Vom Trostpflaster zur Tradition
Weg. Alle waren sie fort. Also fast alle. Aber Wilfried Heitmann und seine beiden Linienrichter, wie die Assistenten des Schiedsrichters damals tatsächlich hießen, irrten rund 90 Minuten nach dem Abpfiff noch durch die Katakomben des Olympiastadions. Es war eine Verlängerung der besonderen und vor allem unfreiwilligen Art nach dem Pokal-Finale 1988 in Berlin zwischen Frankfurt und dem VfL Bochum, das die Eintracht 1:0 gewann.
Denn der DFB hatte die Unparteiischen schlicht dort vergessen, alle Wagen des extra eingerichteten Fahrdienstes waren bereits abgedüst. Und versuchen Sie mal, an einem Samstagabend in Berlin ein Taxi zu bekommen - schwierig genug, dazu braucht's kein Endspiel.
Irgendwann wird auch dieses Trio den Weg nach Hause gefunden haben, und so bleibt das Ganze eine nette Anekdote aus all den Jahren, in denen Berlin nun schon Gastgeber des DFB-Pokal-Finals ist. Eine von vielen. Berlin, das deutsche Wembley, wie es mittlerweile genannt wird, muss sich stimmungsmäßig an diesem Finaltag tatsächlich nicht hinter dem großen Bruder aus London verstecken. Das begann schon beim ersten Finale, 1985. Also das erste, seitdem die Endspiele nur noch dort stattfinden. Auch zwischen 1936 und 1942 war Berlin sechsmal Austragungsort, damals hieß der Wettbewerb in dunklen NS-Zeiten noch Tschammer-Pokal, doch seit 1985 ist es die heutige Hauptstadt eben permanent.
Damals, vor 40 Jahren, schlug Bayer 05 Uerdingen den FC Bayern, der zwei Wochen später Deutscher Meister werden sollte, sensationell mit 2:1. Siegtorschütze Wolfgang Schäfer, genannt "Kap", nahm den Cup nach den Feierlichkeiten mit ins Bett. Den ersten von sicherlich noch vielen Nachahmern fand er ein Jahr später in Michael Rummenigge, als Bayern erstmals in Berlin jubeln durften - dank eines 5:2 über Stuttgart. Ein seltsames "Geschenk" dafür, dass jener VfB die Münchner eine Woche vorher mit einem 2:1 gegen Bremen zum Meister gemacht hatte ... Während sich die TV-Anstalten 1986 auf beide Klubs als Gewinner vorbereitet hatten, war das ZDF ein Jahr vorher, beim Uerdinger Coup, nicht so weitsichtig, hatte alles darauf ausgerichtet, im Bayern-Hotel die Siegerinterviews zu führen.
Vom Trostpflaster zur Tradition - Warum das Finale überhaupt nach Berlin kam
Berlin, Berlin - alle fahren immer nach Berlin! Meistens Ende Mai. Aber warum eigentlich? Der Grund dafür war anfangs (sport)-politischer Natur. Denn dass das Organisationskomitee der UEFA 1985 die Europameisterschaft 1988 an die Bundesrepublik Deutschland vergab, war nur möglich, weil der DFB Berlin als einen der Austragungsorte komplett gestrichen hatte. Ohne dieses Zugeständnis wären die für den EM-Zuschlag nötigen Stimmen aus dem Ostblock ausgeblieben. Ja, so war das, als Berlin samt der Mauer auch als Symbol nicht nur für ein geteiltes Deutschland galt, sondern auch für die Trennung zwischen West und Ost.
Jedenfalls war die Vergabe des Pokalfinals zunächst nur ein Trostpflaster, wenigstens da sollte der große Fußball die Berliner Luft, Luft, Luft schnuppern. Und das tut er seitdem, denn längst ist dieses Endspiel zu einem Fest dieses Sports geworden. Auf dem Rasen, auf den Tribünen, in der Stadt. Meistens friedlich. Was also als Kompromiss begann, ist 40 Jahre später selbstverständlich: DFB-Pokal-Finale und Berlin in einem Atemzug zu nennen.
