Fehlercode: %{errorCode}

Wenn durch München Luciano Ligabue schallt

kicker

Inter-Fans feiern vor dem Finale

Von wegen Bayern - nördlichste Stadt Italiens. Damit das mal klar ist. Jedes Jahr das italienische Wochenende zum Oktoberfest, und in dieser Saison ist die allerbesteste Gaudi schon Ende Mai. Bus, Auto, Zug - einige Wetten sind ganz schön schiefgelaufen, und es geht zu Fahrrad über die Alpen. Ohne Elefanten, aber wer glaubte wirklich daran, diese Außerirdischen aus Katalonien auszuschalten. Dann kamen sie ins San Siro und wurden zurück zum Mars geschickt. Der Sohn der verlorenen Fahrrad-Wette-Familie schaut nicht wirklich amused, so weit oben war der Handy-Empfang schlecht, sagt er. Die Versuchung ist groß, ihn ganz sanft in einen Vortex der Ära von Münz-Telefonen zu schieben, doch das wäre sicher müßig.

Verdammte Baustellen am Brenner. 40 km/h, 60, die Kolonne rollt so langsam nördlich, als könnte man aussteigen und dank Autopiloten rauchend nebenher spazieren. Die Schilder suggerieren beinahe, Auto verlassen, und anschieben. Nerazzurri alé alé, das hilft weiter. Schwarz-Blaue Schals und der Schlachtgesang "Für all die Kilometer, die ich für dich abgegrast habe, musst du gewinnen!"

Dann geht es endlich weiter. Innsbruck, Kufstein, Rosenheim, München, pardon, Monaco di Baviera. Rund 50.000 Interisti sind hier bei 18.000 Tickets. Doch man muss ja dabei sein, egal, besser im Rausch des Odeonsplatzes zu klaustrofobieren, als 500 Kilometer südlich in der zweitnördlichsten Stadt Italiens. Die Mailänder Schutzheilige, die Madonnina auf dem Duomo, wird es verzeihen.

Alle Edelfans sind da, und natürlich drücken sie die Daumen. Wäre ja gelacht. Da vorne gibt es Pizza Lautaro zu recht imposanten Preisen, doch heute lässt man mal fünf gerade sein. Oder auch zehn. Eh, sai com'è, du weißt ja wie es läuft. Augenzwinkern von einem der zahllosen ausgewanderten Italiener zum Interista zu Besuch. Der weiß, wie es läuft. Er zückt die Kreditkarte. Heute geht alles. Die Wurscht ist fast so gut wie die heimische salsiccia, porca miseria.

Mitten im fettigen Brutzeln ruft der jüngere der beiden Thronfolger an, er könne es nicht mehr aushalten. Einer der Süd-Invasoren überhört und umamt. Ein vorbildlicher Vater, jauchzt er. Ja, aber man würde dennoch jetzt gerne klarstellen, mein Bochum ist abgestiegen, und überhaupt… "Ich habe dir schon als Kind versprochen…" grölen beide über die Lautsprecherfunktion. Das hatte man mir ja auch versprochen, nur hieß der Wettbewerb damals Europapokal der Landesmeister und niemand verriet 1977 beim ersten Stadionbesuch, dass anne Castroper niemals - nun ja, Sie wissen schon.

"Bring mir ein Shirt mit und den Pokal!" fordert der Filius. Und für einen winzigen Moment denkt man dann doch, diese Forderungen zu durchkreuzen. Eine Art Wiedergutmachungs-Retour für all die Wochenenden, wenn er rotznäsig fragte, wie viele Dinger Timo Horn kassiert hatte. Man muss schließlich nicht jedes Jahr die Auszeichnung Vater des Jahres anpeilen.

"Bochum und Inter waren die einzigen Klubs, die in dieser Saison in München gewonnen haben", werfe ich mal mutig ein - nicht ohne einen gewissen Stolz. "Cazzo è Bochum?" who the fuck is Bochum, fragt der tanzende Interista. Der Sohn klärt auf und ist am Ende vielleicht doch zu etwas gut.

Dann ist aber auch gut mit all den Castroper-Bagatellen und sie singen wieder. "Mit erhobenem Kopf, wo immer Inter auch hinzieht, unser Herz über dem Wappen." Das ging bisweilen schief und die Inter-Seele zersprang, Womöglich führen die Mailänder deshalb so viele prominente Daumendrücker in München. Ronaldo, José Mourinho, Roberto Carlos, Luis Figo. Allesamt Anhänger der bizarren Inter-Seele, die sich seit Ewigkeiten über einen Cocktail zwischen Trophäen und Apokalypse gefällt.

Man schaut sich im Gewühl um, und weiß, warum zum Inter-Edelfan, dem Pop-Rocker Luciano Ligabue, alle zum Himmel schreien. Selbst die Verlierer behalten ein wenig Stolz, sang Tom Petty einst, und Ligabue singt die Quintessenz des Interista. Seinen Don Quijote Song. Una vita da mediano, ein Leben als Nummer 6. Immer mittendrin, ohne wohl erzogene Füße. Bei der Geburt hat dir niemand die Nummer 10 geschenkt, da musst du deiner Lunge vertrauen. Und wenn du alles gegeben hast, wirst du durch den Nachfolger ausgetauscht. Jahre der Aufopferung und blauen Flecken. Wie einst Oriali, singt Ligabue. Lele Oriali, gewissermaßen die Apotheose der schwarz-blauen Flecken.

Dazu wird mit feuchten Augen geschunkelt. Diese Zanettis, Bergomis, Orialis sind jetzt die Acerbis, Calhanoglus und Mkhitaryans, die an anderen noblen Höfen auf der Bank säßen, doch in Mailand funktionieren. "Inter ist zerbrechlich und menschlich. Inter ist manchmal frigide, manchmal eine Hure, episch oder pathetisch. Inter ist Widerspruch und Opposition", schrieb der Schriftsteller Michele Serra einmal. Womöglich passen diese Spieler aus einstigen schwarz-weißen TV-Zeiten deshalb nur genau dort. Sicher sagte Acerbis Mama genau das, was die Mutter Tiger Gerland erzählte: "Wenn ich dir jetzt einen Groschen für ein Eis gebe, hast du am Monatsende keine Wurst mehr auf dem Brot." Als Gerland einst sagte, dass er kein Bier mochte, und oft verletzt war, und die Kumpels rieten, "dat vernünftige Pilschen verschont dich vor Faserrissen". So sieht's mal aus.

"Grande Acerbi"

Womöglich wäre ein Inter-Erfolg das letzte Hurra für den Fußball einer anderen Zeit. Als die Blutgrätsche höchstens verwarnt wurde, und Jochen Hageleit im WDR über den Äther summte: "BVB-Freistoß - Entfernung 25 Minuten." Als keine 625 Alternativ-Bälle an der Seitenlinie lagen, und ein Befreiungsschlag in die Gästekurve zwei Minuten Verschnaufpause garantierte.

Ein nostalgisches Hoch macht mutig und ich werfe ins italienische Hüpfen mal, Acerbi ist wie der Tiger oder Ata Lameck. Einen Namen haben sie verstanden. "Grande Acerbi, was für ein Tor gegen Barca!" In der Tat. Die U-Bahn hält. Am Horizont die Arena. "Cazzo, echt wie ein UFO!" rufen die Jungs in nerazzurro. Jamal schickten sie ohne Rückfahrt-Schein ins Raumschiff. Es läuft wieder Ligabue. "Ständig musst du einstecken und den Ball jenem geben, dem feinere Füße geschenkt wurden. Und vielleicht gewinnst du irgendwann einen Titel." Heute. Ganz vielleicht.