Eine Kolumne von Daniel Duhr"Das wird wie Tic Tac eingeworfen." Dieser Satz von Nils Kretschmer lässt aufhorchen. Fünfzehn Jahre Bundesliga, fünfzehn Jahre Kabine, fünfzehn Jahre Wettkampfmodus. Was der frühere Handballprofi Kretschmer jüngst in einem Interview der Lübecker Nachrichten über den Gebrauch von Schmerzmitteln im Handball sagte, ist kein Geheimnis.
Nichts, wo Handballerinnen und Handballer jetzt aus allen Wolken fallen. Aber es ist ein wichtiges Thema, eins, das mehrheitlich auf der Schattenseite dieses Sports zu verorten ist. Ibuprofen als stiller Mitspieler. Schmerzmittel als Bagatelle, vielfach wie ein Ritual vor dem Spiel. Ibu einwerfen - so, wie Schuhe schnüren, Trikot anziehen und Finger tapen. Nicht groß dramatisieren. Nicht hinterfragen. Einfach machen und durchkommen.
"Es wird schon irgendwie gehen"
Man liebt ja seinen Sport. Und genau darin liegt gleichzeitig das Problem. Handball lebt von Härte. Von Körperkontakt. Von dem Stolz, nicht bei jedem Rempler zu fallen. Von Torhütern, die sich nach einem Kopftreffer kurz schütteln und weiterspielen, von Spielern, die sich den ausgekugelten Finger wieder einrenken und weiterspielen. Handballer feiern das. Heldengeschichten. Gebrochener Finger? Tape drum. Muskelfaserriss? Rauslaufen. Wird schon irgendwie gehen.
Tape ist im Handball längst mehr als ein probates Hilfsmittel. Es ist das Symbol für: Ich beiße mich durch. Ich halte das aus. Ich gehöre dazu. Diese Kultur hat viel Gutes. Sie schützt den Sport vor Schauspielerei. Sie macht ihn glaubwürdig. Und ja, sie macht ihn auch beeindruckend und attraktiv.
Natürlich hat diese Einstellung aber auch eine Schattenseite. Zwischen einmal übers Limit gehen und Warnsignale systematisch ignorieren verläuft ein schmaler Grat. Den zu treffen, fällt Handballern - ganz egal, in welcher Liga - nicht leicht.
Ibus wie Magnesium
Im Profibereich ist es der Druck. Der nächste Vertrag. Der neue Spieler auf Deiner Position. Der Trainer, der auf Dich setzt - oder eben nicht mehr. Die Fans, die Dich feiern, solange Du funktionierst. Niemand will der sein, der "wegen Schmerzen" fehlt. Also wird nachgeholfen. Über die Grenzen gehen. Mehr Work, weniger Life. Auch mal krank zur Arbeit. Friedrich Merz gefällt das. Ärzten und dem eigenen Körper eher nicht.
Im Amateurbereich ist es nicht der Vertrag, sondern die Leidenschaft. Der Stolz auf die eigene Härte. Das Selbstbild vom unkaputtbaren Kreisläufer oder vom Rückraumspieler, der sich durch jede nicht vorhandene Lücke wirft. Ibus werden verteilt wie Magnesium. "Nur zur Sicherheit." "Nur heute." "Nur dieses Spiel."
Kaum ein Handballer sagt ein Spiel wegen eines Schnupfens ab. Erkältet? Wird schon gehen. Leichtes Fieber? Schwitze ich raus. Dass im Hintergrund das Risiko einer Herzmuskelentzündung mitspielt, wird oft verdrängt. Passt ja auch nicht ins Bild vom harten Hund.
Die Rechnung kommt
Und doch ist genau da die Grenze. Schmerz ist nicht bloß Gegner. Schmerz ist auch Information. Er ist ein Signal des Körpers, der sagt, ja schreit: Hier stimmt etwas nicht. Wer ihn betäubt, löst nicht das Problem. Er überdeckt es. Manchmal reicht das, um durch ein Spiel zu kommen. Manchmal auch, um durch eine Saison oder auch die ganze Karriere zu kommen. Aber die Rechnung kommt. Meistens mit Zinsen. Und die sind im Körper deutlich unangenehmer als auf dem Konto.
Nach hart kommt ab. Dieser Satz aus dem Handwerk passt erstaunlich gut in jede Kabine. Man kann Holz lange belasten. Man kann Schrauben festziehen. Man kann den Druck immer weiter erhöhen. Aber irgendwann bricht etwas. Und dann ist womöglich nicht nur ein Spiel Pause, sondern erheblich länger.
Der Handball braucht ein Grenz-Bewusstsein
Härte gehört zum Handball. Durchbeißen gehört dazu. Kämpfen sowieso. Dieser Sport wird nie weichgespült sein, und das ist gut so. Aber Härte darf nicht in Selbstzerstörung kippen. Es ist ein Unterschied, ob ich mich im Zweikampf durchsetze oder ob ich systematisch medizinische Risiken in Kauf nehme, um noch soeben zu funktionieren. Es ist ein Unterschied, ob ich mal Schmerzen aushalte oder ob ich konsequent die Warnblinker übersehe.
Der Handball braucht keine "weicheren" Spieler. Aber er braucht ein klareres Bewusstsein dafür, wo die Grenze verläuft. Und den Mut, sie auch zu ziehen. Denn am Ende ist die größte Stärke nicht, alles auszuhalten - sondern zu wissen, wann man mal etwas nicht aushalten kann.