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Was Marokko so stark macht - und welche Rivalität das Finale prägt

kicker

Vom Afrika-Cup in Marokko berichtet Michael Postl

Das Himmelsgewölbe wiegt schwer, keine Frage. Glaubt man jedoch den Geschichten der griechischen Mythologie, konnte Atlas, ein hünenhafter Titan, es ohne größere Probleme auf seinen Schultern tragen, selbst wenn um ihn herum ein paar ihm nicht gerade wohlgesonnene olympische Götter herumstanden. Ein paar tausend Jahre später haben die sogenannten Atlaslöwen, gewissermaßen die Nachfolger der mächtigen, riesenhaften Gestalten, auch eine große Mission: den Afrika-Cup gewinnen.

Warum das ähnlich schwer ist, wie das Himmelsgewölbe auf den eigenen Schultern zu balancieren? Die Erwartungen der Menschen in Marokko, von der Sahara bis zur Mittelmeerküste, von Tan Tan im Westen bis Tanger im Osten, sind enorm. Kaum ein Fenster kommt ohne Flagge mit grünem Pentagramm auf rotem Grund aus, kaum ein Café ohne Flachbildschirm und Kabelanschluss.

Permanent werden Spieler und Trainer auf Pressekonferenzen oder Interviews auf ein mögliches Scheitern angesprochen, müssen Fragen nach den Konsequenzen einer sich längst noch nicht anbahnenden, aber dennoch thematisierten Niederlage beantworten, und vor allem: dabei ruhig bleiben.

Diese Gelassenheit ist eines der Kern-Elemente des marokkanischen Fußballs. Kontrolle, Überzeugung, Beherrschung. Anders ausgedrückt: Selbstvertrauen. Dieses schlägt sich dabei nicht einmal unbedingt in klaren Kantersiegen oder besonders überwältigenden Leistungen nieder.

Die kleinen Aktionen machen Marokko groß

Es sind vielmehr die alltäglichen Dinge im Spiel, kleine Aktionen, wie beispielsweise den Ball nach einer schwierig zu stoppenden Bogenlampe direkt zu kontrollieren, statt ihn auf dem Boden aufkommen zu lassen, einem Rückpass einen vertikalen Doppelpass vorziehen, den Abschluss auch mal aus 20 Metern zu suchen, statt den Ball ein weiteres Mal quer zu spielen. Oder auch den 20 Kilo schwereren Gegenspieler zu attackieren, statt den Zweikampf zu meiden. Kurzum: Das absolute Vertrauen in sich und den Nebenmann leben, den Zweifel verlernen.

Das ist den Marokkanern während des 35. Afrika-Cups gelungen, auch, wenn sie dafür Zeit gebraucht haben. Walid Regragui, jener Trainer, der sein Land bereits 2022 ins Halbfinale der WM geführt hat, lebt das vor. Trotz etwaiger Kritik betonte der Fußballlehrer nach dem Sieg gegen Nigeria, dass er wisse, dass er über gewisse Qualitäten verfüge: "Ich habe auch vor meinem Engagement als Nationaltrainer Erfolge gesammelt", daran hätte auch ein Scheitern beim Afrika-Cup nichts geändert. Eine Feststellung, keine Kampfansage an die Medien oder die Verbandsverantwortlichen.

Die Siege während der Gruppenphase gegen die Komoren (2:0) inklusive Fallrückzieher des eingewechselten Ayoub El Kaabi, Sambia (3:0), Tansania (1:0) und Kamerun im Viertelfinale (2:0) sowie das einzige Unentschieden gegen Mali (1:1) kamen teils etwas glücklich zustande, trotz des exzellent besetzten Kaders, trotz des Heimvorteils. Am Finaleinzug gegen Nigeria bestand dennoch lange Zeit kein Zweifel, weder nach der ersten guten nigerianischen Möglichkeit durch Ademola Lookman (14.), noch nach der vergebenen Großchance von Ismael Saibari (39.).

Der Mittelfeldspieler aus Eindhoven ließe sich damit ebenso wenig verunsichern wie Keeper Bono, der sonst äußerst selten geprüft wurde und später noch eine entscheidende Rolle spielen sollte. Dieser Sieg, so bedeutsam er für Nordafrika im Allgemeinen und Marokko im Speziellen auch sein mag, zementiert nicht die Vormachtstellung des arabisch geprägten Nordens gegenüber dem mehrheitlich schwarzen Süden.

Alt sind die Geschichten von den Afrikanern, die sich nördlich der Sahara schwerer tun als rund um den Äquator, sie hängen insbesondere mit den klimatischen Bedingungen und den in deutlich niedrigerer Zahl anreisenden Zuschauern zusammen. Belegen lässt sich das nur bedingt, allerdings spricht alleine die Statistik für diese These: Bei acht in Nordafrika ausgetragenen Turnieren siegte auch ein nordafrikanisches Team, ebenso triumphierte in 17 Cups unterhalb der Sahara jeweils eine Mannschaft aus dem Gebiet um den Äquator herum. Andersherum gewannen erst vier Mannschaften aus der Subsahara im Norden und vier Nordafrikaner im Süden.

Was zwar auch am Heimvorteil in zwölf Fällen liegen dürfte, aber dennoch: Der Afrika-Cup ist ein seit Jahren immer professioneller ausgetragenes Turnier, lebt zwar noch immer von seinen ganz eigenen Emotionen, wird aber nicht nur dadurch intensiver, dass sich beispielsweise Kamerun mit Algerien, Senegal mit Ägypten oder eben Nigeria mit Marokko duelliert. Sicher, diese alte Rivalität spielt eine Rolle, sie wird aber immer kleiner.

Die Sahara fungiert also nicht nur geographisch gesehen als Barriere zwischen Nord und Süd, sie trennt auch die kulturell wie fußballerisch völlig unterschiedlichen Teile Afrikas. Doch nur im Fußball wird der Graben kleiner. Das zeigen alleine die beiden Halbfinalpartien, wo Senegal Ägypten schlug, Nigeria jedoch gegen Marokko das Nachsehen hatte.