Viel Zeit blieb wirklich nicht. Die Einladung kam erst einen Tag vorher - und versetzte die deutsche Torhüterin nicht nur in Freude, sondern auch in leichte Panik.
"Ich brauchte noch einen Friseur-Termin und ein Kleid", erzählt Merle Frohms mit einem Lachen. Dieser Aufwand musste sein, denn die Einladung zum Festessen kam von keinem Geringeren als dem spanischen König Felipe, der Ende November Frank-Walter Steinmeier zu Gast hatte und zu Ehren des deutschen Bundespräsidenten in den königlichen Palast in Madrid einlud. Da sollten auch die beiden deutschen Fußballerinnen von Real Madrid anwesend sein.
Also machten sich Frohms und Sara Däbritz am Tag zuvor auf den Weg zum Friseur und kauften danach festliche Kleidung. "Das war echt stressig", berichtet Frohms, aber: Der Aufwand hat sich gelohnt. "Ich habe mich im Palast gefühlt wie in einer Netflix-Produktion. Es war ein einmaliges Erlebnis, kaum zu beschreiben. Der König ist sehr sympathisch. Das war alles sehr beeindruckend."
Dreimal pro Woche Spanisch-Unterricht
Auch abseits des royalen Termins fühlt sich Frohms in der Metropole sehr wohl. "Ich hatte vorher keine richtige Vorstellung von der Stadt Madrid, bin sehr positiv beeindruckt. Es gibt hier viel zu erleben und zu sehen. Ich habe aber höchstens erst zehn Prozent geschafft."
Hinzu kommt nicht nur die spanische Sonne, sondern auch die Mentalität der Menschen. Herzlich und höflich seien die Menschen, berichtet die 31-Jährige, die im Sommer des vergangenen Jahres bei den Königlichen ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. "Das Gesamtpaket aus sportlichen Zielen und Möglichkeiten hat mich überzeugt. Real hat sich sehr um mich bemüht", erzählt Frohms.
Dreimal pro Woche hilft Spanisch-Unterricht bei der Integration. "Ich verstehe schon viel, Smalltalk geht auch schon. Ich befürchte aber, dass ich kein Sprachtalent bin", berichtet die Torhüterin, die abseits des Fußballs Betriebswirtschaft studiert und sich bei der Tierschutzorganisation ALBA engagiert. Seit Januar teilt sie ihr Leben mit Podenco-Hündin Wilma, die auf der Straße aufgelesen wurde.
Frohms möchte nicht mehr über das Ende in Wolfsburg sprechen
Frohms ist angekommen in Spanien, nachdem ihre Karriere in Deutschland vor zwei Jahren in Schieflage geraten war. Die gebürtige Cellerin war die unumstrittene Nummer 1 in der Nationalmannschaft gewesen, hatte 52 Länderspiele absolviert, bevor Bundestrainer Horst Hrubesch kurz vor den Olympischen Spielen in Frankreich Ann-Katrin Berger den Vorzug gab.
Frohms flog als Ersatztorhüterin zu Olympia, nahm die Bronzemedaille mit nach Hause - und erklärte im September 2024 ihren Rücktritt aus dem Nationalteam. Sie wollte sich auf den VfL Wolfsburg konzentrieren. Dort wurde sie Anfang 2025 aber auch überraschend zur Nummer 2 degradiert. Frohms schwieg - und ging im Sommer. Äußern möchte sie sich über diese schwere Zeit nicht mehr. "Ich lebe nicht in der Vergangenheit, bin auch nicht nachtragend und nehme niemandem etwas übel", erklärt sie rückblickend. "Ich hatte hier in Madrid viele neue Eindrücke und deshalb keine Zeit, über das, was gewesen ist, noch nachzudenken."
Der perfekte Neustart wurde jäh unterbrochen
Der Neustart in Spanien lief zunächst perfekt: Frohms etablierte sich sofort als Nummer 1 bei den königlichen Fußballerinnen. Bis zu jenem 16. Oktober, an dem sie sich im Champions-League-Spiel bei Paris Saint-Germain (2:1) das Kreuzband riss. "Ich wollte einen Ball klären und bekam einen Schlag kurz unter dem Knie. Ich hätte nicht gedacht, dass es etwas Schlimmes ist, wollte auch weiterspielen, merkte dann aber, dass ich mein Knie nicht mehr beugen konnte."
Glück im Unglück: Es war das hintere Kreuzband, das gerissen war. Bedeutete: keine Operation und eine deutlich kürzere Ausfallzeit. Trotzdem war es ein Schock für die Torhüterin, die bei Real bis 2028 unterschrieben hat. Der perfekte Neustart wurde jäh unterbrochen. Aber: In die Reha-Phase konnte Frohms schon wenige Tage später starten. Und die schnellen Fortschritte sorgten rasch für bessere Stimmung.
Barcas Vorherrschaft soll nicht in Stein gemeißelt sein
"Alles lag genau im Zeitplan - ohne Rückschläge." Schon im Januar meldete sich die ehemalige Nationalspielerin gesund zurück. Gespielt hat Frohms seitdem noch nicht wieder. Beunruhigt ist sie darüber nicht. "Ich mache mir keinen Stress, bin nah dran. Alles andere kommt mit der Zeit." Frohms ruht in sich, weiß um die große Wertschätzung, die ihr im Verein entgegengebracht wird. "Hier wird im positiven Sinne viel von mir erwartet", erzählt sie.
Und sie hat mit Real noch große Ziele. Die Vorherrschaft des übermächtigen FC Barcelona soll keinesfalls in Stein gemeißelt sein. "Es muss als Real Madrid unser Ziel sein, Titel zu gewinnen. Das ist überfällig. Alle sind heiß darauf. Und das ist in den nächsten Jahren auch realistisch."
Das nächste Aufeinandertreffen mit dem Tabellenführer lässt nicht mehr lange auf sich warten: Im Viertelfinale der Champions League treffen beide spanischen Spitzenteams in der kommenden Woche aufeinander. Eigentlich ein perfekter Zeitpunkt für das Comeback von Frohms.