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Liverpool gegen Milan 2005: Wahnsinn, der erklärbar ist

kicker

Die Taktik hinter dem Spielverlauf

Starten wir vielleicht im Stau. Denn die eine Geschichte, die fast alle Augenzeugen des bisher wohl legendärsten aller Champions-League-Endspiele erzählen, hat mit erinnerungswürdigem Hochgenuss nur wenig gemein.

Kilometerlang stockt es am 25. Mai 2005 dank einer recht überschaubar durchdachten Infrastruktur auf den Wegen zum Atatürk-Olympiastadion auf einem Fleckchen Erde, wo Istanbul im Nordwesten längst ausfranst. Einige lassen ihre Fahrzeuge irgendwann einfach stehen und treten bei sehr sommerlichen Temperaturen einen kräftezehrenden Fußmarsch an. Fast wie zu biblischen Zeiten.

So streift man vielleicht die Legende von David und Goliath, die für die tapferen Fußgänger von Istanbul in etwa das ist, was sich vor inzwischen 20 Jahren dann sportlich zuträgt. Carlo Ancelottis AC Mailand mit Paolo Maldini, Cafu, Andrea Pirlo, Clarence Seedorf, Kaka, Andriy Shevchenko oder Hernan Crespo geht gegen Rafa Benitez' Liverpool, das in England 37 Punkte hinter Meister Chelsea nur Fünfter wird, schon nach 50 Sekunden in Führung. Und danach wird es nicht besser. Aufpassen, Reds, sonst gibt's eine richtige Reibe.

Benitez verzockt sich, weil er zu mutig ist

Natürlich verschwimmen viele Gegebenheiten mit der Zeit, gern gen Extreme. Tatsächlich ist Ancelottis Weltauswahl damals ein nachweislich verwundbarer Goliath, der in all den Jahren nur einen Scudetto holt und 2004 im CL-Viertelfinale gegen Deportivo La Coruna nach einem 4:1-Sieg im Hinspiel durch ein 0:4 im Rückspiel noch ausscheidet - was ihm im Halbfinale 2005 gegen die PSV Eindhoven beinahe wieder passiert (2:0, 1:3). Und Liverpool ist ein erprobter David, der durch seine kompakte Herangehensweise für alle Topteams unangenehm ist und sich auf dem Weg ins Finale etwa gegen Juventus Turin durchsetzt.

Doch grau ist alle Theorie, an Istanbuls Stadtgrenze werden die Scouser auseinandergespielt. Nach 45 Minuten führt ein problemlos überlegenes Milan mit 3:0 - und das geht auf Benitez' Kappe. Der David war mit kess gezücktem Stein nämlich zu forsch aufgelaufen.

Statt zu großen Respekt wählt Benitez zu viel Optimismus, und taktisch eine Art 4-1-3-1-1, was mehrere Absichten hat. Der Spanier will offensiv Druck machen und durch seine äußeren Mittelfeldspieler Luis Garcia und John Arne Riise, die sich aus dem Zentrum immer wieder auf die Flügel bewegen sollen, eine Überzahl auf den Außenbahnen erreichen, wo Ancelottis zentrumslastiges Milan lediglich seine Außenverteidiger stellt. Aber dann gibt es den Dämpfer in der 1. Minute und Entwicklungen, die Benitez' Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen.

Weil Liverpools eigene Außenverteidiger durch die nach außen orientierten Läufe der Mailänder Stürmer Shevchenko und Crespo - um dem Zehner Kaka Räume freizuziehen - vermehrt gebunden werden, können Garcia und Riise die Flügel zu selten verlassen. Das verschafft Milan im Zentrum Unmengen an Platz, den die tollen Einzelkönner zu nutzen wissen. Es ist ein Klassenunterschied.

Darüber hinaus geht Benitez' personelle Überraschung Harry Kewell - eine hängende Spitze, die Pirlos Wirkungskreise einschränken soll - überhaupt nicht auf, weil der Australier nach 23 Minuten angeschlagen ausgewechselt werden muss. Und Xabi Alonso ist als defensiver Mittelfeldspieler mit Kaka so sehr überfordert, dass Herzstück Steven Gerrard ihm viel zu oft helfen muss - und sich daher kaum offensiv einbringen kann.

