Jede Großstadt hat ein solches Quartier. Dieser Dortmunder Flecken Erde jedoch nimmt alles, was diese Stadtteile ausmacht, hoch zwei: "60.000 Menschen aus mehr als 160 Ländern leben hier", erklärt Markus Winter. "Die Nordstadt steht für große Vielfalt, Multikulti. Sie ist bunt, sie ist quirlig, sie ist sicherlich auch laut, sie ist auch schmutzig. Sie ist sehr, sehr lebendig." Oder anders ausgedrückt: Die Dortmunder Nordstadt ist ein Brennpunkt, der größte in Nordrhein-Westfalen. Vielleicht der größte im Land.
"Hier als Kind oder Jugendlicher aufzuwachsen, ist sicherlich nicht optimal, um es mal vorsichtig auszudrücken." Winter kommt selbst aus einer Arbeiterfamilie und macht jetzt mit zahlreichen Mitstreitern das, was er für unabdingbar hält: "Man muss als Gesellschaft Verantwortung übernehmen und den Kindern etwas anbieten. Nicht nur Sport, auch Werte. Denn wenn in der Kindheit und der Jugend etwas schiefläuft, dann ist das irgendwann nicht mehr aufzuhalten." Und ihre Verantwortung, das ist für Winter und seine Mitstreiter die Nordstadtliga.
"Da wissen Sie heute nicht, was morgen passiert"
Die Eckdaten: Eine ganzjährige Straßenfußball-Liga, 500 und mehr Heranwachsende; Bambinis, Mädchen- und Jungs-Teams, die sich jedes Jahr organisch neu bilden; ein täglicher Trainingsbetrieb, Turniere, betreut von ehrenamtlichen Trainern. Gespielt wird auf dem Kunstrasen des eigenen Nordstadtliga-Stadions und weiteren Hartplätzen. Aber auch Schwimmkurse, Ausflüge, Unterstützungsleistungen bietet der Verein an, er erreicht so mit seinem Angebot mehr als 4.000 Kinder pro Jahr. Hinter allem steckt eine große Struktur, aber auch viel Improvisation. "Der Fußball ist das Medium, um andere Ziele zu erreichen", sagt Winter. Denn es gehe um das große Ganze, "und das ist wirklich eine Herkulesaufgabe, die auch nie abgeschlossen sein wird. Das ist einfach so, wenn Sie im sozialen Brennpunkt aufwachsen. Da wissen Sie heute nicht, was morgen passiert."
Es gebe sie natürlich zuhauf, die traurigen Geschichten, sagt Winter, er wolle aber lieber von den schönen sprechen. Denn wie jeder Mensch, der im sozialen Bereich engagiert ist, weiß er: Nicht jedes Schicksal ist hinzubiegen, nicht jede Biografie zu retten. Das Scheitern der eigenen Arbeit gehört unweigerlich dazu. Also erzählt er von dieser Zehnjährigen ohne jegliche familiäre Struktur, die von ihrer Grundschullehrerin an die Hand genommen und zur Nordstadtliga gebracht wurde. "So hat sie sich langsam herangetastet. Und dieses Kind erkennen Sie heute gar nicht mehr wieder: Sie hat so eine Freude an der Bewegung, am Spiel, am Fußball, am Miteinander. Sie hat etwas gefunden, das wie eine Freundschaft fürs Leben ist. Das wäre ohne diese Liga nicht möglich gewesen."
Zentrale am Borsigplatz
Dort am Borsigplatz, dem kreisrunden Herz des Viertels, haben sie auch selbst ihre Zentrale; unweit wurde die Dortmunder Borussia gegründet, die hier noch immer im offenen Bus ihre Runden dreht, wenn sie etwas Glitzerndes vorzeigen kann. Und der BVB 09 ist ein Name, der ständig fällt, wenn man mit Winter über die Nordstadtliga spricht: Ohne dieses Aushängeschild der Stadt könne es das Projekt nicht geben, sagt er. Der Bundesligist unterstützt finanziell, ideell, emotional: Mit Trainern aus der Akademie, mit Expertise, den Netzwerken; der BVB lässt die Kids aber auch kostenlos zu Heimspielen und schon mal mit dem Mannschaftsbus direkt zum Signal-Iduna-Park fahren.
