Aus St. Gallen berichtet Gunnar Meggers
Zu weit fortgeschrittener Stunde stimmte Linda Dallmann am Freitag in der Mixed Zone des Kybunparks von St. Gallen noch eine Lobeshymne auf Jule Brand an. "Ich bin immer wieder fasziniert von Jule. Auch davon, was sie im Training zeigt und wie dominant sie gegen jeden Gegner spielt - egal gegen welche Nation. Gerade international hat sie sich enorm entwickelt und sie hat defensiv sehr stark mitarbeitet, viele Bälle für uns erobert", zählte die Spielmacherin des Deutschen Meisters FC Bayern nach dem 2:0-Erfolg im ersten Gruppenspiel gegen Polen auf. Brand hatte das erste deutsche Tor des Turniers mit einem tollen Distanzschuss in der 52. Minute erzielt und das 2:0 per Kopfball von Lea Schüller in der 66. Minute mit einer maßgenauen Flanke vorbereitet. Keine Frage: Brand war am Freitagabend die Matchwinnerin auf deutscher Seite.
Die von Dallmann so hoch Gelobte sah ihre Leistung aber durchaus kritisch: "Es war nicht mein bestes Spiel. So ein EM-Auftakt ist auch immer schwierig. Ich weiß aber, dass ich der Mannschaft helfen konnte mit meinem Tor und dem Assist", resümierte die 22-jährige Außenbahnspielerin, die in St. Gallen ihr 61. Länderspiel absolvierte (10 Tore).
Auch der Bundestrainer gab Brand einige kritische Worte mit auf den Weg. Und das schon in der Halbzeitpause. Christian Wück war nicht zufrieden mit Brands Positionierung. Er erklärte später: "Jule hat sich viel zu früh von außen nach innen bewegt. Wir haben ihr in der Halbzeit noch mal dargelegt, dass ihre Stärke im Eins-gegen-eins liegt und sie mit Tempo auf die Gegenspielerinnen zulaufen kann."
Brand nahm sich das zu Herzen. "Es freut mich unheimlich, dass sie gemerkt hat, dass unsere Tipps zu etwas gut sind", sagte der Bundestrainer mit einem Lächeln. "Jule hat für uns das Spiel entschieden. So wie sie in der zweiten Halbzeit gespielt hat, sind wir sehr zufrieden." Und die ehemalige Wolfsburgerin, die seit 1. Juli bei Olympique Lyon unter Vertrag steht, betont, dass sie "weiter kontant spielen, mich verbessern und meine Leistung bringen" will.
Der Schritt von Wolfsburg nach Frankreich soll nun in ihrer Entwicklung zum wichtigen Schritt werden. Beim VfL konnte Brand trotz ihres unstrittig sehr großen Potenzials nicht durchgehend überzeugen. "Ich glaube, dass Jule einen ganz großen Weg vor sich hat", prophezeit Dallmann und ergänzt: "Meiner Meinung nach haben wir mit Jule und Klara Bühl die zwei besten Außenspielerinnen im Turnier." Im zweiten EM-Gruppenspiel am Dienstag (18 Uhr) gegen Dänemark in Basel können die beiden offensiven Außenbahnspielerinnen das wieder unter Beweis stellen.