Benitez, der sich seither oft erklärte, hatte sich in all seiner Zuversicht bewusst gegen den tatsächlich defensiven Mittelfeldspieler Dietmar Hamann entschieden - und nach 45 Minuten erkennen müssen, nahezu alles falsch gemacht zu haben. Zu spät?

Mit Hamann kommt die Wende

Nein. Liverpools pragmatischer Trainer erkennt seine Fehler, und er bereinigt sie mustergültig. Neben dem vielseitigen Vladimir Smicer, der für Kewell gekommen war, steht statt des ebenfalls angeschlagenen Rechtsverteidigers Steve Finnan mit Wiederbeginn nun auch Hamann auf dem Platz - was fast alles verändert.

Fortan spielen die Reds in einem 3-4-2-1, das ihnen vorzügliche Vorteile gestattet. Durch einen Dreier-Aufbau gegen zwei Mailänder Stürmer, durch höhere Außenbahnspieler, die diese Position auch halten dürfen, durch mehr Personal im Zentrum kriegt Liverpool mehr Zugriff, mit Hamann auch Kaka besser gepackt - und Gerrard von seinen Defensiv-Fesseln befreit. Die Dynamik des Kapitäns aus der Tiefe kommt schlagartig besser zur Geltung, und für die Rossoneri zu abrupt.

Beim 3:1 in der 54. Minute hat Milan Gerrard in neuer Rolle noch überhaupt nicht auf dem Schirm, ziemlich ungedeckt darf der Engländer einköpfen. Das 3:2 bewirkt der von rechts einrückende Smicer, durch den die Reds im Zentrum plötzlich nicht nur Gleichzahl, sondern sogar Überzahl haben - sodass der Tscheche in der 56. Minute in aller Seelenruhe aus der zweiten Reihe abziehen kann. Und Xabi Alonsos Elfmeter, dessen Nachschuss in der 60. Minute schon den unwirklichen Ausgleich bedeutet, kommt erneut durch den tief starteten Gerrard zustande, den Milan abermals nur stümperhaft verteidigt.

Selten hatten Anpassungen eines Trainers in einem Spiel von solcher Tragweite einen derartigen sofortigen Einfluss. Liverpool war von Wiederanpfiff an direkt mindestens auf Augenhöhe gewesen, und der Wahnsinn, die drei Tore in nur gut sechs Minuten, ließ sich schlüssig erklären. Zumindest jenseits aller mindestens 22 Gedankengänge des Faktors Mensch. Mit einem Mal wurden dem vermeintlich unantastbaren Milan die Grenzen aufgezeigt.

Ancelotti reagiert, Dudek schummelt

Zumindest vorübergehend. Zur Geschichte des Endspiels von 2005 zählt nämlich auch, dass ab der 60. Minute, ab dem Ausgleich, nur noch die Mailänder gute Chancen haben. Dass sich Ancelotti durch eine eigene Umstellung auf 3-4-1-2 und die Einwechslung von Serginho, woraufhin Benitez Gerrard wegen Smicers Tempodefizit zum rechten Schienenspieler macht, die Feldvorteile in der Verlängerung zurückholt. Und auch, dass der bis zu einer Wahnsinns-Parade gegen Shevchenko in der 118. Minute völlig unsicher auftretende LFC-Schlussmann Jerzy Dudek im Elfmeterschießen entscheidend schummelt.

Vom Polen, der zum unverhofften Helden avanciert, bleibt aus Istanbul zwar vor allem der seitliche Hampelmann in Erinnerung. Wenn man behauptet, dass es ein solches Finale seither nicht mehr gab, fußt das aber auch darauf, dass sich Dudek heute nicht mehr Stück für Stück zwei Meter von seiner Linie nach vorne bewegen dürfte, um zwei Elfmeter zu halten. Viel weiter mussten hinterher nicht mal die Schaulustigen zurück zu ihren Autos laufen.