Nur die Heim-WM fehlte 1990
In Genua möchte gerade niemand Fußball-Profi sein. Zumindest, wenn man das coole Sampdoria-Wappen mit dem Pfeife rauchenden, zotteligen Seebären auf dem Trikot trägt. Die Samp war nach einer desaströsen Saison vor wenigen Tagen in die dritte Liga abgestiegen, worauf idiotische Halunken, die sich bizarrerweise selbst als Tifosi definieren, die Spieler vor ihren Wohnungen massiv bedrohten, und zudem bei einem Training den Platz stürmten. Dort nötigten sie jeden, das Trikot abzustreifen, da dessen unwürdig. Aber Italien wäre ohne überraschende Pointe ja nicht Italien.
Denn momentan läuft eine Untersuchung gegen Brescia wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten, und ein etwaiger Punktabzug könnte Sampdoria letztlich doch wieder retten. Egal wie das Klimbim enden wird, bleibt es eine Saison mit fadem Beigeschmack. Ausgerechnet 35 Jahre nach dem einzigen europäischen Triumph im Pokal der Pokalsieger.
28 italienische Final-Teilnehmer in elf Jahren
1990 - ein Jahr, das ein goldenes europäisches Jahrzehnt des Calcio einläutete. Zum globalen Triumph fehlte bloß ein Erfolg der Nazionale, doch die Azzurri beendeten die "estate italiana", die Weltmeisterschaft daheim, trotz Toto Schillaccis aufgerissener Sizilien-Augen nur als Dritter, verloren vier Jahre später das WM-Finale in Pasadena nach Elfmeterschießen gegen Brasilien (2:3 i.E.) und 2000 das EM-Endspiel per Golden Goal an Frankreich (1:2 n.V.). Erst 2006 durften sie in Berlin jubeln.
Im Europapokal hingegen führte kein Weg an Italien vorbei. Zwischen 1989 und 2000 wanderten in den drei europäischen Wettbewerben insgesamt 15 Titel in die Serie A, die in jenem Zeitraum imposante 28 Final-Teilnehmer und sieben Gewinner des Ballon d'Or stellte.
Und Sampdoria mischte anfangs munter mit. 1989 hatte Genua im Wankdorfstadion noch das Pokalsieger-Finale gegen Barcelona 0:2 verloren. Ein Jahr darauf triumphierte die Samp hingegen über den RSC Anderlecht. Damals hatte ein Tor von Attilio Lombardo das Endspiel gesichert, dem als aktuellen Vize-Coach ob der jüngsten üblen Vorfälle sicher nostalgische Schwermut überfiel.
Die Schlagzeilen machten jedoch vor allem die "Tor-Zwillinge" - Roberto Mancini und Gianluca Vialli, ein magisches Gespann, das Italien 2021 zum EM-Titel führen würde. Kraft, Technik, Klasse auf dem Platz und Vujadin Boskov auf der Bank - ein gerissener Trainerfuchs einer anderen Zeit, der den Fußball nicht ernster nahm als er war, und per Bonmots die Spannung löste: "Besser 0:4 als 0:5 zu verlieren" - "Der Ball geht rein, wenn Gott es will" - "Wenn du 2:0 spielst, hast du gewonnen" - "Eine Gurke, bleibt eine Gurke, auch wenn du im Raum verteidigst". So einfach ist es manchmal, und mit dieser Nonchalance holte Boskov den Pokalsieger-Cup, die Meisterschaft und verlor das Landesmeister-Finale gegen Barcelona 1992 knapp in der Verlängerung.
Italienisches UEFA-Cup-Finale wird zur Farce
Die italienische Dominanz zementierte sich am 18. April 1990. Andere Zeiten. K.-o.-Runden von Beginn an, Radiostimmen, maximal zwei Auswechslungen und alle Partien am Europapokal-Mittwoch. An jenem Halbfinal-Abend machte Samp gegen die AS Monaco (2:0) das Finale im Pokalsieger-Cup fix und Arrigo Sacchis Milan eliminierte im Landesmeister-Cup die Bayern (1:0 und 1:2 n.V.). Im UEFA-Cup reichten Juventus gegen Köln und der Fiorentina gegen Bremen derweil zwei 0:0 für das erste rein italienische Finale der Geschichte.
