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UFC 257 - Dennis Siver im exklusiven Interview: "Ich habe plötzlich zwei McGregors gesehen"

McGregor Siver imago images

Nach seinem erneuten Rücktritt kehrt Conor McGregor endlich in den Octagon zurück. Den Comebackkampf gegen Dustin Poirier sowie das komplette UFC 257 auf der Fight Island in Abu Dhabi überträgt DAZN exklusiv (Sonntag, ab 4 Uhr).

Im Vorfeld spricht mit Dennis Siver Deutschlands erster UFC-Fighter exklusiv über seine Erfahrungen mit McGregor. Siver gibt Einblicke in das Kampfverhalten und verrät einige Anekdoten aus der Woche 2015 in Boston. Außerdem schätzt er die Situation vor dem Kampf gegen den stark verbesserten Poirier ein und äußert sich zur Wahrnehmung seiner Sportart.

Dennis, Sie haben 2017 in einem Interview gesagt, dass man sich als MMA-Kämpfer ganz genau überlegen sollte, bevor man ankündigt in Rente zu gehen. Conor McGregor scheint von ihrem Rat nicht sehr viel zu halten. Er kehrt am Wochenende bereits zum dritten Mal von einem Rücktritt zurück.

Dennis Siver: (schmunzelt) So wie es aussieht wohl eher nicht. Aber es war damals kein Rat speziell an ihn. Ich bin kein Mensch, der Dinge unüberlegt sagt oder tut. Wenn ich mich eines Tages für die Rente entscheide, dann werde ich das auch durchziehen. Deswegen halte ich nicht viel von öffentlichen Rücktritts-Ankündigungen, wie sie bei uns heutzutage öfter vorkommen. Es passiert schnell, dass Kämpfer wieder Lust bekommen oder ein gutes Angebot erhalten. Letztlich gibt es aber keine Regel der UFC, die das ständige Hin und Her verbietet. Also kann jeder tun und lassen, was er möchte.

Glaubt man McGregor diese Sinneswandel noch - oder ist das alles nur noch eine große Marketingstrategie?

Siver: Wahrscheinlich steckt da eine Strategie dahinter. Jedes Mal wenn er den Rücktritt ankündigt und zurückkehrt, zieht er mehr Zuschauer an. Es gibt keine Statistiken, die das beweisen, aber es fühlt sich so an. Das ist so, wie mit jeder Aktion oder Aussage, die Conor McGregor tätigt. Und er sagt ja sehr viel. (lacht).

Sie waren der erste deutsche Kämpfer in der UFC und haben sich bis 2017 mehr als zehn Jahre Respekt erarbeitet mit 21 Siegen. Außerdem durften sie gegen die ganz Großen wie Donald Cerrone und eben McGregor antreten. Vermissen Sie ihre UFC-Zeit?

Conor McGregor

Siver: Es war ja kein ganz freiwilliger Wechsel von mir 2017, nachdem ich gegen BJ Penn gewonnen hatte. Mein Vertrag lief aus, verlängern wollten die Verantwortlichen der UFC nicht. Dann habe ich Gespräche mit verschiedenen Organisationen wie der ACB geführt, aber die Kämpfe sind nicht zustande gekommen. Natürlich war die Zeit in der UFC sehr schön, aber ich war damals nicht mehr der Jüngste und irgendwann ist deine Zeit vorbei. Es war damals ein guter Abschluss in der UFC.

Wie leben Sie heute und wie beeinflusst die Pandemie ihren Alltag und ihren Sport?

Siver: Ich kämpfe seit 2017 nicht mehr professionell. Aber ich trainiere noch so und lasse mir ein Hintertürchen offen, falls doch noch ein lukratives Angebot hineinflattert. Dazu gebe ich viel Training. Wir haben ein eigenes Team und normalerweise betreue ich die Kämpfer auch bei Fights, aber das geht seit der Pandemie natürlich kaum noch und war ein großer Schlag für uns alle. Ich vermisse meine Jungs sehr und den Sport und die Kämpfe vermissen wir alle. Privat geht es mir gut; ich arbeite im öffentlichen Dienst. Das war ein sehr fließender Übergang und deswegen musste ich nicht irgendwelche Kämpfe annehmen, zu denen ich nicht gestanden hätte.

