Kommentar zu Paris' CL-Triumph
Normalerweise blinkt der Eiffelturm einmal alle 60 Minuten, immer zur vollen Stunde ab Einbruch der Dunkelheit. In dieser Nacht, der vom 31. Mai, 25 Jahre nach Einführung dieses Lichteffektes, musste das Pariser Denkmal an der Seine jedoch fünfmal öfter ran. Denn das hatte die Stadt zuvor verkündet: Bei jedem Tor, das Paris Saint-Germain im Champions-League-Finale gegen Inter Mailand erzielt, würde der Turm in den Klubfarben erleuchten, zur Feier des Treffers - und des Triumphes. Dabei ist diese pompöse Geste nicht einmal übertrieben, wenn man die Tragweite dieses Erfolges einordnet. Und seine Schattenseite.
Ein unglaublich dominantes Auftreten, ruhig, berechnend, immer richtig positioniert, bescherte Paris diesen Sieg. Gerade in der ersten Hälfte bestachen die Hauptstädter durch eine Organisation, die Inter völlig überforderte. Paris überlud jede Position, kreierte so in den meisten Situationen eine Überzahl. Das 1:0 wurde fast zur Nebensache. Viel schöner und wichtiger war, wie souverän Vitinha zunächst Desiré Doué fand, der ebenfalls die Übersicht behielt und Achraf Hakimi bediente. Das 2:0, klasse vom Ex-Frankfurter Willian Pacho eingeleitet, war die Vorentscheidung.
Das zeigt: Paris profitiert enorm von der Spielidee Luis Enriques, ein hohes, variables Pressing, gepaart mit Spielern, die sich komplett seinem Plan verschreiben.
Die Millionen werden nicht mehr nur verpulvert
Ein Drama blieb also aus, zu dominant agierte PSG. Dennoch ist dieser Begriff bewusst gewählt, denn es gibt kaum eine Branche, die dem Theater im Vokabular so sehr ähnelt wie der Journalismus. Wie oft sprechen wir von (Selbst-)Darstellern, die in der Champions League, Pardon, der großen Bühne ihre besten Leistungen oder, nun ja, Performances abrufen? Gerade bei Paris Saint-Germain war das in der Vergangenheit häufig der Fall, Kritik gab's an dem Glanz, dem Glamour, dem Geld. Insbesondere Letzteres floss in Strömen in die Mannschaft und deren - Achtung - Protagonisten. Seit zwei Jahren jedoch wird es nicht mehr sinnlos verpulvert, sondern gezielt eingesetzt - eine Maßnahme, aus der nun der Titel in der Königsklasse resultiert.
Aber ja, den Zuschauern - oder: dem Publikum - wurde ordentlich etwas geboten in München, wie schon die gesamte Rückrunde. Denn seit dem Winter haben die noch jungen Pariser einen Sprung gemacht, der sie direkt ins Finale katapultiert hat. Und das früher als gedacht. Ursprünglich hatten sich die Bosse vor zwölf Monaten einen Zweijahresplan und ein neues Narrativ zurechtgelegt. Der Auftrag: Champions-League-Sieg und eine Mannschaft des Volkes, mit zahlreichen Pariser Talenten und noch mehr französischen Youngstern.
Hat geklappt, siehe Doppeltorschütze Doué (19), Bradley Barcola (22), Warren Zaire-Emery (19) oder der Schütze zum 5:0 Senny Mayulu (19). Sicher, die beiden Letzteren kamen zuletzt kaum zum Einsatz, einerseits wegen ihrer Jugend, andererseits, weil die Stammelf schlicht zu eingespielt und souverän agierte. Auch im Finale von München. Und selbst da standen die zwar nicht französischen, aber dafür ebenso jungen Portugiesen Joao Neves (19) und Nuno Mendes (22) in der Startelf.
Die Schattenseiten des Erfolges
Und ja, die PSG-Mannschaft - oder: das Ensemble - verströmt nicht mehr den einst als Erfolgsformel ausgemachten Glamour, statt einer Ansammlung von Stars agierte ein Team mit einem klaren Plan auf dem Platz. Statt eines Zlatan Ibrahimovic und David Beckham zu Beginn oder zum Ende hin eines Neymar und Lionel Messi standen bei diesem Königsklassentriumph weniger klangvolle, dafür umso hochwertigere Spieler auf dem Feld.
Aber klar, auch ein Barcola war teuer, kostete um die 50 Millionen Euro, ein Doué (60 Millionen), ein Pacho (40 Millionen) waren auch nicht günstig. Sie wurden finanziert durch die Petrodollars des katarischen Staatsfonds, investiert vom streitbaren Präsidenten Nasser Al-Khelaifi. Ein Mann, der bereits Twitter-Kampagnen gegen ungeliebte Gegner startete, gegen den wegen des Verdachtes der Bestechung ermittelt wurde. Die Schattenseite des Erfolgs. Wenn man sich solche Rohdiamanten einkauft und sie zu Topstars formt, ist das jedoch kaum ein Thema. Und selbst der Verlust eines Kylian Mbappé keine Schwächung. Oder gar eine Stärkung?
Denn das Ego des nach Madrid abgewanderten Superstars überschattete bisweilen das Team, ihm gebührte die ganz große Bühne. Jetzt gehört sie seinen Ex-Kollegen. Ganz ohne Theater.