In schöner Regelmäßigkeit wird im Fünf-Jahres-Rhythmus diese goldrichtige Vergabe aufgefrischt, und niemand zweifelt daran, dass noch 2025 verkündet wird, dass auch zwischen 2026 und 2030 das Olympiastadion der Finalort sein wird. Warum Gutes ändern, zumal auch der DFB mittlerweile realisierte, was die Fans dort lieben (den Fußball und die Stimmung) und was nicht (gekünstelte Halbzeitshows)? Dass Berlin mindestens so lange Tatort des Showdowns bleibt, bis die Hertha-Profis mal mitspielen dürfen, ist aber nur ein Gerücht ...
Grünes Trikot, silberne Schuhe: Farb-Nova in Berlin
Immerhin: Die Amateure, damals auch bekannt als die Hertha-Bubis, waren schon einmal dabei, verloren 1993 gegen Leverkusen 0:1. Es war das erste Mal, dass ein Schiedsrichter, namentlich Dr. Markus Merk, in Grün statt in komplett schwarzer Kleidung auflief. Farbenfroh, richtig so. In puncto Buntheit und Einfallsreichtum sind die Fans von Borussia Dortmund schwer zu toppen. Als die Gelbe Wand, die es so 1989 im Westfalenstadion zwar noch nicht gab, aber die Südtribüne dennoch meistens voll war, fürs Finale nach Berlin umzog, waren im Fanblock des BVB 1000 riesige aufgeblasene Bananen zu sehen, ebenso originell anzuschauen wie die schwarz-gelben Biene-Maja-Ringelsocken der Spieler. 4:1 fegten diese Bremen aus dem Stadion, Norbert Dickel wird danach - erst als Spieler, seit vielen Jahren als Stadionsprecher - zur Flipper-Melodie besungen: "Jeder kennt ihn, den Held von Berlin ..."
2012 war dieser auch nah dran an der Mannschaft, vor dem finalen 5:2 über Bayern, und legte seine damals 23 Jahre alten Fußballschuhe aus jenem Match gegen Bremen auf den Tisch. Auch zwölf Jahre zuvor hatten Schuhe eine Rolle gespielt, Giovane Elber lief als Erster in silberfarbenen Tretern auf, prompt traf er bei Bayerns 3:0-Erfolg gegen Bremen zum 1:0. Apropos Werder: Dessen langjähriger Kapitän und mit 79 Einsätzen DFB-Pokal-Rekordspieler, Mirko Votava, verhinderte 1991 mit den Grün-Weißen eine traurige Trilogie, als sie nach zwei Endspielschlappen gegen Dortmund und Kaiserslautern 1991 Köln schlugen. Votava sagt über die Atmosphäre in Berlin: "Wenn du ins Olympiastadion einläufst, jagt es dir einen Schauer über den Rücken: fast 80.000 Fans, unvergleichlich!"
Von Rummenigge bis Assauer - Skurrile Momente rund um den Pokal
Das war es oft, leider auch 2020 und 2021, da allerdings wegen eines coronabedingt leeren Stadions. Und, wie erwähnt, ging's ansonsten farbenfroh zu. Karl-Heinz Rummenigge jedoch nicht bunt genug: Vor dem Finale 2005 gegen Schalke forderte Bayerns Vorstandsboss den DFB auf, die blaue Tartanbahn des Olympiastadions zur Hälfte rot zu spritzen. Vergeblich, der FCB gewann dennoch 2:1. Und ging, anders als andere, pfleglich mit dem Pokal um. Bei Schalkes Sieg 2002 hatte Manager Rudi Assauer die Trophäe noch fallen lassen, doch der goldene Pott wurde natürlich repariert.
Und damit nahm auch diese kleine Begebenheit ihr gutes Ende - ähnlich wie sechs Jahre zuvor, als Kaiserslauterns Harry Koch im Trubel der Feierlichkeiten zum Finalsieg des frischgebackenen Absteigers über den Karlsruher SC seine Medaille verlor, aber schließlich auf dem Rasen wiederfand. Glück gehabt! Denn das war fast so unwahrscheinlich, wie samstagabends in Berlin noch ein Taxi zu ergattern.