Über die Grenzen der Fachszene wurden Sie 2015 einem breiteren Publikum bekannt, als Sie in ihrem ersten UFC-Hauptfight gegen McGregor in Boston antreten durften (technischer K.o. in Runde 2, Anm. d. Red). Wann zuvor haben Sie den Iren zum ersten Mal wahrgenommen?

Siver: Ich habe damals alle Veranstaltungen verfolgt und das muss so zweieinhalb Jahre zuvor gewesen sein. Man hatte ihn sehr schnell auf dem Radar, weil er so laut war und jede Menge Sprüche geklopft hat. Durch seine Art ist er schnell bekannt geworden. Etwa zwei Jahre vor unserem Kampf wussten alle, wer er ist.

"McGregor wurde damals unterschätzt"

Was zeichnete ihn in dieser Zeit aus?

Siver: Er hat mit seiner Leistung und den Siegen bewiesen, dass er nicht nur Sprüche klopfen, sondern auch Leistung abrufen kann. Das hat er sich verdient. Niemand gewinnt gegen so viele gute Leute mit Glück und dass er seine Sprüche und Prophezeiungen umgesetzt hat, verstärkte seinen Ruf und den schnellen Aufstieg. Sportlich hat er einen ganz ungewöhnlichen, unbequemen Stil. Seine Auslage ist ganz anders, das stört viele. Er hat ein extrem gutes Auge und die Wahrnehmung passt. Zudem schlägt er härter, als man das vermutet und ist sehr schnell. Deswegen wurde er damals unterschätzt. Er hat alles, was einen guten UFC-Kämpfer ausmacht.

Sprechen wir über ihren Kampf gegen Conor McGregor Anfang 2015 im legendären TD-Garden zu Boston. Sekunden nachdem er sie besiegt hatte, stürmte er über den Zaun und ging auf Jose Aldo und seine Begleitung los.

Siver: Ja, das war zu erwarten, dass er da gleich eine Show abliefert. Es war klar, dass Aldo anwesend sein würde und McGregor hat seine provozierende Art bestätigt – das kann er ja am besten. Ich selbst habe das erst im Nachgang wahrgenommen. In den ersten Minuten gibt es ein klares Prozedere. Erst wurde ich untersucht, dann von meinem Team versorgt.

Dennis Siver

Wie ist der Kampf nach ihrer kurzen Dopingsperre damals zustande gekommen?

Siver: Ich habe in meiner UFC Laufbahn ordentliche Kämpfe abgeliefert. Nach dem Sieg über Charles Rosa bei der UFC Fight Night 59 in Stockholm erhielt ich von meinem Management RAW Sports Entertainment und der UFC nur wenige Tage später das Angebot, in Boston gegen McGregor zu kämpfen. Boston hat eine riesige irische Gemeinde und es war klar, dass die UFC ihn bestmöglich promoten möchte. Ich habe das nicht groß hinterfragt. Ich habe in meiner ganzen Karriere nie einen Kampf abgelehnt. Außerdem kann man bei so einem lukrativen Angebot gegen diesen Gegner in einem Hauptkampf auch nicht nein sagen.

Wie bereitet man sich auf McGregor vor?

Siver: Es dreht sich viel um seine Auslage, da er ja als Linkshänder anders steht. Also habe ich mir viele Trainings- und Sparringspartner geholt, die ebenfalls Rechtsausleger sind. Da er im Stand sehr stark ist, ging es viel um Takeouts, um den Kampf auf den Boden zu verlegen.

Siver: War "genervt", dass Conor McGregor mich "Nazi" nannte

In der Woche vor dem Kampf 2015 wurden sie und McGregor bis zur Pressekonferenz penibel voneinander getrennt. Was ist ihnen noch am präsentesten aus der Woche in Boston?

Siver: Es war extrem kalt mit bis zu minus 20 Grad in der Woche. Das war schon extrem. Wir konnten nicht nur wegen der Termine, sondern auch wegen der Temperaturen kaum etwas von der Stadt sehen. Das Interesse war unglaublich groß. Wir haben als Team dem Stress entgegengewirkt, indem wir in Ruhe essen gegangen sind. Auf der Pressekonferenz hat McGregor dann natürlich versucht, mich aus der Fassung zu bringen.

McGregor äußert sich oft homophob, rassistisch – generell unter der Gürtellinie. Sie nannte er "Nazi" und "Steroid-Head". Nach der Pressekonferenz sagten Sie, dass Sie nur noch genervt seien von seinen Sprüchen. Wie belastend ist so etwas in der Kampfvorbereitung?