Der andere Name gehört einer sehr konkreten Person: Mirza Demirovic, der Vater des Projekts, "es sind seine Kids, ihm vertrauen sie auch alles an". Der Sozialarbeiter, der selbst als Jugendlicher nach Dortmund, Deutschland migrierte, ist inzwischen in Vollzeit verantwortlich. "Ich weiß nicht, ob wir ihn überhaupt ersetzen könnten", sagt Winter. "Wenn eine Zehnjährige erzählt: Der Projektleiter hat mir immer wieder Mut gemacht und Dinge gesagt, die mir guttun. Ja, ich meine, dann lässt das einfach aufhorchen. Mit diesem Strahlen im Gesicht, das werde ich nicht vergessen."
"Fair-Play, was ist das schon?"
Fair-Play ist, gerade wenn man an sozialen Brennpunkten aufwächst, elementar. "Aber was ist das schon? Jeder erwähnt dieses Wort, genau wie Nachhaltigkeit, und wenn man dann nachbohrt, kommen viele ins Stocken." Das Fair-Play, das sie in der Nordstadtliga praktizieren, fängt bei einer Einigung über die Regeln an und hat sein Ende nicht schon auf dem Platz: "Es spielen nicht immer 11 gegen 11, sondern auch 7 gegen 7 oder im Training noch kleinere Mannschaften; die Regeln werden von den Kindern und Jugendlichen selbst angepasst. Und weiter: "Wenn man jemanden foult, entschuldigt man sich. Beleidigungen auf dem Platz sind verboten."
Denn auch das soll sich auf das eigentliche Leben da draußen auswirken: "Wenn sie wieder zu Hause oder in den Straßen sind, werden sie jeden Tag mit diesen Themen konfrontiert. Und leider kommen nicht alle Kinder damit klar." Doch die Nordstadtliga soll ein Auffangbecken sein, in dem sie Vertrauen fassen, einfach mal alles Belastende abladen können: "Wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, der erhält sie auch bei uns. Auch wenn es schwierige Probleme sind, wir helfen dabei. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was sich da alles für Probleme zeigen. Die Kids kriegen bei uns zu essen und zu trinken, können auch duschen. Also das, was zu Hause teils nicht möglich ist."
Sponsoren, Spenden, Mitarbeit
Das alles kostet Geld: Finanziert wird das Leuchtturmprojekt von Sponsoren, Spenden, der freiwilligen Mitarbeit. "Natürlich wird mittlerweile unser Netzwerk immer größer, aber es bleibt eine wirklich wahnsinnig große Aufgabe", sagt Winter. Man lade die Unternehmen immer ein: "Wer einmal da war, der ist sowieso angefixt. Der lässt da nicht mehr los. Wer einmal wirklich da war, den hat das einfach infiziert." Wünschen würden sie sich, dass ihre Teams selbst auch mal eingeladen werden, zu Turnieren etwa: "Und natürlich würden wir die Vereine dann auch sehr herzlich in Dortmund begrüßen." Wenn Winter erzählt, ist es, als träfe die Abwägung, die er eingangs über das Viertel gefunden hatte, auch auf die Liga selbst zu: "Sie ist offen für verschiedenste Wege, aber man muss eben auch aufpassen, dass das Ganze nicht entgleitet."
Der Fußball als Medium, Geschichten wie diese demonstrieren immer wieder die Macht dieses Sports. Vielleicht viel mehr als die Hochglanzbilder von Hochglanzkörpern aus den Hochglanzstadien. Kinder mit Fußballtrikots, Kinder, die gegen einen Ball, eine Plastikflasche treten, auf dem Bordstein, in der Hofeinfahrt, den Hartplätzen. Der Fußball ist überall. Und vor allem ist er in diesen Quartieren.