Der VfB-Trainer hat Tiefs überwunden und kann eine Ära prägen
Diametraler hätte der Unterschied nicht sein können an diesem historischen Fußballabend in den Katakomben des Olympiastadions zu Berlin. Während die Spieler des VfB Stuttgart nach dem 4:2-Triumph Trainer Sebastian Hoeneß soeben vom Podium der Pressekonferenz mitten in den Partytaumel hinein entführt hatten, bewaffnet mit Schaumwein und DFB-Pokal, sprach Fabian Wohlgemuth ganz gelassen und ausführlich zu den Journalisten.
Dem neuen Trainer gelingt erstaunlich schnell die Trendwende
"Wir müssen uns wahrscheinlich neues Briefpapier zulegen, aber wir können es uns jetzt besser leisten", scherzte der Stuttgarter Sportvorstand in Anspielung auf die nun nötige Veränderung auf dem Briefkopf, wo der VfB künftig sich selbst künftig als vier- statt wie bisher als dreimaliger Cupsieger führen wird. "Wir haben etwas geschafft, das für ewig bleibt", sagt Wohlgemuth nicht ohne Stolz auf seine Arbeit, zu der eben auch gehörte, den Trainer Hoeneß mitverpflichtet zu haben in einer Phase, als kaum mehr einer einen Pfifferling auf den VfB setzte.
Man muss sich das im Angesicht des Triumphes von Berlin gegen ein aufopferungsvoll kämpfendes Arminia Bielefeld noch einmal vergegenwärtigen: Hoeneß, bis dato in der Bundesliga eher mittelmäßig erfolgreich auf einer allerdings auch komplizierten Trainerstation Hoffenheim, hatte den darbenden Traditionsklub als Ligaschlusslicht übernommen am 3. April 2023. Schon in seinem ersten Bundesligaspiel - zuvor zogen die Cannstatter an Tag drei (!) seiner Amtszeit mit einem 1:0 beim 1. FC Nürnberg ins DFB-Pokal-Viertelfinale ein - gelang Hoeneß mit einem 3:2 beim direkten Konkurrenten VfL Bochum die Trendwende.
Das 1:4 gegen PSG zog der Elf zwischendurch den Stecker
Das Besondere: Er rührte nicht den im Abstieg so beliebten Stahlbeton an, sondern ließ dieser talentierten, aber nicht selten phlegmatisch-egoistisch daherkommenden Truppe in einem atmenden System exakt die Freiheiten, die es brauchte, um deren fußballerisches Potenzial freizulegen. Ein Enzo Millot, dessen direkte Zukunft ungewiss scheint, etwa blühte auf, die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Der Rest ist Geschichte, auch wenn die nun folgende Kurzdarstellung im Prinzip nicht würdigend genug ist für die Arbeit von Hoeneß und dessen Assistenten David Krecidlo und Malik Fathi, der intern als "Kabinen-Manager" gilt: Klassenerhalt in der Relegation gegen den Hamburger SV, Vize-Meisterschaft inklusive (insgesamt achtbarer) Champions-League-Rückkehr, DFB-Pokalsieg.
Hoeneß hat sich binnen knapp 26 Monaten schon jetzt ein Denkmal in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gebaut. Zumal es dem 43-Jährigen gerade in der jüngsten Spielzeit gelungen ist, Tiefs zu überwinden. Da war etwa der Herbstblues 2024, als man meist ansprechende Darbietungen zeigte, sich aber in diversen Partien nicht belohnte. Und da war das 1:4 gegen Paris Saint-Germain am letzten Liga-Spieltag der Champions League, das dieser Mannschaft irgendwie den Stecker zog. Von Rang vier in der Bundesliga-Tabelle ging es zwischenzeitlich bis auf Platz 11 abwärts, sechs Heimspielniederlagen in Serie inklusive.
Hoeneß zog jeweils die richtigen Schlüsse
"Wir waren nicht mehr in der Lage, über lange Zeiträume unsere Leistung abzurufen, beispielsweise beim 1:2 gegen Gladbach. Oft klappte das nur 45 Minuten. Teilweise hatten wir sogar noch längere gute Phasen innerhalb der Spiele, es waren manchmal nur 20 bis 25 Minuten, in denen uns Spiele entglitten sind", blickte Hoeneß kürzlich im kicker-Interview auf diese Zeit zurück und vielleicht mag er tief in sich drin am Samstagabend nach dem Bielefelder Doppelpack einen bösen Gedanken an diese Tage verschwendet haben.
Der Fußballlehrer aber zog die richtigen Schlüsse. Sowohl in April und Mai, als rechtzeitig vor dem Saisonhighlight der Umschwung gelang mit drei Siegen in Serie im Bundesliga-Schlussspurt, als auch am Samstagabend, als er mit Nikolas Nartey für den erschöpften Angelo Stiller, den für seinen Stil wohl wichtigsten Profi im VfB-Gefüge, noch einmal eine frische Kraft brachte und Nick Woltemade und Co. mit auf den Weg gab, die Bälle zu schleppen, statt auf den finalen Punch zu gehen, was nicht unbedingt im Naturell dieser jungen, hochtalentierten Mannschaft liegt.
Die Millionen geben nun Spielräume in Sachen Personal
Nicht wenige wünschen sich, dass der 43-Jährige eine Ära im Ländle prägt und das ist angesichts der familiären Vergangenheit - Vater Dieter war einst Torjäger, dann Manager beim VfB, Hoeneß junior selbst schnürte als Jugendlicher die Stiefel für den Klub - nicht auszuschließen.
Zumal der Pokalsieg und die neuerliche Qualifikation für den europäischen Wettbewerb Stuttgart die realistische Option eröffnet, sich dauerhaft unter den Top 6 Deutschlands einzunisten. Die Millionen aus der Europa League geben Vorstandschef Alexander Wehrle, Wohlgemuth, Sportdirektor Christian Gentner, die sich als Rahmengeber des Erfolgs würdigen lassen dürfen, und Hoeneß, der als Erfolgscoach große Mitsprachemöglichkeiten genießt, Spielräume in Sachen Personal. Wobei auch hier Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, schließlich marschiert der Lizenzspieleretat stramm auf die 80 Millionen Euro zu.
Zudem: Hoeneß' Vertrag ist bis 2028 datiert. Das muss im Fußball nie etwas heißen, aber es macht die Hürden eines vorzeitigen Abschieds (für alle!) natürlich höher. Gewachsen sind diese nach den emotionalen Stunden von Berlin und im Abschluss daran in Stuttgart in jedem Falle.