"Normalerweise hat im Europapokal jede Mannschaft ein Heim- und ein Auswärtsspiel. Nicht so die Frankfurter Eintracht", steht im kicker vom 22. Oktober 1992 geschrieben. Einen Tag zuvor ist Galatasaray Istanbul zu Gast bei der SGE - und mit den Türken auch etwa 30.000 Gästefans unter den 40.000 Zuschauern im Waldstadion.
Bein fehlt - und erinnert an Lodz
Nicht nur die Kulisse macht den Frankfurtern im Zweitrunden-Hinspiel des UEFA-Cups zu schaffen, sie müssen zusätzlich auf ihren Spielmacher Uwe Bein verzichten. Noch am vorangegangenen Wochenende war er in der Liga für die zweitplatzierte Eintracht mit seinem Doppelpack beim 2:1 in Nürnberg der Matchwinner. Eine Saison zuvor hatte er die SGE gar mit acht Toren und 16 Vorlagen nah an die Meisterschaft geführt, die die Frankfurter am letzten Spieltag als Tabellenführer doch noch aus der Hand gaben.
Eine Zerrung im rechten Oberschenkel macht Bein vor dem Hinspiel zu schaffen, "ich kann allenfalls locker joggen", sagt er. Und bleibt dennoch positiv: "In der ersten Runde gegen Lodz habe ich auch nur einmal gespielt, und wir sind weitergekommen." Das 2:2 in Polen verpasste er, beim fulminanten 9:0 im Rückspiel steuerte er einen Treffer bei.
Stumpf hat Yeboah im Griff
Doch gegen die Türken, so viel steht vorab fest, wird es nicht so entspannt laufen. Zumal anders als gegen Lodz das - zumindest vermeintliche - Heimspiel zuerst ansteht. Nach einer Verzögerung aufgrund von Pyrotechnik kommt Frankfurt zwar gut in das erste Aufeinandertreffen und hat schon nach vier Minuten die Chance zum 1:0. Doch Hayrettin Demirbas kratzt Ralf Webers Freistoß aus dem Winkel. Im weiteren Spielverlauf geht vor allem der Plan von Galatasarays deutschem Trainer Karl-Heinz Feldkamp, 1988 noch DFB-Pokal-Sieger mit der SGE, auf.
Die Defensive um den gebürtigen Hessen Reinhard Stumpf, der Anthony Yeboah bewacht, hat Frankfurts Offensivkräfte über weite Strecken im Griff. Bein-Vertreter Uwe Rahn ist zwar bemüht, läuft viel, kann die von Bein gewohnte Gefahr aber nicht ausstrahlen. Während es Frankfurt an Durchschlagskraft fehlt, werden die Gäste mit der Zeit mutiger. Unter anderem scheitert Hakan Sükür am starken Uli Stein. Erst in der Schlussphase kommen die Hausherren wieder gefährlich vor das Tor, Rahn und Weber verpassen es jedoch ebenso, den Siegtreffer zu erzielen.
Tütüneker schießt Frankfurt aus dem UEFA-Cup
Zwei Wochen später bleibt Bein erneut lange fraglich. Erst nach dem Aufwärmen im Ali Sami Yen Stadion, dem Hexenkessel Galatasarays, gibt Frankfurts Schlüsselspieler seinem Trainer Dragoslav Stepanovic das Signal: Er kann auf ihn setzen. Doch auch mit ihm verläuft das Spiel genau so, wie es sich Feldkamp für Galatasaray ausgemalt haben dürfte. Schon in der sechsten Minute landet ein Querschläger von Axel Kruse bei Stumpf, dessen Verlängerung Ugur Tütüneker erreicht. Der frühere Münchner, der ein Spiel für die Bayern-Profis absolvierte, bringt Galatasaray in Führung.
Wie schon im Hinspiel verteidigt Cim Bom das eigene Tor kompromisslos. Was Stumpf und sein Abwehr-Kollege Bülent Korkmaz nicht aufhalten, das bügeln Libero Falko Götz oder der gut aufgelegte Torwart Demirbas aus. Auch Bein, dessen Kraft für 68 Minuten ausreicht, tritt zu selten in Erscheinung. Für den größten Aufreger sorgt in der Schlussphase der Schiedsrichter Pierluigi Pairetto, der Frankfurts Edgar Schmitt nach dessen Protest robust von sich wegstößt. Die Gala-Profis müssen Schmitt beruhigen und dürfen wenig später über den Einzug ins Achtelfinale jubeln.
