Aus Basel berichtet Paul Bartmuß
Da stand sie also und wartete. Die Minuten verstrichen, und Sjoeke Nüsken hielt den Ball fest in ihren Händen. Wie wohl ihr Puls pochte? "Gar nicht so sehr", meinte Nüsken hinterher, als sie danach gefragt wurde. Außerdem kam es ja auch vorerst gar nicht darauf an. Nach langer VAR-Prüfung nahm Schiedsrichterin Catarina Ferreira Campos aus Portugal den Handelfmeter wieder zurück und entschied auf Freistoß.
Aufgehoben wurde Nüskens DFB-Debüt aus elf Metern aber nicht, nur aufgeschoben. Denn 20 Spielminuten später zeigte Ferreira Campos schon wieder auf den Punkt. Vor der Partie seien die beiden Co-Trainerinnen Saskia Bartusiak und Maren Meinert auf Nüsken und Interimskapitänin Janina Minge zugekommen und hatten die beiden in Abwesenheit von Spezialistin Giulia Gwin zum neuen Elfmeterschützinnen-Duo bestimmt.
Nüskens Nervenstärke beeindruckt Hoffmann
"Jani und ich haben einfach gesagt, wir gucken im Spiel, wer sich im Spiel besser fühlt", berichtete Nüsken: "Ich wollte eine gute Aktion haben, habe mir den Ball genommen, hatte ein gutes Gefühl dabei und habe ihn reingemacht."
So einfach konnte man das natürlich auch beschreiben. Stürmerin Giovanna Hoffmann zeigte sich "sehr, sehr beeindruckt" von ihrer Teamkollegin, denn es sei "mental eine herausfordernde Situation" gewesen: "Ich habe auch schon genügend Elfmeter geschossen. Sich beim zweiten Mal noch mal den Ball zu nehmen und den in so einer Situation reinzumachen, ist einfach bemerkenswert."
Schließlich lag die deutsche Mannschaft zu dem Zeitpunkt zurück und hatte mit allerlei Widerständen zu kämpfen. "Sjoeke ist für uns als Spielerin, als Charakter extrem wichtig. Sie bringt so viel Ballsicherheit und Spielübersicht mit", lobte Hoffmann: "Sie verlagert die Bälle gut - und man kann sich darauf verlassen, dass sie als Bindeglied auch mit Elisa zusammen gut funktioniert."
Gemeint war die andere defensive Mittelfeldkraft: Elisa Senß. Auch wenn beiden technisch längst nicht alles gelang, waren sie doch wieder präsent, gingen voran und legten Kilometer auf dem Rasen zurück. Senß wirkte höchst engagiert mit teils überharter Zweikampfführung, als wolle sie diesmal ganz besonders etwas beweisen.
"Sie ergänzen sich sehr gut", befand Bundestrainer Christian Wück und kritisierte milde: "Trotzdem finde ich, dass sie in der ersten Hälfte immer noch ein paar Zehntelsekunden zu lange für Entscheidungen gebraucht haben. Wenn sie da zweifeln oder sich zu spät entscheiden, dann verlieren sie Zweikämpfe." Dazu kamen immer wieder Unsauberkeiten im Passspiel.
Im zweiten Abschnitt sei das besser geworden. Trotzdem: Die Zweikampfquoten von Nüsken und Senß betrugen insgesamt jeweils 40 Prozent - kein Glanzwert im defensiven Mittelfeld. Gegen Polen hatte Nüsken noch 62 Prozent ihrer Duelle gewonnen, Senß auch da nur 43 Prozent.
„Das ist im Moment noch der Unterschied zwischen uns und den absoluten Spitzenmannschaften.“ (Christian Wück)
"Wir müssen trainieren", betonte Wück: "Wir haben in den ersten beiden Spielen gesehen: Wenn Druck da ist, wenn die Nervosität zunimmt, müssen wir auf unser höchstes Level kommen." In diesen Situationen gefalle ihm weder die Passqualität noch die Ballannahme.
Wück warf mit Recht einen Blick zu den anderen Top-Nationen: "Das ist im Moment noch der Unterschied zwischen uns und den absoluten Spitzenmannschaften, wenn ich jetzt an Frankreich und Spanien denke." Das Trainerteam werde das Thema jedenfalls angehen.
Mit dem Jubeln klappte es wiederum bestens. Nüsken setzte nach ihrem Ausgleich den imaginären Telefonhörer an - und erklärte es hinterher. Beim FC Chelsea habe sie mit Stürmerin Mayra Ramirez ein paar Torjubel einstudiert. "Wir haben gesagt, dass wir es trotzdem weiterhin machen, egal ob sie in Kolumbien ist und ich hier."