Es sind die Momente, die vieles verändern, die eine Wende markieren können. Ostfriesland-Stadion in Emden: Der letzte Mittwoch im August. Zwischen Kickers und der FSV Schöningen steht es 1:1. Es läuft die Nachspielzeit. Als dem eingewechselten Tom Luca Winter der Lucky Punch zum 2:1 für die Gäste gelingt. Der kicker titelte damals: "Dicke Überraschung: Schöningen holt bei Mitfavorit Emden ersten Regionalliga-Sieg der Vereinsgeschichte". "Es war ein Super-Gefühl, das Ding noch gedreht zu haben - und das auswärts an einem Mittwochabend in Emden", sagte Kapitän Daniel Reiche damals überglücklich.
Wenn man so will, begann mit diesem Last-Minute-Sieg die Saison für Schöningen aufs Neue. Denn der Start für den Aufsteiger im Sehnsuchtsort "Regionalliga" war zuvor wie ein Albtraum verlaufen: Fünf Spiele, fünf Niederlagen, eine Tordifferenz von 1:15. Nun ist die Hinserie fast vorüber und Schöningen steht bei noch einem Nachholspiel gegen BW Lohne auf dem 13. Platz. "Wir wussten vorher, dass es schwer wird. Wir haben gebraucht, um in der Liga anzukommen", erklärt Trainer Christian Benbennek den desaströsen Saisonbeginn. "Aus den letzten elf Spielen haben wir 18 Punkte geholt. Das ist ein toller Schnitt für uns. Das ist gut."
„Ich bin unheimlich glücklich, dass ich Christian habe. Das ist ein unheimlich professioneller Mann, ein richtig guter Trainer.“ (Präsident Karsten Kräcker über Christan Benbennek)
Die große Krise, die von einigen in Schöningen rund um das Elm-Stadion schon ausgerufen wurde, war für die Verantwortlichen im Verein ohnehin nie existent. In einen hochnervösen Schnappatmungs-Reflex verfiel auch Klubboss Karsten Kräcker nicht. "Natürlich gibt es dann immer welche, die fragen, brauchst Du einen neuen Trainer, oder die sagen, ihr müsst einen neuen Trainer holen. Ich bin unheimlich glücklich, dass ich Christian habe. Das ist ein unheimlich professioneller Mann, ein richtig guter Trainer - und der hat uns dahin gebracht, wo wir momentan sind. Da muss man auch mal Ruhe bewahren und auch mal dankbar sein, was man geschaffen hat. Man muss auf dieser Basis weiterarbeiten, keinen Aktionismus betreiben und den Trainer entlassen. An dem hat es mit Sicherheit nicht gelegen."
Tatsächlich ist und bleibt Benbennek so etwas wie der Zellkern bei der FSV Schöningen. Er hat den Verein in die Regionalliga gebracht, er hat das Tief gemeistert. Mit all seiner Erfahrung aus über 20 Jahren professionellem Trainer-Dasein, unter anderem beim SV Ried in der österreichischen Bundesliga. "Das Wichtigste ist, dass Du in der Zeit ruhig bleibst. Ein mentales Problem gab es nicht. Wichtig ist, dass die Stimmung in der Mannschaft gut bleibt, dass sie an sich glaubt."
Leise Kakofonie von Außen ließ er gar nicht an sich ran. "Wenn ich mich unter Druck gefühlt hätte, selbst dann hätten wir es so weitergemacht. Nichts ist schlimmer als ein Trainer, der sich unter Druck gesetzt fühlt oder denkt, er muss jetzt Ergebnisse bringen, um seinen Job zu behalten. Diesen Druck gibt man gerne mal an die Mannschaft weiter. Das ist genau das, was im Abstiegskampf schnell passiert. Du gibst ihnen das Gefühl, wenn ihr jetzt verliert, dann bin ich arbeitslos morgen. Und plötzlich sind alle verunsichert. Das waren wir nie."
Um den Turnaround zu schaffen, erzählt Benbennek weiter, sei man immer im Thema geblieben. "Wir haben die ganze Zeit die Mannschaft mit neuen Inhalten im Training weitergebracht: Vier gegen drei. Fünf gegen zwei. Zwei Viererketten verteidigen zehn Leute. Wenn Du draufhaust, dann kann keiner mehr Fußball spielen. Ich habe gesagt: Bleibt ruhig. Es ist völlig uninteressant, und wenn wir noch zwei verlieren, das ist nicht wichtig, wir gehen den Weg weiter."