Siver: Belastend ist zu stark als Wort, aber genervt ist man schon. Ich war zu dem Zeitpunkt aber zu erfahren, als dass es mich hätte verunsichern können. Das wäre definitiv anders gewesen, wenn es mein erster oder zweiter UFC-Fight gewesen wäre. Bei anderen Gegnern konnte man das öfter beobachten, dass sie das belastet und dass sie damit nicht umgehen können. Es war schon überraschend, wie schnell einige in der ersten Runde zu Boden gingen.

Auswirkungen hatten McGregors Beschimpfungen dennoch. Sie wurden vor dem Kampf zitiert, dass er bei Ihnen menschlich unten durch sei und direkt vor dem Kampf haben Sie ihm den Handschlag verweigert.

Siver: Mich hatte es überrascht, dass er mir plötzlich die Hand hinstreckt. Ich bin ein Mensch, der zu seinen Worten steht. Wenn ich etwas über eine andere Person sage, dann meine ich das auch so. Dementsprechend handle ich. Wenn man zwei Monate während der kompletten Vorbereitung über jemanden schlecht redet und vor dem Kampf plötzlich die Hand ausstreckt – das ist dann nicht meine Art. Ich war sehr überrascht und zu fokussiert auf den Kampf und habe es schnell wieder vergessen. Aber er hat mir dann ja noch den Mittelfinger gezeigt als Reaktion. Aber das hat mich nicht mehr gestört.

Wie oft haben Sie sich den Kampf im Nachgang angesehen?

Siver: Das kann ich ihnen gar nicht genau sagen. Es war jetzt nicht so, dass ich mir das nicht anschauen konnte. Man analysiert seine Kämpfe immer und schaut, was man hätte besser machen können. Es waren so sieben bis zehnmal insgesamt.

Siver: "Ich sah Conor McGregor zweimal vor mir stehen"

Sie sind mit ihren Kicks sehr gut in die erste Runde gestartet; McGregor ging sogar einmal kurz zu Boden. Seine Reaktion: höhnisches Klatschen.

Siver: Ja, das habe ich mitbekommen, aber du musst das sofort wieder vergessen und dich auf den Kampf konzentrieren – weil es total ablenkt. Eigentlich darf man sich gar nicht darauf einlassen. Er hat noch einige Gesten mehr gemacht und Grimassen gezogen.

Mitte der ersten Runde traf er sie unterhalb des linken Auges. Danach soll ihr Sichtfeld sehr eingeschränkt gewesen sein.

Siver: Am Ende der Runde hat er mich – keine Ahnung wie – zweimal heftig unter dem linken Auge getroffen. Das ist direkt so dermaßen angeschwollen direkt am Knochen und hoch zum Auge, dass ich alles doppelt gesehen habe für die letzte Minute der ersten Runde. Ich habe also zwei McGregors gesehen und hatte ihn wirklich zweimal vor mir stehen. (lacht)

In der Rundenpause musste der Cutman Schwerstarbeit leisten.

Siver: Ich weiß noch genau, dass ich zu den Jungs direkt gesagt habe: 'Mist, ich sehe den doppelt.' Der Cutman musste das runterkühlen und runterdrücken mit dem Kühleisen und das hat erstmal gegen die Schwellung geholfen. Die Pause vergeht wie im Flug. Als die zweite Runde losging, habe ich weitestgehend normal gesehen. Wäre das nicht so gewesen, hätte mein Team den Kampf sofort abgebrochen.

Was hat dann in Runde zwei den Ausschlag für McGregor gegeben?

Siver: Er hat es sofort geschafft, mir am selben Auge ein Cut zu setzen – dieses Mal oberhalb des Auges. Und die Schwellung von unterhalb stieg ebenfalls wieder an. Spätestes nach einer Minute war das Auge von oben und unten zu. Ab diesem Zeitpunkt habe ich nur noch mit einem Auge sehen können. Das hatte natürlich direkten Einfluss. Ich hatte Wahrnehmungsprobleme und habe von links die Schläge nicht mehr kommen gesehen. Und man muss ganz klar festhalten: Der Typ ist verdammt schnell und die komische Auslage und Bewegungen machen es fast unmöglich, seinen Schlägen auszuweichen.

McGregor Siver

Gab es nach dem Kampf nochmal einen Austausch zwischen ihnen beiden?

