Als am Ende der Pressekonferenz eine Frage zum Ziel kam, dem einkassierten alten namens Aufstieg und dem ausgegebenen neuen namens maximaler Erfolg in der restlichen Saison, da wurde Stefan Leitl grundsätzlich. "Ich weiß nicht, warum wir Trainer immer rumeiern müssen. Wenn man das Gefühl hat, dass etwas weit weg ist und du beim direkten Konkurrenten 2:5 verlierst, dann können wir uns nicht hinstellen und sagen, wir sind nach wie vor dabei, um den Aufstieg zu spielen. Diese Klarheit tut auch mal gut. Letztendlich ist das die Wahrheit", sagte der Coach von Hertha BSC. "Wir haben eine hohe Verantwortung unseren Fans, dem Verein, der Stadt, uns selbst gegenüber, diese Saison maximal erfolgreich abzuschließen. Ich finde das eine coole Aufgabe. Es heißt jetzt einfach liefern. Platz 6 ist für mich aktuell realistisch."
Erster Liga-Heimsieg seit November
Ob man diese Hertha-Saison in der Geschichtsschreibung tatsächlich in zwei Teile - den vor dem Paderborn-Desaster in der Vorwoche und den danach - splitten wird, werden final erst die restlichen Spiele klären. Aber geliefert hat Hertha am Sonntag mit dem 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg in jedem Fall. Der erste Heimsieg in der Liga seit dem 21. November (1:0 gegen Braunschweig) war jene Form der Rehabilitation, die sich die Profis vorgenommen hatten. "Es ging schon auch um die Ehre", sagte Keeper Tjark Ernst. "Wir wussten, dass wir heute in der Pflicht sind, den Fans auch etwas zurückzugeben. Nach der vergangenen Woche war es wichtig, ein anderes Gesicht zu zeigen. Es war nicht alles rosig, und uns war klar, dass nicht alles gelingen wird. Aber der Sieg war verdient."
Leitl: "Die Woche war nicht ganz so einfach"
Er kam auch zustande, weil sich Leitls Team vom Rückschlag des Ausgleichs nicht umwerfen ließ. Praktisch mit dem Halbzeitpfiff hatten die Nürnberger aus dem Nichts ihren ersten gefährlichen Angriff durch einen Kopfball von Tom Baack zum zwischenzeitlichen 1:1 genutzt. "Ich muss nicht erzählen, was das mit einer Mannschaft in der Kabine macht, die eine Woche zuvor so eine auf den Deckel bekommen hat", sagte Leitl. "Die Woche war nicht ganz so einfach für uns. Trotzdem war die Reaktion absolut top - nicht fußballerisch, nicht spielerisch, sondern energetisch." Die Analyse von Mittelfeldspieler Paul Seguin klang ähnlich: "Nürnberg hat es mit der ersten Chance geschafft, das 1:1 zu erzielen. So etwas macht was mit einer Mannschaft, aber wir haben uns nicht hängen lassen."
Diesmal behielt Hertha den Kopf oben
Hertha blieb dran und drin in einem Spiel, das nicht viele Torchancen bereithielt und in dem der kroatische Winter-Zugang Josip Brekalo mit seinem Doppelpack zum Matchwinner wurde. Auch wenn die Franken nach der Pause etwas mehr als zuvor vom Spiel hatten und fürs Spiel taten, behielten die vor Wochenfrist K.o. gegangenen Berliner diesmal den Kopf oben. "Wir haben nicht allzu viel zugelassen, das war das Ziel heute", konstatierte Verteidiger Linus Gechter. "Die Dinge, die sich nach vergangener Woche als Schwäche herauskristallisiert haben, konnten wir diesmal besser umsetzen. Das wollen wir in den kommenden zehn Spielen fortsetzen."
Es war nach dem Fiasko in Paderborn und Tagen, in denen auch intern Tacheles geredet wurde, womöglich der Beginn eines Neustarts. "Wir haben zwar keine Sterne vom Himmel gespielt", befand Leitl, der mit fünf Startelf-Veränderungen gegen seinen Ex-Verein FCN nach innen und außen das passende Signal gesetzt hatte. "Aber nach dieser Woche hatte ich diese Leistung so nicht erwartet."