Stumpf: "Ich glaube, dass der Sieg ein bisschen verdient war"
Feldkamp feiert seinen ersten Europapokal-Erfolg gegen ein deutsches Team. Manndecker Stumpf, der mit seinem Einsatz gegen Yeboah maßgeblich dazu beiträgt, spricht anschließend von "mehr als hundert Prozent", die seine Mannschaft gegeben hat. "Ich bin glücklich und glaube, dass unser Sieg auch ein bisschen verdient war."
Bei den Frankfurtern beschränkt sich die negative Stimmung im Anschluss nicht nur auf das Europapokal-Aus. Schon im Vorfeld krachte es zwischen Trainer Stepanovic und Kapitän Stein. Der Torwart war nach der vorangegangenen 1:4-Pleite in Karlsruhe deutlich geworden und hatte Aussagen seines Trainers in einer Boulevard-Zeitung kritisiert. "Uli Stein ist zwar noch der Kapitän der Mannschaft, daran werden wir nichts ändern. Aber mein Kapitän ist er nicht mehr", polterte "Stepi" gegen Stein, den wiederum Mannschaftskollegen wie Manfred Binz in Schutz nahmen, zurück.
"Stepi" tritt zurück und holt mit Bayer den Pokal
Und doch folgt noch einmal ein Aufschwung. Nach fünf sieglosen Pflichtspielen hintereinander bis zum UEFA-Cup-Aus legt Frankfurt eine Serie von neun Partien ohne Niederlage hin. Die Eintracht bleibt erster Verfolger der Bayern, zieht ins Pokal-Halbfinale ein. Drei Pleiten am Stück, darunter das Pokal-Aus gegen Leverkusen, sorgen allerdings für ein Ende der ersten Amtszeit von Stepanovic bei der Eintracht.
Und das auf kuriose Art und Weise. Mit den Worten "Das war's", verkündet "Stepi" nach dem 0:3 gegen die Werkself vor laufenden Kameras seinen sofortigen Rücktritt. Bereits zuvor unterschrieb er für die Spielzeit 1993/94 in Leverkusen. Weil die Werkself sich aber vorzeitig von Reinhard Saftig trennt, wird Stepanovic schon Anfang Mai SVB-Trainer und krönt sich wenig später - trotz des eigentlichen Halbfinal-Ausscheidens - mit einem 1:0 gegen Hertha BSC II zum Pokalsieger. Unter Horst Heese beendet Frankfurt die Saison wie schon im Vorjahr auf Rang 3, zwei Plätze vor Leverkusen.
Galatasaray wird unter Feldkamp Double-Sieger
Und Feldkamps Galatasaray? Das scheitert im Achtelfinale des UEFA-Cups knapp an der AS Rom, unter anderem, weil sich Zweitrunden-Held Tütüneker im Olimpico nach 38 Minuten Rot abholt (1:3, 3:2). Umso besser läuft es in der Liga, wo Feldkamp auf Anhieb die vierjährige Durststrecke Galatasarays beendet und die Meisterschaft holt. Im Pokalfinale gibt es zudem einen knappen Erfolg über Stadtrivale Besiktas (1:0, 2:2), bevor sich der Trainer zurückzieht und an Reiner Hollmann übergibt.
Eine Invasion mit einem zu drei Vierteln von Gästefans belegten Waldstadion wird es am Donnerstagabend in Frankfurt nicht geben. Und doch werden sich wieder einige Galatasaray-Fans auf den Weg machen, um ihre Mannschaft lautstark dabei zu unterstützen, auch beim zweiten Auftritt am Main etwas mitzunehmen. Zumindest Trainer Okan Buruk müsste wissen, wie es funktioniert. Schließlich war er vor 33 Jahren, kurz nach seinem 20. Geburtstag, dabei und beackerte sowohl in Frankfurt als auch im Rückspiel die rechte Außenbahn für Galatasaray.