Für Manuel Neuer ist es eine nette Tradition geworden, in den Katakomben der US-amerikanischen Arenen noch ein bisschen länger zu warten, bevor es nach der Dusche in den Mannschaftsbus geht. Der Torhüter des FC Bayern nahm sich sowohl nach jedem Gruppenspiel als auch nach dem Achtelfinal-Duell mit Flamengo am Sonntag (4:2) noch etwas Zeit, um mit dem gegnerischen Keeper zu plauschen - und ein Erinnerungsfoto zu knipsen.
Neuer, der sein Trikot jedes Mal aushändigt, strahlt auf diesen Bildern, so wie ganz generell während dieser Klub-WM. Erst am 33. Bundesliga-Spieltag gegen Mönchengladbach feierte der Bayern-Kapitän sein Comeback, meldete sich beim 2:0 mit einer herausragenden Leistung zurück und scheint mit 39 Jahren gerade wieder so gut drauf zu sein wie lange nicht.
Regelrecht gelöst präsentiert sich Neuer in den Mixed Zones von Cincinnati, Miami und Co., ist zu Scherzen aufgelegt und genießt offensichtlich jede Minute auf und neben dem Platz, nachdem er vor nicht allzu langer Zeit noch um seine Karriere bangen musste.
„Das sind Situationen, in denen man einfach impliziertes Wissen hat.“ (Neuer über seinen Reflex gegen Luiz Araujo)
Aufgefallen war dem fünfmaligen Welttorhüter zum Beispiel, wie Joshua Kimmich in der 15. Minute des Achtelfinals gegen Flamengo die Fäuste ballte und schrie, als hätten die Bayern gerade ein Tor erzielt. Dieses Mal jedoch feierte Kimmich nicht das Tor von Harry Kane oder seinen eigenen Assist zum 1:0, sondern die Parade von Teamkollege Neuer, der gegen Luiz Araujo spektakulär den frühzeitigen Anschlusstreffer der Brasilianer verhindert hatte.
"Das ist ein Reflex", erklärte der Hauptprotagonist später selbst. "Wir haben das so ähnlich schon mal gesehen beim Kopfball in London (gegen Arsenals Theo Walcott, Champions-League-Gruppenphase 2015) oder beim Schuss von Cristiano (Ronaldo) in der Allianz-Arena (beim Champions-League-Viertelfinale 2017, Anm. d. Red.). Das sind Situationen, in denen man einfach impliziertes Wissen hat. Das sind Abläufe, die man trainiert hat und die irgendwann mal funktionieren aus der Nah-Distanz. Wichtig ist, den Körper so anzuspannen, dass die Hand nicht nach hinten fliegt, sondern ich genug Widerstand aufbaue."
Was gegen Flamengo wieder mal beispielhaft gelang, wie zuvor schon in den Partien gegen Boca (2:1) oder Benfica (0:1). Nur den tatsächlichen Anschluss, Gersons Schuss mit "ungefähr 170 km/h" (O-Ton Neuer) konnte Bayerns Keeper nicht mehr halten. "Es war brutal, wirklich", musste er gestehen und lächeln. "Ich hab den Ball gesehen, hab versucht, die Hände hochzureißen, hab meinen Kopf oben behalten und versucht, dass er eventuell noch meinen Kopf berührt, aber das ging zu schnell."
Auch beim erneuten Anschlusstreffer, den der italienische Europameister Jorginho vom Elfmeterpunkt besorgte, blieb Neuer chancenlos, ansonsten hielt er, was es zu halten gab. Lächelte nach Schlusspfiff in diverse Kameras, posierte für Fotos. Und fuhr dann irgendwann mal davon - bereit fürs nächste Spektakel.