Klassenerhalt ist für den FCH wie ein Titelgewinn
Der Nachschlag ließ den Klub auf der Ostalb und alle, die es mit ihm halten, die ganze vorausgegangene Saison im komprimierten Zeitraffer noch mal durchleben. So wie die meisten der vorausgegangenen 46 Pflichtspiele war die Relegation ein wildes Auf und Ab - mit Haareraufen ob vieler vergebener Chancen, mit der Verzweiflung ob der durch Lücken in der Abwehr ermöglichten Rückstände, mit dem prompten Wiederaufstehen, mit den Aufholjagden, die anders als in der Relegation oftmals nicht glückten - somit passt es wunderbar ins Bild, dass der entscheidende Treffer zwölf Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit fiel, nach seinem zweiten gut vorgetragenen Angriff in der zweiten Hälfte überhaupt. "Drama können wir gut", fasst Kapitän Patrick Mainka den Montagabend zusammen und damit wie erwähnt die ganze Spielzeit.
Dass es aber überhaupt zu so einem Drama kommen konnte, hätten die wenigsten vermutet, allen voran diejenigen, die dem FCH ein Jahr zuvor nach seinem erstmaligen Bundesliga-Aufstieg bereits das Etikett "chancenlose Eintagesfliege" anhefteten.
Und vor der vergangenen Saison sah es nach dem zuvor geschafften "Wunder von Platz 8" und dem damit verbundenen Ticket fürs internationale Geschäft vermeintlich nicht viel besser aus. Das begann mit dem Verlust von Leistungsträgern, auf deren Konto rund 70 Prozent aller Tore und Assists gingen, setzte sich mit dem damit verbundenen Umbruch fort mit Zugängen, von denen die meisten ihre Bundesliga-Tauglichkeit noch nicht nachhaltig bewiesen hatten. Und als wäre dies nicht schon genug, gab es obendrauf noch die ungewohnte Doppelbelastung durch die Conference League. Verdammt viel fürs angeblich verflixte zweite Jahr nach einem Aufstieg und erst recht für einen Verein, der im Vergleich zu den Möglichkeiten der allermeisten Konkurrenten mit "klein" noch nicht mal treffend beschrieben wird.
Und mitunter sah es auch so aus, als würde dieses Gesamtpaket den FCH in der Tat in die Knie zwingen. Allen voran nach dem 24. Spieltag, als nach einem deprimierend chancenlosen 0:3 zu Hause gegen Gladbach die Elf von Trainer Frank Schmidt erstmals überhaupt auf den letzten Platz rutschte. Selbst so manchem eingefleischten FCH-Fan ist an jenem Tag der Optimismus abhandengekommen. Was indes bei allen Nackenschlägen nie flöten gegangen ist: der Zusammenhalt aller im und um den Verein herum. Und selbstredend auch das, was Schmidt gerne als Widerstandsfähigkeit bezeichnet - eine Tugend, die der Trainer in seinen 18 Jahren in der Mannschaft mit mittlerweile längst tiefen Wurzeln implantiert hat.
So gesehen konnte auch nur Leo Scienza zum Mann der Relegation avancieren. Der 26-Jährige, dessen Stammplatz in der Rückrunde meist die Bank war, hatte an allen vier Toren des FCH entscheidende Aktien - und nachdem er drei vorbereitet hatte, sorgte er für das entscheidende selbst. Das Happy End für Heidenheim wie auch für den lebensfrohen Brasilianer, der auf eine wechselhafte erste Saison auf der Ostalb zurückblickt.
Spektakuläre Auftritte, aber zunächst ohne Effizienz
Im Sommer kam er aus dem rund 50 Kilometer entfernten Ulm als bester Scorer und auffälligster Akteur der 3. Liga. In der Vorbereitung trumpfte er so selbstbewusst auf, als hätte er nie auf einem anderen Niveau gespielt. Und der ein oder andere vermutete insgeheim, dass er trotz seines Zwei-Ligen-Sprungs einfach da weitermachen würde, wo er aufgehört hatte. Zunächst fütterte er diese Vermutung mit auf den ersten Blick spektakulären Auftritten, denen jedoch mitunter die Effizienz abging. Und auch in puncto Durchsetzungsvermögen und Einlegen des Rückwärtsganges waren Defizite unverkennbar, eben so, wie es bei einem Spieler in der Regel der Fall ist, wenn er als Rookie in der Bundesliga aufschlägt.
"Er hat Prügel einstecken müssen"
Doch während sich Scienza bei den allermeisten seiner vorausgegangen Stationen im zweiten Halbjahr steigern konnte, stagnierte er beim FCH nach der Winterpause nicht nur, er baute ein Stück weit ab. Die Folge: Er bekam deutlich weniger Spielzeit, und wenn er denn zum Einsatz kam, war seine Wirkung oftmals überschaubar, auch wenn sein großes Potenzial immer zu erkennen war. "Es war keine einfache Zeit für ihn. Er hat Prügel einstecken müssen, aber Kritik ist bei mir auch immer ein Zeichen von Wertschätzung. Und er hat sie angenommen und ist gestärkt daraus herausgegangen. Für solche Spieler bin ich immer dankbar", lobt Schmidt seinen spielstarken Irrwisch, der ihm bei seiner Auswechslung kurz nach dem 2:1 jubelnd in seine Arme gesprungen ist.
Apropos Sprung: Ein Abstieg hätte für den FCH zwar keinen Absturz ins Ungewisse bedeutet, dafür ist er viel zu solide und gut aufgestellt. Die Zukunft jedoch wäre deutlich komplizierter geworden. Logisch, das bringt eine Etatkürzung des Gesamtvereins von rund 80 auf 40 Millionen Euro von Haus aus mit sich. Siehe die auf den Weg gebrachte Verbesserung der Infrastruktur vom Ausbau des Stadions bis hin zum Bau eines Internats fürs NLZ - sie wären zwar nicht grundsätzlich gestoppt worden, doch das Tempo beim Umsetzen hätte gedrosselt werden müssen.
"Ausnahmesituation Bundesliga"
Und was ein Abstieg für Auswirkungen auf die rasante sportliche Entwicklung der vergangenen Jahre gehabt hätte, wäre nicht abzusehen gewesen. Kein Wunder also, dass Vorstandsboss Holger Sanwald dem noch dazu unter solch erschwerten Bedingungen geschafften "Klassenerhalt einem Titelgewinn" gleichsetzt. Drei Tage vor dem Rückspiel feierte der 58-Jährige übrigens ein in der Fußballbranche außergewöhnliches Jubiläum: Vor 30 Jahren übernahm er als Spieler der in der Landesliga kickenden Ersten die Abteilungsleitung Fußball - mit einem Etat von 80 000 Mark. Im Hier und Jetzt arbeitet er nun mit einem Gesamtetat von rund 80 Millionen Euro mit Hochdruck daran, dass der FCH "die Ausnahmesituation Bundesliga" auch im dritten Jahr mit Erfolg meistert - und dafür würden er und alle Mitstreiter selbstredend auch den Umweg Relegation in Kauf nehmen.