Wenn die Fans schon vor Anpfiff weiße Taschentücher schwenken, weiß auch der Letzte in Spanien, was die Stunde geschlagen hat. Eine Geste, die so viel wie "Adios, ihr könnt alle gehen" bedeutet. Als die Mannschaft dann aus der Kabine kam, gab es ein "ohrenbetäubendes Pfeifkonzert" (Marca) im Bernabeu zu hören.
Vor allem an Vinicius Junior entlud sich der Zorn der Fans. Der Brasilianer musste - ebenso wie Jude Bellingham - schon beim Verlesen der Mannschaftstaufstellung laute Pfiffe beim eigenen Namen über sich ergehen lassen. Die Reizfigur im Dress der Königlichen galt als einer der größten Kritiker von Xabi Alonso, den er bei seiner Auswechslung im gewonnenen Clasico gegen Barcelona brüskiert hatte. Seitdem geht es bergab bei Real.
Am Samstag gaben die Fans dem Außenstürmer deutlich zu verstehen, dass kein Spieler größer als der Klub ist. Kritik von außen oder Pfiffe der gegnerischen Fans scheinen am 25-Jährigen abzuperlen, die der eigenen Anhänger aber ganz offensichtlich nicht. Aus dem Kabinentrakt tauchte ein Video vor Anpfiff auf, die Vinicius auf einer Treppenstufe sitzend und den Tränen nahe zeigen. Unter anderem versucht Kylian Mbappé ihn zu trösten.
Eine komplizierte Gemengelage, die mit Alvaro Arbeloa ein unerfahrener Coach moderieren muss. Der 42-Jährige hatte Vinicius nach seiner mäßigen Leistung bei der Pokalblamage in Albacete starkzureden versucht und ließ ihn auch beim 2:0-Arbeitssieg gegen Levante über die volle Spielzeit ran. Womöglich hatte er seinem Schützling auch ein besonders eindrückliches Pfeifkonzert bei einer Auswechslung ersparen wollen. Arbeloa hofft nun, dass die Fans über den Tellerrand hinausblicken. "Was Vinicius seit seiner Ankunft als Kind hier geleistet hat, haben nur wenige in der Geschichte von Real Madrid geschafft", erklärte Arbeloa über einen Spieler, der unter anderem in zwei erfolgreichen Champions-League-Finals für Real getroffen hat.
Was passiert im Sommer?
Doch ist das Verhältnis wirklich noch zu kitten? Unweigerlich fühlt man sich an die Worte von Vinicius bei seiner Auswechslung gegen Barcelona erinnert, die von den emsigen Lippenlesern auf der iberischen Halbinsel mühelos entschlüsselt wurden. "Ich verlasse die Mannschaft. Ich gehe, ich gehe besser."
Vinicius' Vertrag läuft noch bis 2027, dem Vernehmen nach wollen die Königlichen den FIFA-Weltfußballer von 2024 nicht ablösefrei ziehen lassen. Eine Trennung im Sommer zeichnet sich somit ab, Arbeloa hofft aber noch auf eine Kehrtwende. "Er ist furchtlos, hat Charakter und diesen Verein mit allen Mitteln verteidigt", sagte der Coach. Der Angreifer werde für Real noch "viele Titel gewinnen, so wie er es bereits getan hat".
Auch Perez wird nicht verschont
Doch Erfolge noch und nöcher bewahren nicht einmal den Vereinspatron vor der Fanwut. Auch die "Florentino dimision"-Sprechchöre gegen Florentino Perez waren unüberhörbar, die Rücktrittsforderungen gegen den 78-Jährigen fand Arbeloa allerdings mehr als unangebracht. "Ich weiß, woher die Pfiffe kommen. Diese Kampagnen kommen nicht von Leuten, die Florentino nicht mögen, sondern von Leuten, die Madrid nicht mögen", sagte Arbeloa. "Sie werden mich nicht täuschen, er ist neben Bernabeu die wichtigste Person in diesem Verein - und wir Madridistas sind uns bewusst, was Florentino für diesen Verein geleistet hat."
Für Perez sind die Rufe übrigens nichts Neues, obwohl er sie schon lange nicht mehr vernehmen musste. Als Real Madrid im November 2015 zuhause gegen den FC Barcelona mit 0:4 unterlegen war, bekam er sie beispielsweise ebenso zu hören, auch die berühmt-berüchtigten Taschentücher wurden damals im Bernabeu gezückt. Ein halbes Jahr später holte Real die Champions League, genauso wie in den beiden folgenden Spielzeiten.
Auch gegen Monaco in der Startelf?
Vielleicht kann ja auch diesmal wieder die Königsklasse den Königlichen helfen, das Umfeld zu versöhnen. Am kommenden Dienstag ist Monaco zu Gast. Die spannende Frage: mit oder ohne Vinicius in der Startelf? Der Brasilianer hatte nach Abpfiff erst einmal genug vom Bernabeu und verschwand umgehend in der Kabine. Eine Pause wäre denkbar, nicht nur wegen der Vorkommnisse vom Samstag. Fakt ist nun einmal auch, dass Vinicius kaum noch knipst. In der Champions League ist er in sechs Einsätzen noch ohne Treffer, in La Liga wartet er seit zwölf Spielen auf einen Torerfolg.
Arbeloas Worte lassen allerdings eher auf einen neuen Anlauf schließen. "Ich werde daran arbeiten, den besten Vinicius zu bekommen. Ich werde meine Spieler auffordern, ihn zu suchen", erklärte der Coach. Vinicius sei "einer der unberechenbarsten Spieler, wenn nicht sogar der unberechenbarste der Welt".
Dass dies nicht nur für seine sportlichen Leistungen gilt, ist für Real Madrid allerdings zu einem unwiderlegbaren Problem geworden.