Das lief freilich nicht ohne Polemiken ab. Damals wurde der Sieger der heutigen Europa League noch in Hin- und Rückspiel ermittelt, und bereits beim 3:1 in Turin wetterte Florenz über dubiose Referee-Entscheidungen, einige aufgebrachte Profis schnaubten "Ladri!" ("Diebe") in die Mikrophone. Es wurde noch ungemütlicher.
„Alles eine Farce, am besten wir schenken Juve gleich den Pokal und treten gar nicht an.“ (Fans der AC Florenz)
Wegen Umbauarbeiten des Stadio Franchi zur Heim-WM kickte die Fiorentina international in Perugia, war nach einem Platzsturm der Tifosi nach dem Finaleinzug über Bremen aber seitens der UEFA mit einem Spiel Stadionsperre abgestraft worden. Letztlich wurde Avellino, 500 Kilometer südlich von Florenz, zum "Heimspiel-Ort" bestimmt. "Alles eine Farce, am besten wir schenken Juve gleich den Pokal und treten gar nicht an", hieß es in einem Kommuniqué der Viola-Tifosi.
Noch 2014 wetterte Endspielteilnehmer Alberto Di Chiara in seinem Buch "Das dreckige Finale": "Avellino neutraler Platz? Ein guter Witz. Die Gegend ist eine Juve-Hochburg und alle hetzten gegen uns. Da hätten wir das Rückspiel auch gleich in Turin austragen können."
Am 16. Mai reichte Juventus ein 0:0, doch es kam noch viel schlimmer. Unter tobenden Protesten der Stadt ("In Florenz brach der Bürgerkrieg aus", schrieb die Gazzetta dello Sport) sickerte kurz darauf durch, dass das größte italienische Talent, Roberto Baggio, gegen seinen Willen an Juve verkauft würde. Bei seiner ersten Rückkehr nach Florenz weigerte sich "der göttliche Zopf" sichtlich aufgewühlt einen Elfmeter zu schießen und verschwand nach Spielende mit einem Viola-Schal über dem Juve-Trikot unter Applaus im Kabinengang. Doch das ist nun wieder eine andere Geschichte.
1990 gelang Italien bislang einzigartiges Triple
Zurück in den Mai 1990, als die AC Milan im Wiener Prater das italienische Title-Triple perfektionierte - bis dato ein Unikum, das ein Land sich alle drei Europapokale sicherte. Nachdem der Calcio im Vorjahr dank Maradonas Napoli (Sieg im UEFA-Cup über Stuttgart) und Milans 4:0-Gala gegen Steaua Bukarest bereits ein Double zelebriert hatte.
In einem taktischen Endspiel langte der AC gegen Benfica ein Treffer von Frank Rijkaard auf Vorlage von Marco van Basten. Damit hatte ein Klub erstmals nach Nottingham Forrest zehn Jahre zuvor den Landesmeister-Titel verteidigt - es sollte erst wieder Real Madrid 27 Jahre später gelingen.
"Der Fußball wird nicht mehr derselbe sein", hatte die Equipe nach Milans Triumph 1989 getitelt. In der Tat hatte Sacchis dominanter Stil das Spiel revolutioniert und Silvio Berlusconi zu sportlichem und politischem Glamour verholfen. Fraglos stieg die Elf um Gullit/Rijkaard/van Basten, Maldini, Baresi, Costacurta und Ancelotti zu den besten Klub-Teams der Geschichte überhaupt auf. "Eine Mannschaft, in die sich eine ganze Generation verliebte", schmachtete die Gazzetta dello Sport.
In der Elf stand übrigens auch Alberico Evani, aktueller Sampdoria-Trainer. Womöglich sinniert er in Genua gemeinsam mit "Popeye" Lombardo zu einem süffigen Roten gelegentlich über wohltuendere Tage.