Es war eine ereignisreiche Sommerpause beim SV Wilhelmshaven. Ein Trainer hört auf und wird neuer Sportchef. Ein Spieler hört auf und wird neuer Trainer. Derartige Jobwechsel gibt es selbst im Fußball eher selten. Dass Sportchef und Trainer verschwägert sind, gibt der ganzen Geschichte zusätzliche Würze.
"Wir sind im Fußball schon oft verschiedener Meinung", erzählt der neue Mann an der Seitenlinie, David Jahdadic. Er sieht das aber positiv, denn Reibung erzeugt bekanntlich Kräfte. "Wir sind halt beide sehr zielorientiert", sieht er auch Parallelen. Eigentlich hätte Jahdadic, der als Spieler vor zwölf Jahren mit Wilhelmshaven in der Regionalliga aktiv war, noch gerne gekickt. Aber zwei Kreuzbandrisse und zuletzt ein Achillessehnenriss zwangen ihn zum Karriereende.
In Anbetracht dessen avancierte Jahdadic schon vor zwei Jahren nebenbei zum Co-Trainer von Cheftrainer Florian Schmidt. In der zurückliegenden Saison kam er nur vereinzelt zum Einsatz. Schmidt, der mit der Schwester von Jahdadic verheiratet ist, wollte seinem Schwager noch einmal die Chance geben, aber die Gesundheit spielte letztlich nicht mit.
Nervenaufreibende Spielzeit
Für beide und für den ganzen Verein war es eine nervenaufreibende Spielzeit. Dabei dachte Schmidt im Sommer 2024 noch, es könnte eine ruhige Saison werden. Plötzlich aber fand sich der SVW bedenklich nahe an den Abstiegsplätzen wieder. "Das war Überlebenskampf", blickt der 39-Jährige auf die Zeit zurück. Nachts konnte er kaum schlafen. Der Akku war leer. Selbst über Siege konnte er sich nicht freuen, weil er sofort wieder an das nächste Spiel gedacht habe. So reifte der Entschluss, als Trainer aufzuhören. Nicht von heute auf morgen, sondern "als schleichender Prozess", wie Schmidt erzählt.
Nach seiner Entscheidung konnte er sich alle mögliche Tätigkeiten vorstellen, auch ein Sabbatical. Aber der Verein habe sich sehr bemüht und ihm den Posten des Sportchefs angeboten. Schmidt, der über ein gutes Netzwerk verfügt, kümmert sich fortan primär um die sportlichen Belange und die Kaderzusammenstellung. Gemeinsam mit Sportdirektor Lars Klümper, ein Wilhelmshavener Urgestein, will er den Klub erfolgreich in die Zukunft führen. Das heißt, mittelfristig strebt der Verein unter dem ambitionierten langjährigen Präsidenten Hans Herrnberger die Rückkehr in die Regionalliga an.
"Man kann uns gerne als Geheimtipp nennen"
Und tatsächlich zählt der SV Wilhelmshaven für Branchenkenner schon in der kommenden Saison zu den Favoriten auf den Aufstieg. "Man kann uns gerne als Geheimtipp nennen", schmunzelt Schmidt, sagt dann aber auch, dass das erste Ziel sei, "nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben."
Dass der Verein zu einem heißen Eisen werden kann, liegt vor allem an einigen Neuverpflichtungen. Während elf Spieler gegangen sind , kamen elf gestandene Spieler plus drei Perspektivspieler hinzu. Namentlich erwähnt seien hier Efkan Erdogan vom FC Union Bremen. Erdogan bringt aus seiner Zeit beim VfB Oldenburg Regionalligaerfahrung mit. Über die verfügt auch Enes Muric vom Oberligarivalen TuS Bersenbrück.
Prominentester Zugang und Königstransfer ist aber Yanni Regäsel von Westfalia Herne. Der 29-jährige ehemalige U-19-Nationalspieler ist gebürtiger Berliner. Für Hertha BSC und anschließend Eintracht Frankfurt kam er zu einigen Bundesligaeinsätzen. "Die Erwartungen an ihn sind groß. Das weiß er, das habe ich ihm deutlich gemacht", sagt Neutrainer Jahdadic. "Ich habe ihm aber auch gesagt, dass er wissen muss, mein verlängerter Arm auf dem Platz zu sein".
Multikulti-Truppe
Während sich viele Klubs der Oberliga damit rühmen, auf Spieler der Region zu setzen, stellt der Slowene Jahdadic klar: "Wir sind eine Multikulti-Truppe. Wir haben Spieler von überall." Tatsächlich treffen im Kader des SVW Menschen aus verschiedenen Kontinenten aufeinander: Die Spieler kommen aus den USA, der DR Kongo, Puerto Rico, Bosnien-Herzegowina, Kanada, Belgien, Rumänien oder England. "Wir werden oft dafür kritisiert, aber wir konkurrieren mit Klubs aus Osnabrück, Oldenburg oder Emden, deshalb geht unser Blick über die Region hinaus", erläutert Jahdadic.
Auf dem Platz hat der Klub einiges an Routine zu bieten. Anders sieht es beim Trainer aus, der erstmals die alleinige Verantwortung trägt. Bange machen aber gilt nicht. Er freue sich auf die neue Aufgabe, die er als Herausforderung sieht und für die er alles geben werde. "Das habe ich in meinen zwei Jahren als Co-Trainer gespürt. Zeitlich ist der Trainerjob noch einmal ein anderer Aufwand. Das habe ich bei Florian gesehen. Da reichen nicht 80 Prozent. Da musst du jeden Tag 120 Prozent geben."
Vielleicht liegt es an seiner slowenischen Herkunft, dass er schon immer danach strebte, über den Fußball etwas zu erreichen. Jahdadic kommt aus Domžale, fing dort beim NK Domžale mit dem Kicken an. Es ist derselbe Verein, in dem auch Benjamin Sesko sozialisiert wurde.
Disziplin als höchstes Gut
Und dann trifft Jahdadic, der gerade in Barsinghausen seine B-Lizenz erwirbt, eine Aussage, die viel über seinen Leistungsgedanken aussagt: "Wenn Du nicht Erster bist, ist das kein Erfolg für mich." Ein Satz, ehrgeizig, selbstbewusst, klar, ohne arrogant zu sein. Auf die Frage, welchen Fußball er spielen lassen wolle, antwortet er knapp: "Ich möchte taktisch modernen Fußball spielen lassen, mit viel Ballbesitz und vielen Toren." Das Wichtigste dabei aber sei Disziplin. "Disziplin ist das A und O!"
Es ist eine interessante Melange, die sich künftig im Norden Niedersachsens am Jadebusen bietet: Eine sportliche Leitung in Familienhand und ein neues, vielversprechendes Team. Dazu mit dem Jadestadion eine Heimspielstätte, über das der Sportchef wenig bescheiden schwärmt, es sei "das schönste Stadion der Oberliga".
Zu beweisen ist das nicht, andere Vereine mögen selbiges für sich beanspruchen. Aber mit einem Fassungsvermögen von rund 7.500 Zuschauern verspricht das Stadion eine besondere Atmosphäre. Es ist nicht verwunderlich, dass der SV Wilhelmshaven zum erweiterten Favoritenkreis auf den Aufstieg zählt. Sportlich ist es aber ein beschwerlicher Weg. Die Voraussetzungen neben dem Platz sind jedoch schon jetzt gegeben. "Die Infrastruktur ist super", betont Schmidt, der übrigens gebürtig aus Wilhelmshaven kommt.