beeindruckende Gesamtverfassung gebracht hat, wenngleich er auch zuletzt nicht immer fehlerfrei geblieben ist. Natürlich dürfte auch er berührt gewesen sein von Neuers Gala-Auftritt beim 2:1 in Madrid, als er auf großer Bühne wieder eine Aura der Unbesiegbarkeit ausstrahlte, die ihn zum unbestritten weltbesten Torhüter werden ließ.
Und natürlich wird Nagelsmann auch nicht entgangen sein, dass reichlich Fußball-Prominenz öffentlich sehr klar Partei ergriffen hat für den Altstar, von Weltmeister-Kollege Benedikt Höwedes über Trainer-Legende Felix Magath bis hin zu Lothar Matthäus, der quasi die Speerspitze der Neuer-Befürworter bildet.
Nur wenige, etwa Weltmeister Sami Khedira, entgegneten, dass Baumann dem anhaltenden öffentlichen Misstrauen seit Monaten mit starken Leistungen und einer bemerkenswerten Konstanz begegnet und Rückendeckung verdient habe: "Den Oli Baumann killen wir gerade. Das hilft weder Julian noch Deutschland noch dem Jungen selber", sagte Khedira in Madrid - vor Neuers Top-Leistung.
Das Verhältnis steht einem Comeback nicht im Weg
Ob sich Nagelsmann tatsächlich von öffentlichen Parteiergreifungen beeindrucken oder gar beeinflussen lassen wird? Wohl kaum! Allerdings kann es ihm nicht gefallen, dass in der öffentlichen Diskussion ein vermeintlich gestörtes Verhältnis zu Neuer und damit nicht sportliche Aspekte als Hauptgrund dafür thematisiert wurden, weshalb die Tür für den Keeper geschlossen bleiben könnte. Das Tischtuch zwischen ihnen sei "so zerschnitten, das kann der beste Schneider nicht mehr zusammennähen", behauptete Matthäus.
Sowohl Nagelsmann als auch Neuer haben mehrfach und glaubhaft versichert, dass dem nicht so ist und sie sich vielmehr in regelmäßigem Austausch befinden. Die tatsächlich großen Spannungen, die Nagelsmann im Januar 2023 noch als Bayern-Trainer während Neuers schwerer Beinverletzung mit dem Rauswurf von dessen langjährigem Vertrauten Toni Tapalovic als Torwarttrainer hervorgerufen hatte, sind nach übereinstimmenden Aussagen der Protagonisten längst ausgeräumt.
Auch die Kommunikationsprobleme rund um Neuers Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der Heim-EM 2024 waren angeblich nicht von schwerwiegender Natur. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Neuer den proaktiven Schritt vor allem deshalb wählte, weil er davon ausgehen musste, dass Nagelsmann den langjährigen Herausforderer Marc-André ter Stegen zum WM-Stammkeeper aufbauen und befördern wollte.
Ter Stegens geradezu groteskes Verletzungspech machte früh einen Strich durch diese Rechnung. Heute nennt Nagelsmann immer wieder Neuers Rücktritt als ersten Grund für eine Nichtberücksichtigung bei der WM, und Neuer hat einen Rücktritt vom Rücktritt bislang kategorisch ausgeschlossen. Ob es dabei bleibt, wird sich zeigen. Klar ist nur, dass Neuer nur dann ein Comeback in Betracht ziehen wird, wenn er von Nagelsmann das klare Signal erhält, dass der Bundestrainer (wieder) auf ihn setzt.