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Ein bisschen Revolte: Der Mann hinter Bayern-Gegner Union Saint-Gilloise

kicker

Das Bild des Revoluzzers passt ganz gut zu Alex Muzio, auch übertragen auf sein Dasein als Fußballfunktionär. Denn "sein" Klub Union Saint-Gilloise holte 2025 erstmals nach 90 Jahren wieder den Titel in Belgien. Der Vorstandschef des Klubs, der an diesem Mittwoch (21 Uhr, LIVE bei kicker.de) beim FC Bayern gastiert, ist zudem auch Vorsitzender der Union of European Clubs (UEC), die sich vor einigen Jahren als Gegengewicht zur Großklubvereinigung ECA, die sich mittlerweile ECF nennt, gegründet hat.

"Was für eine verrückte Frage"

Und in dieser Rolle will Muzio den europäischen Fußball verändern. "Wenn ich heute, im Januar 2026, jemanden frage, wer in der nächsten Saison im Viertelfinale der Champions League spielen wird, hat er gute Chancen, sechs richtige Antworten zu geben", führt der Brite, der 2006 ins Unternehmen von Poker- und Glücksspiel-Millionär Tony Bloom eingestiegen ist, im Gespräch mit dem kicker aus. 2023 übernahm er die Mehrheit an Saint-Gilles. Weil sonst wegen der parallelen Qualifikation von Union und Blooms Klub Brighton and Hove Albion für die Europa League Ärger mit der UEFA gedroht hätte.

Was Muzio damit meint: Der europäische Spitzenfußball ist vorhersagbar geworden. "Im Jahr 2002 hätte man gesagt: 'Was für eine verrückte Frage, ich weiß nicht einmal, wer sich qualifizieren wird.' Diese Festigung des Wettbewerbs ist die bedeutende Veränderung der letzten Jahrzehnte." Muzio hat nicht Unrecht, im Prinzip sind es spätestens in den Halbfinals die üblichen Verdächtigen. Letztmals schaffte es 2018/19 mit Ajax Amsterdam ein Klub außerhalb der Top-5-Ligen (Premier League, La Liga, Serie A, Bundesliga, Ligue 1) in die Runde der letzten Vier. Zudem dominieren immer stärker die Vereine aus England, weil eben dort das mit Abstand meiste Geld sitzt.

Eine Entwicklung, die man bei der UEC kritisch und von der EFC befeuert sieht - das Re-Branding des Platzhirsches, dem der wandelnde Interessenkonflikt Nasser Al-Khelaifi vorsteht, scheint Muzio bewusst zu ignorieren: "Es ist offensichtlich, dass unsere Ideen denen der ECA widersprechen, die sich nur um die größten Teams kümmert, da ihre Führungsstruktur so aufgebaut ist." Tatsächlich sitzen im Vorstand der EFC auch Vertreter aus Klubs kleinerer Nationen - allerdings sind es in der Regel Repräsentanten der nationalen Dominatoren. Das führt auch immer wieder zu Spannungen mit der Vereinigung der Ligen.

Gegenargument: Steigende Solizahlungen

Da die EFC gemeinsam mit der UEFA das Joint Venture UC3 unterhält, das entscheidend agiert für die Generierung und Verteilung der Medienerlöse der Klubwettbewerbe der Konföderation, befürchtet die UEC eine weitere Zementierung der nationalen Wettbewerbe zugunsten der jeweiligen Größen und wiederum auf gesamteuropäischer Ebene eine solche zugunsten der internationalen Spitzenvereine. UEFA und EFC halten dagegen, unterstreichen immer wieder, dass die Soli-Zahlungen an Nichtteilnehmer im laufenden Vermarktungszyklus auf 308 Millionen Euro gestiegen seien bei einer Ausschüttung an die Teilnehmer der drei Wettbewerbe von 3,32 Milliarden Euro.

Klar ist aber auch: Die Medienerlöse der nationalen Ligen stagnieren oder sinken - anders als die Gesamterlöse von Champions League und Co., wo zuletzt ein Plus von knapp 16 Prozent zu konstatieren war (von 3,8 auf 4,4 Mrd. Euro). Das führt in den Ländern zu einer schlechteren Wettbewerbsbalance. "Die nationalen Ligen haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die Medieneinnahmen in Frankreich sind komplett eingebrochen, was ein erhebliches Problem darstellt", zählt Muzio das prominenteste Beispiel auf und warnt vor einem Kannibalisierungseffekt: "Auch andere Ligen werden in Zukunft mit dieser Situation konfrontiert sein, da die großen Wettbewerbe der UEFA Medienrechte-Inhaber anziehen." Im Kauf der Rechte des nächsten Zyklus durch Amazon und Paramount+ darf sich der 41-Jährige in seiner These bestätigt fühlen.