Kurze Vorbereitung
Dass sich Schöningen anfangs überhaupt nicht zurechtfand in der vierthöchsten deutschen Spielklasse, hat für Benbennek mehrere Gründe. Die Fußball-Sport-Vereinigung hatte aufgrund der Aufstiegsrunde nur eine kurze Pause und Vorbereitung. "Aber vor allem mussten sich auch die Jungs, die schon Regionalliga oder sogar höher gespielt haben, erst wieder an die Liga gewöhnen." Und durch die Oberliga-Saison sei ihnen die Adaption noch mal schwerer gefallen, da das Spiel in der Regionalliga deutlich intensiver, dynamischer und körperlicher ist. "Große Probleme hatten wir am Anfang insbesondere in puncto Handlungsschnelligkeit. Nun sind wir reingewachsen in die Liga."
Als eine Erschwernis sieht Benbennek die englischen Wochen im Spielplan. "Wir haben nicht die Profi-Bedingungen, die nötig sind, um da frisch durchzukommen." Der Inhaber der UEFA-Pro-Lizenz spielt dabei auf die nötige Regeneration an. "Im Normalfall trifft man sich in einer englischen Woche gleich am Morgen nach dem Spiel, damit die Jungs zum Physiotherapeuten und zum Masseur gehen können, damit sie Sauna und Eisbäder nutzen können. Wir müssen damit bis 18 Uhr warten. Und da haben die Spieler schon wieder einen Acht-Stunden-Arbeitstag in den Knochen. Die Regenerationszeit verlängert sich dadurch."
Auch wenn der Sportdirektor und Trainer in Personalunion hier einen Punkt hat, generell befindet sich die FSV in einer Transformation. Der Verein wachse gerade mit. Die Rahmenbedingungen seien deutlich besser geworden. So war der Trainingsplatz bisher nur zur Hälfte mit einer Flutlichtanlage ausgestattet. Jetzt ist er vollständig ausgeleuchtet. Es gebe zudem eine neue Gästetribüne mit circa 1000 Stehplätzen. Um den Event-Charakter zu verstärken, ist für interessierte Zuschauer und Sponsoren neuerdings ein VIP-Bereich verfügbar. "Das sind alles Schritte, um in dieser Liga konstant Fuß zu fassen. Wir haben aber noch in allen Bereichen Luft nach oben", beurteilt Benbennek den Status quo.
Sein Chef und Präsident freut sich speziell über die Zuschauer-Resonanz. "Wir haben immer mehr Auswärtsfans. Die Jungs sind am Samstag früh um 6 Uhr mit dem Zug nach Lübeck zum Spiel bei Phönix gefahren. Das sind Sachen, die waren vor fünf Jahren undenkbar. Da hatten wir vielleicht 100 Zuschauer, jetzt haben wir 1000 zu Hause." Und das Ende der Fahnenstange im Hinblick auf Zuschauer und Infrastruktur hält der ehrgeizige Vereinschef noch lange nicht für erreicht.
Unter diesen Aspekten blickt er auch häufig auf die Konkurrenz. Wie läuft es da, was machen die? Als ein Paradebeispiel und Ansporn sieht er den SV Meppen. "Es ist richtig klasse, was die da aufgebaut haben - mit VIP-Bereich und Infrastruktur." Kräcker - ein Mann mit klaren Zielen: "Ich sage es auch meinen Kindern: Der Preuße guckt immer nach vorn und nach oben." Diese Redewendung über Stolz und Selbstbewusstsein sieht er auch als Leitbild in Schöningen.
„Wenn Du am Ende Siebter, Achter oder Neunter bist, das wäre Weltklasse in der ersten Saison.“ (Präsident Karsten Kräcker)
Das Fundament für die weitere Entwicklung jedoch bleibt der sportliche Erfolg. Bis zur Winterpause erhofft sich Kräcker noch mindestens einen Sieg. Für den Aufsteiger kommen jetzt genau die Spiele, die am Anfang alle verloren wurden. Ein Programm, das es in sich hat: Werder Bremen II, Hannover 96 II, Drochtersen/Assel, Jeddeloh II, Meppen. Aber vielleicht braucht es wieder diesen einen Moment, um einen dieser Dickschiffe zu schlagen. Es könnte einen weiteren Wendepunkt markieren. Dass noch mehr geht in der Liga. Denn auch wenn das oberste Ziel der Klassenerhalt bleibt, so liebäugelt der Präsident mit mehr. "Wenn Du am Ende Siebter, Achter oder Neunter bist, das wäre Weltklasse in der ersten Saison."