Bei Konrad Laimer ist das sprichwörtliche Glas garantiert und zu jeder Zeit eher halbvoll als halbleer, da passte es am Mittwochabend vortrefflich, dass auch sein Mund eher halbvoll als halbleer war. "Ich hab‘ was zum Essen", meinte der Österreicher noch, während er auf seiner Semmel herumkaute, dann aber doch für ein paar Fragen in den Katakomben der Allianz-Arena stehenblieb.
Was genau auf dieser Semmel lag, blieb selbst für ihn undefinierbar. "Ich kann’s dir nicht mal sagen, schmeckt aber gut." Reicht ja in der Regel auch, Laimer hielt das verbliebene Eck dann aber trotzdem lieber zwischen Daumen und Zeigefinger und stellte fast schon stoisch fest: "Wir sind richtig gut."
Also die Bayern, und er deshalb auch. Denn Laimer, man vergisst das manchmal, spielt längst eine Hauptrolle in diesem Orchester voller Ausnahmefußballer.
Der 28-Jährige geht in seine dritte Saison beim deutschen Rekordmeister und hat mittlerweile selbst aufgehört, sich als zentralen Mittelfeldspieler zu bezeichnen, der durchaus auch rechts verteidigen oder der Mannschaft halt da helfen kann, wo er gebraucht wird. Laimer ist inzwischen ein Rechtsverteidiger, der vielleicht mal ins Mittelfeld vorrücken darf. Und der der Mannschaft definitiv überall hilft, wo er gebraucht wird.
"Ich glaube, es ist auch eine Qualität von mir, dass ich das machen kann", sagt Laimer selbst. Denn es ist ja nicht mehr so, dass er als Mittelfeldspieler meistens hinten rechts gebraucht wird. Sondern dass er als Rechtsverteidiger auch mal hinten links spielen muss. Wenn zum Beispiel, wie kurz nach der Pause beim 3:1 gegen Chelsea, der eigentlich lieber rechts verteidigende Linksverteidiger Josip Stanisic verletzt ausfällt. "Das passiert dann einfach", erklärt Laimer trocken. "Links oder rechts, da ändert sich nicht so viel."
Für ihn sowieso nicht mehr. Es wirkt eher so, als sei Laimer längst darauf programmiert, einfach zu funktionieren. Und besser noch: sogar gut zu funktionieren. "Am Wochenende durfte ich auch mal kurz linke Zehn spielen, hat auch Spaß gemacht", flachste der Österreicher, der sich mittlerweile sogar als "gelernten" Rechtsverteidiger bezeichnen würde: "Ich glaube, ich habe genug Spiele auf der Position."
„Der Konni hat ja jedes Spiel drei Chancen.“ (Kimmich über Laimer)
Tatsächlich waren es 50 von insgesamt 95 Einsätzen im Trikot des Rekordmeisters, die Laimer hinten rechts begonnen hat, obwohl er ja vor zwei Jahren tatsächlich mal als zentraler Mittelfeldspieler ablösefrei von RB Leipzig geholt wurde und für die Bayern immerhin 15-mal vor der Abwehr auflief.
Was damals, im Sommer 2023, als Kader-Ergänzung begann, ist längst eine Startelf-Verstärkung geworden. Laimer passt mit seinem Einsatz und seiner Energie perfekt in die Spielidee von Vincent Kompany, die voll darauf ausgelegt ist, den Gegner zu stressen, den Ball hoch zu gewinnen. Und weil es der Trainer von seinen Außenverteidigern verlangt, im eigenen Ballbesitz hochzustehen und ins Zentrum zu ziehen, darf Laimer wenigstens ab und zu noch eine Art Mittelfeldspieler sein.
Einer übrigens, der sich nicht nur über den Kampf und die Zweikampfstärke definiert (wie bei der Rettungstat gegen Enzo Fernandez, 7.), sondern auch fußballerische Akzente setzt. Laimer harmoniert auf "seiner" rechten Seite hervorragend mit Ausnahmespieler Michael Olise, bedient den Franzosen oder wird selbst mal gesucht. "Der Konni hat ja jedes Spiel drei Chancen", sagt Joshua Kimmich und grinst: "Jetzt muss er's nur noch schaffen, die Dinger reinzumachen."
Gegen Chelsea hätte Laimer in der 38. Minute auf Vorlage von Olise treffen können (oder müssen), zog aber flach am langen linken Eck vorbei. Rund 20 Minuten später war es der gelernte Rechtsverteidiger, der den kreuzenden Harry Kane im Sechzehner bediente - der dann wiederum an Chelsea-Keeper Robert Sanchez scheiterte.
Es ging auch so noch gut aus für Laimer, Kane und die Bayern, die ein erstes Ausrufezeichen in dieser Champions-League-Saison gesetzt haben. Ob sie, wie von Uli Hoeneß neulich mal vermutet, wirklich nur ein Außenseiter auf den Titel sind? "Ist mir eigentlich komplett egal", sagt Laimer. "Ich bin der Meinung, dass, wenn wir unser Spiel auf den Platz kriegen, wir gegen jeden gewinnen können."
Stanisic gibt zu früh Entwarnung
Das passiert aber eben nicht einfach so. "Wir müssen das ganze Jahr konstant Leistungen bringen", weiß Laimer, der kaum mit einem besseren Beispiel vorangehen könnte.
Der gegen Chelsea verletzt ausgewechselte Stanisic gab beim Verlassen der Arena kurz vor Mitternacht übrigens Entwarnung. "Alles gut", meinte der Kroate, er könne am Samstag in Sinsheim wieder spielen - was sich schon einen Tag später aber als zu voreilig herausstellte: Er fällt mit einer Teilverletzung des Innenbands am rechten Kniegelenk vorerst aus. Zum Glück ist Laimer da. Völlig egal, auf welcher Position.