Noch lange nach Spielschluss standen die in gelb gekleideten Verlierer vor ihrer Fankurve und ließen sich feiern. Die Zuschauer auf der Haupttribüne standen und applaudierten. Keiner wollte so schnell nach Hause. Während sich die Sieger in ihrem schwarzen Jerseys auf der Gegengrade kurz von ihren rund 8.000 Anhängern verabschiedeten und dann flugs in die Kabine verschwanden.
Verkehrte Welt in Oldenburg. Oberligist Atlas Delmenhorst hatte Bundesligist Borussia Mönchengladbach bei der 2:3-Niederlage im DFB-Pokal mehr geärgert und gefordert, als es sich selbst die Amateure erträumt hatten. "Ich wusste immer, dass wir fighten können und den Gegner mit unserem Pressing attackieren und vor Problemen stellen können. Dass es so läuft, ist ein Traum. Es freut mich für die Jungs", meinte Atlas-Trainer Key Riebau, und man merkte ihm an, wie stolz er in diesem Moment auf seine Mannschaft war.
Zu Recht. "Wenn man als Oberligist gegen einen Bundesligisten spielt, will man ein Tor schießen. Es macht auch einen Unterschied, ob man das 1:6 schießt oder das 1:7, aber wenn man das 1:1 oder 2:2 schießt, hat das ein ganz anderes Flair."
Gas geben, genießen
Wenige Stunden vor dieser Aussage, gut eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff, stand Riebau alleine in der Kabine, stellte die Taktiktafel zur Seite. Er könne jetzt nichts mehr machen, dachte sich der 35-Jährige, der als verantwortlicher Coach 2019 mit Atlas in der ersten Hauptrunde 1:6 gegen Werder Bremen unterlegen war. Riebau weiß, wie es im Kräftemessen Amateure gegen Profis zugeht. Seine Jungs sollten es einfach nur genießen. "Ich habe Ihnen gesagt, gebt Gas."
Und das tat seine Mannschaft in beeindruckender Art und Weise. Der Bundesligist bekam kaum Zeit, um sein Spiel aufzuziehen. Lange hatten Riebau und sein Trainerteam über die Herangehensweise gegen den scheinbar übermächtigen Gegner diskutiert und gegrübelt. "Es ist ja auch so, dass man sich als Trainer überlegt, traut man das der Mannschaft wirklich zu, und gehen wir wirklich so forsch nach vorne", beschreibt der gebürtige Oldenburger die Gedankenspiele im Vorfeld.
Die Entscheidung wurde Riebau schließlich aus der Hand genommen. "Der Mannschaftsrat und auch der Kapitän haben gesagt, Trainer, das sind wir, das ist unsere DNA, das ist unser Ding, deshalb lass' es uns probieren. Einen Plan B hatten wir in der Tasche, den haben wir aber nicht gezogen." Dieser hätte eine defensivere Variante in einem 5-4-1-System vorgesehen. Stattdessen beließ es Atlas beim 4-4-2 und der Aufstellung, die in der Liga vor einer Woche souverän mit 5:1 gegen den VfV Hildesheim gewonnen hatte.
Drehbuch nach Maß
Dass es dann so gut lief, überraschte insbesondere den Favoriten auf unliebsame Weise. Zweimal lag der Erstligist in Front, zweimal glich der Fünftligist durch Tore von Steffen Rohwedder und Linus Urban aus. Gleich doppelt dröhnte die Delmenhorster Tor-Hymne "Sweet Caroline" durch das Marschwegstadion. Zur Pause stand es 2:2, die Heimmannschaft feierte sich und wurde gefeiert, als wäre Ihnen gerade die Sensation gelungen. Sportvorstand Bastian Fuhrken eilte von der Tribüne an den Spielfeldrand und umarmte jeden, der ihm in die Quere kam. Sein Ziel jedoch hieß Trainer Riebau, den er scheinbar nicht mehr loslassen wollte. "Ich habe ihm gesagt, dass ich stolz bin. Wenn du ein Drehbuch schreiben könntest vorher, wäre es genau so. Und dann waren es auch schöne Tore. Wir haben die Nadelstiche ausgenutzt. Was willst du mehr?"
Riebau nahm die Herzlichkeiten seines Chefs gelassen hin: "Fuhrki ist ein emotionaler Typ, da musste das raus. Ich kenne das nicht anders." Man kann nur erahnen, was noch geschehen wäre, wenn die Fans "Sweet Caroline" noch ein drittes Mal gesungen hätten. Letztlich fehlte ein wenig die Kraft, um nach dem 2:3 erneut zurückzukommen. Wobei Fuhrken das so nicht stehen lassen will: "Wir haben als Oberligist gegen eine Mannschaft gespielt, die Europa-Ambitionen hat. Wir schießen zwei Tore. Wir liegen nicht am Boden mit Krämpfen am Ende. Da kannst du nur den Hut ziehen."
"Ein paar Bierbecher muss ich wohl aufsammeln"
Es bleibt ein unvergessener Pokalnachmittag für den Amateurverein. Gefeiert wurde bis tief in die Nacht im Delmenhorster Vereinsheim. Während die Spieler für zwei Tage freibekommen, sind die Verantwortlichen am Montag samt Helfer schon wieder im Einsatz. "Ein paar Bierbecher muss ich wohl aufsammeln", flachste Fuhrken. Die Delmenhorster, die das Marschwegstadion nur gemietet hatten, müssen dieses wieder sauber übergeben.
Die Veranstaltung war ein Erfolg. Alles sei reibungslos verlaufen, befand der Sportvorstand. Nach tausenden von Arbeitsstunden. Wie groß die Dimension für den Amateurligisten gewesen ist, beweisen zwei schlichte Zahlen. "Sonst haben wir drei Akkreditierungen, heute waren es mit TV-Teams und allem Drum und Dran 485", erzählt Pressechef Timo Conrad sichtlich erschöpft, aber glücklich.
Was bleibt nun von alldem? Die Eindrücke sind noch sehr präsent, da wartet am Wochenende mit dem Spiel bei der U 23 von Eintracht Braunschweig der Ligaalltag. "Wir müssen schauen, dass die Jungs nicht in ein Loch fallen. Nach diesem Riesenhype mit fast 15.000 Leuten nun auswärts vor vielleicht 500 Zuschauern. Auch wir als Vorstand müssen gucken, dass wir nicht in ein Loch fallen", appelliert Fuhrken an alle im Verein.
Denn klar ist, der Pokal war ein Geschenk. Was wirklich zählt ist die Oberliga, da spricht der Funktionär klare Kante: "Wir müssen sehen, dass wir diese Leistung in der Liga auch zeigen. Wir wollen aufsteigen. Wir wollen oben mitspielen."