Zurück auf dem Weg zur Topform
Deniz Undav wirkt gelöst, als er mit den Kollegen am Freitagabend beim Abschlusstraining des VfB Stuttgart den Ball über den frisch angefeuchteten Rasen des Berliner Olympiastadions chippt, schlenzt, passt. Das ist eigentlich keine große Erwähnung wert, weil Undav immer gelöst wirkt. Allerdings machten ihm die vergangenen Monate durchaus zu schaffen, mit dem persönlichen Tiefpunkt, seinen Stammplatz unter Trainer Sebastian Hoeneß verloren zu haben. Undav, so empfanden es viele, mutierte zum Gesicht der Krise bei den Schwaben.
Die feste Verpflichtung wurde ein Stück weit zum Politikum
Dabei war der 28-Jährige nach einer starken Saison 2023/24, die ihn sogar zum A-Nationalspieler und EM-Teilnehmer machte, gewissermaßen zu einer Art Verheißung für die VfB-Fans geworden. Denn die waren es in den vergangenen Jahren gewohnt, dass die wenigen, herausragenden Profis, die sie im Ländle hatten, aus monetären Gründen verkauft werden mussten. Und so war es auch nach der sensationellen Vizemeisterschaft mit Serhou Guirassy, Waldemar Anton und Hiroki Ito gewesen. Die Personalie des von Brighton and Hove Albion nur geliehenen Durchstarters wurde ein Stück weit zum Politikum: Einerseits gestalteten sich die Verhandlungen kompliziert, was vor allem an der ungewöhnlichen Vertragskonstellation mit einer Rückkaufklausel für den Premier-League-Klub lag. Andererseits wäre ein Verzicht auf einen festen Transfer die nächste Euphoriebremse gewesen vor einer Spielzeit, die den mehr als ein Jahrzehnt dahinsiechenden VfB zurück auf Europas Landkarte brachte.
Entsprechend teuer gestaltete sich dann auch der Wechsel mit 26 Millionen Euro Fix-Ablöse, Boni von bis zu 5 Mio. Euro und einer doch massigen Weiterverkaufsbeteiligung für Brighton von 30 Prozent. Nicht jeder in Stuttgart hatte Verständnis für diese hohen Ausgaben, doch Undavs Start in sein zweites Jahr in Bad Cannstatt geriet mit vier Treffern bis zum fünften Bundesliga-Spieltag und einem Tor bei der Champions-League-Premiere bei Real Madrid (1:3).
Mit einem Sahnetag meldet sich Undav in Berlin zurück
Doch schon in den folgenden Wochen war absehbar, dass die ungewohnte Mehrfachbelastung mit internationalem Wettbewerb und Nationalelf dem zugegebenermaßen nicht als absoluter Modellathlet daherkommendem, aber eben technisch feinem und spielwitzigem Undav zu schaffen macht. Nach und nach fiel die Form, im November kamen muskuläre Probleme und danach ein Muskelfaserriss dazu. Bis der Sympathieträger im März trotz seines Siegtreffers im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den FC Augsburg Anfang Februar seinen Stammplatz verlor.
Es sollte bis Mitte April dauern, ehe sich Undav mit einer Sahneleistung beim 4:4 beim 1. FC Union zurückmeldete und vielleicht wird man am Samstagabend nach Schlusspfiff im Finale gegen Arminia Bielefeld (20 Uhr, LIVE! bei kicker) sagen, ausgerechnet in Berlin. Denn das wäre ja gewissermaßen die doppelte Krönung. Erst Undavs Wiederauferstehung in der Liga in Köpenick, dann Undavs Triumph im Pokal im Westend? Vieles spricht dafür, dass Hoeneß ihm in der Spitze an der Seite von dem hängend agierenden Nick Woltemade am Samstagabend das Vertrauen schenkt vor Ermedin Demirovic. Auch wenn zuletzt beim 3:2 in Leipzig alle drei Offensivmänner trafen.
Die komplizierten Monate zuvor haben Undav beschäftigt
Wie sehr den in aller Regel witzig-aufgeweckt daherkommenden Undav die komplizierten Monate zuvor beschäftigten, lässt sich an seinen Worten nach dem 4:4 bei Union ablesen: "Meine Person ist mir erstmal egal. Natürlich bin ich glücklich, ein Tor gemacht zu haben. Man sollte versuchen, nicht einen Spieler für die Niederlagen verantwortlich zu machen." Rechtzeitig zum Saisonhighlight schickt sich Undav also an, zurück zur Topform zu finden - und auch Bundestrainer Julian Nagelsmann baut in der Nations League auf ihn. Kein Wunder also, dass Undav wieder so gelöst daherkommt, wie ihn die Fans kennen.