Deshalb will die UEC die nationalen Ligen stärken durch ein Ausgleichsprogramm, das wie folgt aussieht: Sobald die Gelder, die die UEFA als Prämien an Klubs eines Landes ausschüttet, die Medienerlöse jener nationalen Liga übersteigen, wandern 35 Prozent dieses Überbetrags in einen Fördertopf, der zur Wahrung der Wettbewerbsbalance unter den nicht international agierenden Teams aufgeteilt wird. Im Vermarktungszyklus 2021 bis 2024 flossen insgesamt 101 Millionen Euro an UEFA-Geld an Vereine aus Dänemark, während die lokale Liga in diesen drei Jahren nur 43 Millionen Euro aus ihrer Medienrechtevermarktung erlöste. Es leuchtet ein, dass dies den Wettbewerb zulasten der Kleinen betoniert.

Auf den PDR reagierte die UEFA positiv

"Die UEFA hat noch nicht auf diesen Vorschlag reagiert. Grundsätzlich könnte dies jederzeit integriert werden", erklärt Muzio, dessen Organisation bereits Mitte des vergangenen Jahres mit dem "Player Development Reward", eine Idee vorgetragen hat, um Ausbildung und vor allem die Klubs, die diese gewährleisten, zu stärken. Hier habe die UEFA positiv reagiert, berichtet der studierte Wirtschaftswissenschaftler. "Aber aufgrund ihrer Vereinbarung mit der ECA glaubt sie, dass sie nicht mit uns zusammenarbeiten darf. Wir haben jedoch viele positive Rückmeldungen erhalten. Und ehrlich gesagt hat uns niemand erklären können, warum dies eine schlechte Idee sein soll. Es handelt sich um eine Entscheidung der UEFA und der ECA."

Ob die Ansätze der UEC Chancen auf eine Realisierung haben, steht in den Sternen. Aktuell sucht die Vereinigung weitere Mitstreiter. 140 Klubs aus 25 Ländern vertritt sie, es dominieren die mittleren und kleineren UEFA-Nationen wie Belgien und Kroatien oder Israel und Lettland. Aber auch aus England sind bereits 20 Klubs vertreten, darunter mit Burnley FC ein Premier-League-Verein, aus Spanien gehören ihr 13 Vereine an, die prominentesten sind die La-Liga-Teams CA Osasuna, UD Levante und Real Oviedo.

Als Rummenigge vom Fehdehandschuh sprach

Deutsche sind bis dato Fehlanzeige. "Ich denke, das liegt an der Struktur. Sie fühlen sich als Teil des Establishments in ihrer nationalen Liga und wollen sich nicht angreifbar machen", glaubt Muzio. "Der Beitritt zur UEC wäre etwas Neues, aber er würde sie der Gefahr von Angriffen aussetzen."

Aus der Luft gegriffen ist das nicht. Man erinnere sich an einen Vorstoß von VfB Stuttgart, Mainz 05, FC Augsburg und Arminia Bielefeld in der Mediengelddebatte 2020. Das Quartett wurde daraufhin vom Rest der Beletage zu einer Tagung nicht eingeladen - mit der Begründung, "sie hätten doch den Fehdehandschuh geworfen" (O-Ton des damaligen Bayern-Vorstandschefs Karl-Heinz Rummenigge).

Muzio beklagt: "Viele unserer Vereine wurden von der ECA bedroht, die uns als Piratenorganisation bezeichnet. Wir haben jedoch großes Interesse von Vereinen in Deutschland erhalten und hoffen, dass zumindest ein oder zwei von ihnen bald beitreten werden." Zudem hofft er auf Sympathien in Nyon: "Es gibt bereits Leute in der UEFA, die so denken wie wir. Die Machthaber stehen jedoch auf der Seite der ECA."

Als größtes Pfund betrachtet der Multifunktionär die organisierte Fanszene. In Anspielung auf den Teilausschluss der Münchner Südkurve am Mittwoch sagt er: "Übrigens wären die 9000 Bayern-Fans, die das Spiel nicht sehen dürfen, höchstwahrscheinlich von unseren Ideen überzeugt. Zumindest habe ich ihre Transparente so verstanden." Den Seitenhieb kann sich Muzio dann doch nicht verkneifen - ein bisschen Revolte gegen das Establishment wird ja noch erlaubt sein.