"Ich stelle mich gerne Herausforderungen und bin noch nie entlassen worden. Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Job angenommen habe: um mehr Risiko in mein tägliches Leben zu bringen", hatte Thomas Frank im Sommer erklärt, als er gerade neuer Trainer der Tottenham Hotspur geworden war. Zumindest in diesem Punkt sollte sich der Wechsel aus dem Westen in den Norden Londons schnell als richtige Entscheidung erweisen.
Ein halbes Jahr später trennen Tottenham und Brentford, das der Däne zuvor sieben Jahre als Chefcoach trainiert hatte, satte sieben Plätze in der Premier-League-Tabelle. Das Problem aus Franks Sicht: Auf Rang 7 steht nicht etwa sein aktuelles, sondern sein ehemaliges Team. Die Spurs hingegen rangieren auf Platz 14 und befinden sich damit auf Vorjahreskurs, als sie sich zum selben Zeitpunkt gar einen Platz näher in Richtung der Abstiegszone befanden.
Wie viele Pleiten darf sich Frank noch erlauben?
Während es in der Champions League vergleichsweise gut läuft - mit elf Zählern ist Tottenham punktgleich mit Dortmund -, wird der amtierende Europa-League-Sieger den hohen Erwartungen auf nationaler Ebene einmal mehr nicht gerecht. Neben der enttäuschenden Ligaplatzierung verabschiedeten sich die Spurs bereits im Achtelfinale aus dem League Cup (0:2 in Newcastle) und jüngst in der 3. Runde aus dem FA Cup (1:2 gegen Aston Villa).
Für Frank, der vor seiner Zeit in Brentford einzig die Profis des dänischen Bröndby IF hauptverantwortlich betreut hatte, ist es die bislang größte Aufgabe seiner Trainerkarriere. Da kommt es auch schon mal vor, dass die gegnerischen Fans das auf der Insel so beliebte "You're getting sacked in the morning" (deutsch: "Du wirst morgen früh gefeuert") anstimmen, wie etwa beim 0:3 in Nottingham Mitte Dezember.
Richtig unangenehm wird es dann, wenn jener Schmähgesang aus den eigenen Reihen kommt - so geschehen am vergangenen Wochenende im Tottenham Hotspur Stadium. "Kein schönes Gefühl" für Frank, der dennoch "den Rückhalt von allen" zu spüren glaubt. Und doch häuften sich nach dem 1:2 gegen West Ham - die dritte Pflichtspielniederlage sowie das fünfte sieglose Spiel in Serie - Medienberichte, wonach seine Entlassung wahrscheinlich werde.
Neuzugänge zünden nicht - Kein Gallagher-Einsatz gegen BVB
Namhafte Neuzugänge wie Xavi (Leipzig), der nun langzeitverletzte Mohammed Kudus (West Ham), Paris-Leihgabe Randal Kolo Muani oder Mathys Tel (FC Bayern) wissen bislang nur bedingt zu überzeugen - der Ex-Münchner zieht derweil mangels zufriedenstellender Spielzeit sogar einen vorzeitigen Leihabgang in Erwägung.
Wenngleich in England enttäuschende Leistungen von Neuzugängen gerne durch die Verpflichtungen weiterer Neuzugänge kompensiert werden, spielte im Falle von Conor Gallagher die schwere Oberschenkelverletzung von Rodrigo Bentancur die entscheidende Rolle. Kolportierte 40 Millionen Euro überwiesen die Spurs für den zentralen Mittelfeldmann an Atletico Madrid.
Dass der zweitteuerste Transfer des bisherigen Winters im anstehenden Duell mit dem BVB nicht mitwirken kann, ist einerseits auf die Regularien des Wettbewerbs zurückzuführen, passt andererseits aber genau in das Bild, das die Nordlondoner seit Monaten abgeben. Erst für die K.-o.-Runde, die die Spurs mit einem Sieg am Dienstag (21 Uhr, LIVE! bei kicker) vorzeitig erreichen würden, dürfen die verbliebenen Teilnehmer bis zu drei Neuzugänge nachnominieren.
Frank vertraut auch auf CEO Venkatesham
Da die Situation in der Liga äußerst unbefriedigend ist, erweist sich ein gutes Abschneiden in der Königsklasse schon zum Jahreswechsel als eine Art letzter Strohhalm, an den sich Frank hinsichtlich eines versöhnlichen Saisonabschlusses klammern muss. Die Hoffnung des Dänen beruht darüber hinaus auf der Führungsphilosophie von CEO Vinai Venkatesham, der nach dem plötzlichen Abgang von Klub-Chef Daniel Levy im September zunehmend an Einfluss gewonnen hat.
"Er weiß, wie lange es leider dauern kann, bis man das gewünschte Ergebnis erreicht", sagte Frank über Venkatesham, der zuvor lange Zeit für Lokalrivale Arsenal tätig gewesen war - und dort auch die Entwicklung unter Mikel Arteta genauestens miterlebt hatte. "Das ist definitiv von Vorteil, denn er versteht auch, auf welchem Weg wir uns befinden", so der Spurs-Coach.
Sportdirektor Paratici nach dreieinhalb Monaten verabschiedet
Genauso versteht Venkatesham jedoch auch die "Ungeduld" der Anhänger über "die Lücke zwischen dem, wo wir stehen, und dem, wo wir sein wollen". So forderte die Fangruppe "Change for Tottenham", die schon in der letzten Saison mehrere Proteste gegen die Klubführung organisiert hatte, mutige Entscheidungen, "ernsthafte Investitionen" und mehr Transparenz zur langfristigen sportlichen Strategie.
In letzterem Punkt bezog sich die Fangruppe auch auf die Personalie Fabio Paratici, die jüngst einmal mehr Kontroversen auslöste. Wegen seiner mutmaßlichen Verstrickung in den Finanzskandal bei Juventus Turin war der frühere Juve-Sportdirektor nachträglich für 30 Monate gesperrt worden, nachdem er sich den Spurs 2021 angeschlossen hatte.
Mitte Oktober hatte der Premier-League-Klub schließlich die Rückkehr des Italieners als Teil eines Sportdirektoren-Duos mit Johan Lange bekannt gegeben - nur um ihn dreieinhalb Monate später schon wieder gen Florenz zu verabschieden.
"Wir haben vereinbart, dass Fabio nach Abschluss des Januar-Transferfensters nach Italien zurückkehren wird, entsprechend seinem Wunsch, in seine Heimat zurückzugehen", ließ sich Venkatesham in einer entsprechenden Mitteilung zitieren. Die im Oktober prognostizierte Zeitenwende, den Klub auch mithilfe Paraticis Expertise "zu einem Maßstab für Exzellenz im Weltfußball zu machen", wurde vorerst vertagt.
Spürbare "Distanz" zwischen Klub und Fans
So ist es kein Wunder, dass die Spurs-Bosse "eine Distanz" zu ihren Supportern festgestellt haben, die sich etwa in Form eines heftigen Wortgefechts zwischen Spielern und Gästefans nach dem 2:3 in Bournemouth gezeigt hatte. Man sei "entschlossen, diese Verbindung wiederherzustellen", erklärte Venkatesham.
Einen kleinen Schritt auf diesem steinigen Weg könnte die Mannschaft mit einem Erfolgserlebnis gegen Dortmund gehen. Gelingt dies nicht, dürfte klar sein, welchen Gesang die leidgeplagten Zuschauer am Dienstagabend anstimmen werden.