Seit 29 Jahren hat keine deutsche Mannschaft mehr bei Atletico Madrid gewonnen, und kaum eine davon war weiter entfernt als Eintracht Frankfurt am Dienstagabend. Mit einem 5:1 fegten die Madrilenen die Hessen aus dem Estadio Metropolitano.
Nach Ausreden suchte bei der Eintracht keiner, im Gegenteil. Gerade Dino Toppmöller wollte nichts schönreden. "Wir sind an Grenzen gestoßen. Das kommt im Leben vor, das kommt im Fußball vor", sagte der Eintracht-Coach, der die Leistung der Hausherren in die Kategorie "beeindruckend" einstufte.
Auch Robin Koch sprach davon, dass Atletico "eine Klasse besser war", Sportvorstand Markus Krösche sah die Rojiblancos "in einer anderen Liga. Das muss man akzeptieren, dass wir gegen eine Mannschaft gespielt haben, die ein Stück weiter ist und auf der einen oder anderen Position höhere Qualität hat."
Rojiblancos sind erwacht - und mit ihnen Griezmann
Doch ein bisschen Pech hatte die Eintracht eben auch - und zwar mit dem Zeitpunkt der Begegnung. In den ersten Saisonwochen lieferte Atletico dermaßen bescheidene Darbietungen ab, dass sogar darüber diskutiert wurde, ob für den Hauptdarsteller Diego Simeone nicht vielleicht doch mal der letzte Vorhang fallen sollte.
Vor einer Woche im Derby gegen Rayo Vallecano lag der spanische Meister von 2021 bis zur 80. Minute mit 1:2 zurück, ehe ein später Doppelpack von Julian Alvarez doch noch zum zweiten Saisonsieg führte. Am vergangenen Wochenende fegten die Colchoneros dann Real Madrid mit 5:2 vom Platz. Eine Mannschaft, die bis zu diesem Zeitpunkt alle sieben Pflichtspiele gewonnen hatte.
Auch Antoine Griezmann traf gegen Real, und das, obwohl sein letztes Tor vom 1. Februar 2025 datierte und er seitdem in einer tiefen Formkrise steckte. Mit der Wiederauferstehung Atleticos ist auch der Franzose offenbar von den Scheintoten erwacht. Gegen die Hessen durfte er - was längst nicht mehr regelmäßig vorkommt - von Beginn an ran und erzielte den Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0.
Es war aber nicht irgendein Tor, sondern das 200. im Dress Atleticos. Der Vereins-Rekordtorschütze feierte den Jubiläumstreffer mit einem Trikot, auf dem die Zahl aufgedruckt war. "Ich bin glücklich und stolz, diesen Meilenstein erreicht zu haben“, sagte der 34-Jährige nach der Partie bei Movistar. "Das Comeback gegen Rayo hat uns gutgetan. Wir surfen auf einer guten Welle."
Und das mit den üblichen rot-weißen Erfolgsrezepten. "Wir üben viel Druck aus, sind aggressiv und bringen viel Tempo ins Spiel. Das ist unsere Stärke, unser Fußball, und so müssen wir weitermachen", konstatierte der Franzose.
Simeone: "Talent kennt kein Alter"
Trainer Simeone sah die Partie wegen seiner Sperre aus dem Liverpool-Spiel von der Tribüne aus und musste sich dort für Griezmann freuen. "Ich bin Antoine und für seine Zeit bei Atletico sehr dankbar. Seine 200 Tore sind Wahnsinn", sagte der Coach. "Ich erinnere mich, als er kam, ein kleiner Flügelspieler auf der linken Seite, und wir ihn überzeugten, als Mittelfeldspieler zu spielen. Und das führte dazu, dass er Weltmeister wurde. Wir schätzen, was er uns weiterhin gibt und was er uns noch geben wird. Talent kennt kein Alter."
Doch wie bei Atletico üblich steht nicht der Einzelne im Mittelpunkt, und so besann sich auch Simeone schnell wieder auf Gemeinschaftswerte. "Die Mannschaft entwickelt sich weiter und verbessert sich. Wir müssen weiterhin mit derselben Bescheidenheit und demselben Glauben vorgehen", sagte der Argentinier, der auch die Fans mit einbezog. "Die Leute geben uns viel Kraft. Hoffentlich können wir ihnen das mit dem Wort 'kämpfen' zurückgeben, denn das ist es, was unsere Leute wollen."
Ein Erfolgsgeheimnis waren auch die Standards, gleich zwei Tore erzielte Atletico nach Eckbällen. "Wir arbeiten intensiv daran. Wir wissen, dass Standardsituationen sowohl in der Offensive als auch in der Defensive wichtig sind", so Simeone weiter. "2014 hat es uns sehr geholfen, dass wir viele Tore nach Standardsituationen erzielt haben."
Damals wurde Atletico Madrid spanischer Meister und zog zudem ins Champions-League-Finale ein. Um wieder an diesen Punkt zu kommen, muss sich Griezmanns besagte "gute Welle" allerdings noch mächtig auftürmen.