Vor dem DFB-Pokal-Finale
Der Hype um Nick Woltemade in den vergangenen Monaten war riesig - und er dürfte mit der erstmaligen Nominierung für die A-Nationalelf durch Bundestrainer Julian Nagelsmann einen neuerlichen, vorläufigen Höhepunkt erreichen. Wundern kann das niemand, denn der 23-Jährige, der die deutschen Farben auch bei der anstehenden U-21-EM vertreten soll, hat sich zur stilprägenden Figur für das Spiel des VfB Stuttgart aufgeschwungen in den vergangenen sechs Monaten.
Hoeneß über Woltemade: "Die Kombination ist besonders"
Aufpassen muss die Bielefelder Arminia beim DFB-Pokal-Finale an diesem Samstag ganz besonders, wenn Woltemade seine berühmt-berüchtigten Soli ansetzt, sich um die Gegner schlängelt geschmeidig wie ein Aal trotz seiner stattlichen Länge von 1,98 Metern. "Die Kombination ist besonders, das siehst du nicht so oft. Er ist sehr groß, schlaksig und hat trotzdem sehr schnelle Beine, eine sehr gute Technik auf engstem Raum auch mit sehr guter Ballführung und gutem Dribbling", weiß Coach Sebastian Hoeneß. Die Vorteile dieses speziellen Profils manifestierten sich in seiner Stuttgarter Premierensaison, die mit der Nicht-Nominierung für die Champions League eher enttäuschend begonnen hatte, in satten 16 Toren und drei Vorlagen in Pokal und Liga.
Arminia-Joker Kania: Hohe Effizienz und "keinen Puls in der Box"
Während Woltemade mittlerweile unumstrittene Stammkraft ist, kommt auf der Gegenseite Julian Kania meist von der Bank. Im Angriff konnte Arminia spätestens seit der Winterpause aus dem Vollen schöpfen und sogar verkraften, dass sich mit Roberts Uldrikis ein erfahrener Offensivspieler gleich schwer verletzte. Während der Lette wohl das gesamte restliche Jahr 2025 wegen eines im Pokal-Viertelfinale gegen Bremen erlittenen Kreuzbandrisses fehlen wird, kehrte der einzige Angreifer mit Bundesliga-Erfahrung, Noah Joel Sarenren Bazee (früher Hannover, Augsburg), aus einer ebenso schweren Knieverletzung zurück. An seiner Seite agierte in vorderster Linie zumeist Joel Grodowski, den Bielefelds Trainer Mitch Kniat einst in Verl kennenlernte und der zwischenzeitlich bei Preußen Münster schon einmal Zweitligaluft schnupperte.
Eine heiße Aktie besitzt Arminia aber eben in Kania, der häufig als Joker stach: Ohne Anpassungsprobleme traf er verlässlich, machte in der Saison insgesamt 14 Treffer und brauchte im Schnitt nur 99 Minuten für ein Tor. Kein anderer Spieler der 3. Liga, der ebenfalls zweistellig traf, erreichte die Effizienz Kanias, dem Kapitän Mael Corboz höchstes Lob zollt: "Der Mann hat keinen Puls in der Box. Eiskalt. Er macht vor dem Tor Sachen mit einer Ruhe, über die ich mich nur wundern kann. Null Aufregung."
Corboz ist der Kitt der Bielefelder Mannschaft - Wörl auf Abschiedstournee
Apropos Corboz: In den eineinhalb Jahren, in denen der 30-jährige US-Amerikaner nun für die Bielefelder spielt, schwang er sich auf dem Platz und drumherum zum absoluten Anführer auf. Mit der Gabe, für jeden im Team ein Auge zu haben, dessen Befindlichkeiten, Sorgen oder Anliegen zu erkennen, mit hoher sozialer Kompetenz und seinen integrativen Fähigkeiten ist der DSC-Kapitän, der in der abgelaufenen Spielzeit zum "Mann des Jahres" in der 3. Liga gekürt wurde, ein Dreh- und Angelpunkt für die Ostwestfalen. "Wenn du irgendwie Hilfe brauchst: Er ist immer da", erzählt der wie Corboz aus New Jersey stammende Isaiah Young. "Er pusht immer, gibt nie auf, erwartet das auch von uns. Er gibt seine Mentalität weiter und macht uns besser."
Im Spiel hat das seine direkten Auswirkungen, zum Beispiel auf Corboz' Nebenleute im Zentrum, Sam Schreck und - Marius Wörl. Letzterer wurde nicht zuletzt dank seiner überragenden Pokal-Auftritte vor einem breiten Publikum zur großen Entdeckung. Zweikampfstark, spielintelligent und sicher im Abschluss präsentierte sich der 21-Jährige, der maßgeblich beim TSV 1860 München ausgebildet wurde und aufgrund seiner vertraglichen Situation nun zu einer tragischen Figur im schwarz-weiß-blauen Dress wird.
