Kuntz und der HSV hatten am Freitagmorgen, zwei Tage nach Silvester, für einen echten Knalleffekt gesorgt, der sofortige Rückzug des Sportvorstandes erfordert ein komplettes Umdenken - auf sportlicher Ebene, wo in diesem Januar Transferentscheidungen anstehen und auch für den Aufsichtsrat: Dieser hatte nämlich eigentlich das Ziel, den Vertrag mit dem Europameister von 1996 vorzeitig zu verlängern. Kuntz' bis 2026 befristeter Kontrakt hatte eine Option, nach dem er im Falle des Klassenerhalts ein weiteres Jahr gelaufen wäre. Die Räte aber wollten vorzeitig Fakten schaffen, vor dem Weihnachtsurlaub schienen die Gespräche auch in die richtige Richtung zu gehen.
Der Aufsichtsrat wollte zu Jahresbeginn eigentlich verlängern
Einen Sinneswandel hat es seitdem bei keiner der beiden Seiten gegeben, tatsächlich hat, wie im gemeinsamen Statement verlautbart, die familiäre Situation bei Kuntz den Ausschlag zum sofortigen Rückzug gegeben. Statt die angestrebte Verlängerung zu finalisieren, müssen die Kontrolleure nun einen Nachfolger suchen. "Die Zeit zwischen den Jahren war kein sanfter Ausklang", sagt Aufsichtsratsboss Michael Papenfuß auf der Vereinswebsite. "Es haben viele Gespräche in unterschiedlichen Konstellationen stattgefunden." Die daraus entstandene Situation wertet er nicht als Rückschlag, räumt aber ein: "Es ist eine Herausforderung."
Der Transfer-Januar wird durch den Kuntz-Rückzug zumindest nicht massiv beeinflusst. Als Sportvorstand war der 63-Jährige ein Gesicht des HSV und prägend für die Ausrichtung, bei der Kaderplanung aber trugen bereits in der Vergangenheit Sportdirektor Claus Costa und Chefscout Sebastian Dirscherl ein hohes Maß an Verantwortung. Klar ist: Das Duo ist in den kommenden Tagen gefordert.
Jonas Meffert war schon beim Auftakttraining nicht mehr dabei, steht nach viereinhalb Jahren vor einer Rückkehr zu Holstein Kiel, muss aufgrund des Angebots im zentralen Mittelfeld aber nicht ersetzt werden. Anders sähe es im Falle eines Abflugs von Daniel Peretz aus. Die Bayern-Leihgabe fehlte am Freitag zwar wegen Anreiseproblemen aus dem Weihnachtsurlaub und ist noch nicht in England, ein Leihabbruch und Wechsel nach Southampton aber steht bevor - und der HSV will hinter Daniel Heuer Fernandes nicht allein auf die Youngster Hannes Herrmann und Fernando Dickes vertrauen. Dazu kommt die größte Aufgabe dieses Winters: Die Verpflichtung eines neuen Stürmers.
Warme Worte zum Kuntz-Abschied von Polzin
Merlin Polzin hat die Entscheidung von Kuntz am Freitag mit Bedauern kommentiert, deutet aber an, dass sie für ihn zumindest nicht völlig überraschend kam. "Stefan und ich hatten und haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis", sagt der Trainer. "Wir haben uns immer auch über familiäre Situationen ausgetauscht, und von daher wusste ich um die eine oder andere Situation." Der 35-Jährige wählt warme Worte zum Abschied von jenem Mann, der ihn im vergangenen Winter zum Chefcoach gemacht hatte: "Ich bin extrem dankbar für die Erfahrungen, die wir gemacht haben, dass Stefan mir Vertrauen geschenkt hat, dass wir gemeinsam aufgestiegen sind, und, dass er in schwierigen Phasen seine Erfahrung eingebracht hat." Vor allem in der Endphase des Aufstiegskampfes in der Vorsaison war der Ex-Profi nah an Mannschaft und Trainerteam herangerückt, hat Expertise und Lockerheit eingebracht.
Obwohl Papenfuß darauf vertraut, dass der Alltag kurzfristig auch ohne Kuntz zu bewältigen ist, weil sich die gesamte Organisation in der zurückliegenden Zeit als sattelfest erwiesen hat, ist klar, dass er dem vorläufig allein verantwortlichen Finanzvorstand Eric Huwer einen neuen Partner zur Seite stellen wird. Eine Beförderung von Costa, der erst im November unter Kuntz verlängert hatte, ist aktuell kein Denkmodell. "Wir sehen uns aktuell sehr gut aufgestellt, aber wir haben im Aufsichtsrat begonnen, uns auszutauschen."