Kroate verlässt Real Madrid
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es ja. Zumindest laut Hermann Hesse. Für Luka Modrics Anfangszeit bei Real Madrid galt das aber kaum.
Ein bisschen Zauber barg das feingliedrige Spiel des kroatischen Mittelfeldregisseurs freilich immer, doch den ungeduldigen Anhängern der Königlichen war das Ende 2012 noch nicht genug. In einer Online-Umfrage der vereinsnahen Marca wählten ihn die Leser nach seiner ersten Halbserie bei Real zum ligaweit schlechtesten Transfer des Jahres.
Ancelotti findet Modrics perfekte Position
Bei einer Ablösesumme von 30 Millionen Euro, die der spanische Rekordmeister unter Trainer José Mourinho für einen dann immerhin schon 27-Jährigen an Tottenham gezahlt hatte, war es natürlich unvermeidlich gewesen, dass mit dem Spieler selbst auch eine gewisse Erwartungshaltung mitwechselte. Zumindest eine Halbserie lang machte es daher auch unvermeidlich den Eindruck, dass Real Madrid und Luka Modric vielleicht einfach nicht zusammenpassen.
Rückblickend bewertet es sich halt immer am leichtesten.
Im März 2013 verschafften zwei fantastische Fernschüsse gegen Manchester United und RCD Mallorca dem unscheinbaren Techniker ein wenig Luft. Ein wenig Geduld. Und auch ein wenig Sichtbarkeit, beziehungsweise seinen Fähigkeiten. Seinen unvermeidlichen Fähigkeiten.
Mourinho hatte Modric in dessen Premieren-Jahr mal auf der Doppel-Sechs, mal auf der Zehn eingesetzt, weil der Mann mit dem feinen Außenrist in der Zentrale irgendwie alles konnte. Nachfolger Carlo Ancelotti fand dann gleich 2013/14 dessen perfekte Position: die Acht.
Als Position, für die es am schwierigsten sei, gute Spieler zu finden, bezeichnete Trainer-Genie Marcelo Bielsa einmal ebenjene Nummer acht. Weil man dort so defensiv denken müsse wie ein Sechser und gleichzeitig die offensiven Fähigkeiten eines Zehners benötige. Bielsa nennt diese Rolle "den Modric".
Zidane erschafft ein Trio der Dominanz
Als Anfang 2016 dann Zinedine Zidane bei Real Madrid übernahm, als Spieler wie Xabi Alonso, Sami Khedira oder Mesut Özil die Königlichen verlassen hatten, hatte der ehemalige Weltklassespieler das Gespür für ein Mittelfeld, das Real eine im modernen Fußball einmalige europäische Dominanz bescherte.
Casemiro räumte vor der oft anfälligen Abwehr zynisch, aber verlässlich auf, Toni Kroos avancierte leicht links versetzt zum großen Strategen. Und rechts gab Modric den Modric, das Verbindungsstück zwischen Abwehr und Angriff, den Balancespieler par excellence. Hinten noch aufmerksam den Fuß dazwischen, im Konter natürlich den Ball treibend, vorne dann oft mit dem entscheidenden Zuspiel. Manchmal hatte das fast etwas von Alfredo di Stefano, und in ein höheres Regal kann man bei Real nicht greifen.
Während der drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten, in denen sie durchgehend die Champions League gewannen, waren die Madrilenen sicherlich nicht immer die bessere Mannschaft. Doch eine Zeit lang war es unvermeidlich, dass das einmalige Mittelfeld-Triumvirat Casemiro-Kroos-Modric irgendwann eine jede Partie auf seine Seite zog. Nicht selten war die Außenseite von Modrics rechtem Fuß beteiligt.
Beobachter etwa von Arjen Robben wissen, dass selbst im Profigeschäft ein paar Dinge sonnenklar sein können, deshalb aber noch lange nicht zu verhindern sein müssen. Als Real im Champions-League-Viertelfinal-Rückspiel 2022 gegen Chelsea mit dem Rücken zur Wand stand und eigentlich gar nichts mehr ging, griff Modric kurz vor Schluss eben zu einer der Unvermeidlichkeiten des Weltfußballs - und servierte Torschütze Rodrygo den Ball mit der vielleicht feinsten Außenrist-Flanke, die jemals geschlagen wurde.
Seine Art bringt Modric Sympathien ein - und die Fähigkeit, Rotationsspieler zu sein
Wenig später gewann der Routinier zehn Jahre nach seiner streng beäugten Ankunft bereits seinen fünften Henkelpott, was mit Real Madrid irgendwie unvermeidlich war. Was aber natürlich auch an Luka Modric lag, bei dessen angenehmem Auftreten es stets auch unvermeidlich war, dass er selbst vielen, die es nicht mit den Königlichen halten, eine gewisse Zuneigung abrang.
Henkelpott Nummer fünf sollte, oh Wunder, nicht Modrics letzter bleiben, aber sein letzter in unantastbarer Position. Was ihn bis zuletzt übrigens trotzdem nicht davon abhielt, vertrackte Spiele auch als Rotationsspieler mit manch fantastischem Fernschuss auf Reals Seite zu ziehen, was er, selbst wenn alles andere vielleicht nicht mehr so klappen will wie früher, womöglich noch ewig getan hätte.
Kein Real-Spieler gewann je mehr Titel
Dass der Zahn der Zeit aber selbst am ewigen Modric nagt, der vom Transfer-Flop zu dem Spieler wurde, der mit Real Madrid die meisten Trophäen gewann (28), dass nach 13 bemerkenswerten Jahren bei den Königlichen nach der Klub-WM im Sommer nun Schluss ist - das war von Anfang an natürlich auch unvermeidlich.
Aber vielleicht möchte die Marca zu diesem Anlass ja noch mal eine Umfrage machen.