Arminia hatte den Spieler 2023 nur von Hannover 96 ausgeliehen, dann zwar im Dezember 2024 für 300.000 Euro eine Kaufoption genutzt, die Hannover jedoch mit einem Rückkaufsrecht für 500.000 Euro konterte. Wörl fühlt sich im Bielefelder Umfeld pudelwohl, würde gerne den Weg mit dem Aufsteiger und Pokalfinalisten weitergehen - muss aber kraft seines Vertrages nun zur neuen Saison zu den Niedersachsen zurück ...
Risikoabwägung bei VfB-Taktgeber Stiller
Sowohl emotional als auch gestalterisch den Leader beim VfB gibt Angelo Stiller. Der 24-Jährige, der schon im Nachwuchs des FC Bayern sowie bei der TSG Hoffenheim unter Hoeneß‘ Fittichen war, ist sozusagen der verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld. Chefstratege, Taktgeber, Einfädler, aufgrund seiner antizipatorischen Fähigkeiten auch mal als Innenverteidiger aufgeboten, wenn Not am Mann ist, ist der Sechser Dreh- und Angelpunkt beim VfB.
Nach seiner am 33. Spieltag gegen den FC Augsburg (4:0) erlittenen Sprunggelenkverletzung, als er unter Tränen vom Feld musste, sieht es gut aus mit einem Einsatz am Samstag, am Mittwoch absolvierte Stiller Teile des Mannschaftstrainings. Allerdings bleibt die Sache ein schmaler Grat, sowohl gesundheitlich als auch spieltaktisch gilt es, das Risiko gut abzuwägen.
Auf einen hellwachen Nübel wird es ankommen
Dieses defensiv zu minimieren, ist bekanntlich die Aufgabe der Schlussmänner und hier kommt auf Alexander Nübel eine spezielle Rolle zu. Denn zu erwarten ist, dass sich der Drittligameister aufs Kontern verlegt, Nübel im VfB-Tor muss also hellwach sein. Zum einen, weil es gut möglich ist, dass er längere Ruhephasen überstehen muss, wenn seine Vorderleute den Druck des Favoriten ausüben. Zum anderen, weil es lange Bälle abzufangen gilt.
Fußballerisch hat Nübel das auf dem Kasten. Sicher, der 28-Jährige mag nicht an die spielerische Klasse eines Manuel Neuer heranreichen - aber wer tut das schon? Dennoch: Der Nationalkeeper hat einen guten Fuß, Ruhe am Ball, geht im Aufbau - gewollt von Hoeneß - auch ein gewisses Risiko ein, um die Kontrahenten zu locken. Zur Wahrheit gehört auch: Licht und Schatten wechseln sich bei Nübel noch zu oft ab, wobei er gerade beim 3:1 im Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig einen starken Auftritt hinlegte. "Er hat gezeigt, dass er unter großem Druck funktioniert und hat uns als Mannschaft überragend geholfen", lobte Hoeneß seinen Rückhalt damals.
Kersken und seine stabile Bielefelder Defensive
Fels in der Brandung zu sein - das gelingt auch Arminia-Schlussmann Jonas Kersken immer besser. Fraglich war, wie der 24-Jährige klarkommen würde, als er 2023 in Bielefeld anheuerte. Dort galt es vor zwei Jahren nicht nur, in einer völlig neu zusammengestellten Mannschaft zu funktionieren, sondern auch zu den eigenen Stärken zurückzufinden: Nach einer schweren Schulterverletzung im Herbst 2022 hatte der gebürtige Düsseldorfer sich ohne Spielpraxis in der Reha bei seinem Stammverein Borussia Mönchengladbach wieder herangearbeitet.
Spätestens in der abgelaufenen Saison 2024/25 überzeugte Kersken, dem viele zumindest eine gehobene Zweitliga-Karriere zutrauen, mit Leistung. In den 38 Saisonspielen, in denen er jede Minute auf dem Platz stand, griff er nur 36-mal hinter sich - das ist Liga-Bestwert. Mit seiner abgeklärten Spielweise gab er der Mannschaft die nötige Ruhe, mit einigen spektakulären Rettungstaten, auch im Pokal, elektrisierte er die eigenen Fans.
Mittelstädts Rückkehr ins einstige Wohnzimmer
Für den vierten Schlüsselspieler im VfB-Bunde, Maximilian Mittelstädt, steht "die Stadt unter Strom" vor der Fahrt nach Berlin. Es knistert in und um Bad Cannstatt und ganz besonders der Fall dürfte das beim Linksverteidiger persönlich sein, schließlich lief der gebürtige Berliner elf Jahre lang für Hertha BSC auf und darf das Olympiastadion gewissermaßen sein (ehemaliges) Wohnzimmer nennen.
Gerade auf seine Kombinationsgabe, seine Flankenläufe, aber eben auch seine Schärfe in der Konterabsicherung wird es am Samstag ankommen. In Berlin nicht immer eine gefragte Größe, hat sich der 28-Jährige beim VfB überraschend zum Spitzen- und A-Nationalspieler aufgeschwungen. "Innerhalb von gut anderthalb Jahren habe ich so gut wie alles erlebt, wofür ich Fußballer werden wollte", resümiert Mittelstädt. "Das hat mich schon stolz gemacht." Noch stolzer wäre der Linksverteidiger wohl nur mit dem Pokal in der Hand.