Siver: Nach dem Kampf wird man getrennt. Die Verkündung folgte und die Untersuchungen. Nach einigen Einzelinterviews, einer Dopingkontrolle in der Umkleide und ein bisschen Zeit zum Nachdenken, haben wir uns bei der offiziellen Pressekonferenz getroffen. Da saßen wir recht eng beieinander.

Wie war er drauf?

Siver: Conor war wie ausgewechselt, wie ein anderer Mensch. Der Druck schien zum einen abgefallen zu sein und der Kampf war für ihn zum anderen schon völlig abgehakt. Es hat ihn nicht mehr interessiert. Er war schon auf die nächste Aufgabe fokussiert – den Titelkampf. Wir haben uns im Vorbeigehen doch noch die Hand gegeben und es gab einen kurzen Austausch. Aber mein Englisch ist nicht das Beste und sein irischer Akzent ist heftig – also war es in der Hektik recht schwer. Er war plötzlich sehr nett und recht normal. Danach sind wir auseinandergegangen und haben uns bis heute nie wieder getroffen.

Ist bei ihm nun mehr Show dabei, oder ist er wirklich einfach ein bisschen verrückt?

Siver: Ich denke schon, dass er wirklich ein bisschen verrückt ist und sein Inneres und sein Leben nach außen kehrt. Ein paar Dinge sind natürlich Promotion und bewusst erzeugt. Aber ein Teil ist wahr.

Conor McGregor gegen Dustin Poirier: "McGregor gewinnt durch K.o."

Nicht wenige erwarten am Wochenende einen ausgeglicheneren Kampf zwischen McGregor und dem Amerikaner Dustin Poirier als vor sechseinhalb Jahren. Damals wurde Poirier ausgeknockt. Seitdem hat er sich enorm weiterentwickelt und zehn Kämpfe gewonnen. Was erhoffen Sie sich von dem Kampf?

Siver: Ich bin wirklich hin- und hergerissen und sehr gespannt auf den Kampf. Ich hoffe, dass Poirier ein bisschen mehr Glück hat und nicht so früh hart getroffen wird und seine Stärken ausspielen kann. Er hat sich wirklich sehr gut entwickelt und ist gerade erst 32 Jahre alt geworden und damit in einem guten Kampfalter – und hat gute Leute geschlagen. Es wird definitiv nicht mehr so einfach wie damals. Wenn ich mich festlegen muss, sage ich: McGregor gewinnt in der dritten Runde durch K.o.

Würden Sie sagen, dass McGregor unabhängig von Corona seit dem Boxkampf gegen Floyd Mayweather zwischenzeitlich nicht mehr so professionell war? Es sind viele Probleme außerhalb des Octagons öffentlich geworden.

Siver: 100 prozentig sicher kann ich da nicht sein. Natürlich hört man viel. Wir reden viel mit den anderen Kämpfern. Aber da ist niemand aus seinem direkten Umfeld dabei – deshalb muss man da vorsichtig sein. Die Storys über ihn in den Boulevardmedien sind oft auch erfunden mit Quellen, die nicht seriös sind. Aber er macht sicher nicht alles richtig im Leben und muss nun beweisen, ob er 100 prozentig fit ist am Wochenende.

Es gibt Gerüchte, dass Khabib Nurmagomedow am Samstag auf der Fight Island in Abu Dhabi anwesend sein wird und ebenfalls sein Comeback verkünden wird. Steht bei einem Sieg von McGregor einem legendären Rückkampf also nichts mehr im Weg?

Siver: Das ist sehr gut möglich. Ein möglicher Kampf der Beiden wäre für alle Beteiligten sehr lukrativ. Für die Fans wäre das auch eine große Sache. McGregor polarisiert sowieso und Nurmagomedow mit 29 Siegen hat eine tolle Bilanz. Da würde die Kasse mächtig klingeln (lacht).

Abschließend: Wo steht MMA im Vergleich mit Boxen und anderen Sportarten im Jahr 2021?

Siver: Wir entwickeln uns konstant. Natürlich hat die Pandemie den Aufschwung ein wenig gebremst. Aber auch nicht-Kampfsportfans kennen die UFC dank ihrer Medienpräsenz im TV und im Internet. Vor allem in der Zielgruppe 14 bis 30 Jahren erfreuen sich die bekanntesten Kämpfer großer Beliebtheit. Die UFC hat das Boxen in der Wahrnehmung überholt.

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